Der Jahreswechsel wird überschätzt

Mit Vorsatz

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Wann genau sich die Idee herausgebildet hat, dass der Jahreswechsel eine Art Neuanfang ist, man weiß es nicht. Zumal sich nie viel ändert, außer für die, die unbedingt mit selbstangerührtem Sprengstoff hantieren müssen, und die, die unglücklicherweise um sie herumstehen. Für alle anderen geht dagegen alles so weiter wie bisher. Niemand wacht gegen Mittag des Neujahrstags auf und ist plötzlich reich, niemand hat plötzlich angenehme Umgangsformen oder ist plötzlich intelligenter geworden, von dem jeden Jahreswechsel überdauernden Mangel an Stil und Geschmack ganz zu schweigen.

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Insofern ist unklar, was genau eigentlich an Silvester gefeiert wird, außer halt neue Zahlen, was jedoch durchaus ein bisschen irritierend ist, denn angesichts der großen Unbereitschaft und vor allem der großen Unfähigkeit, einfache mathematische Dinge zu verstehen, wie sie zum Beispiel in Statistiken zum Coronavirus vorkommen, scheint die Liebe zu Zahlen nun wirklich nicht jedem gegeben.

Aber es ist, wie es ist, und deswegen wimmelt es gerade nur so von Leuten, die Vorsätze für das Jahr 2022 haben und das natürlich nicht leise und still für sich behalten, nein, überall bekommt man mitgeteilt, dass jetzt aber wirklich mit Sport angefangen werde oder mit gesunder Ernährung oder mit Diäten oder alles gleichzeitig, und renoviert wird natürlich auch; außerdem wird man sich in Zukunft um andere kümmern, egal ob die das wollen oder nicht. Alle wollen schöner und jünger und dünner (oder dicker) sein, kennt man von all diesen Selbst­optimierungstrends, und blonder und besser angezogen und achtsamer und was nicht noch alles. Bloß sich wirkliche Mühe geben und sich bessere Manieren oder etwas mehr Wissen zu­legen, das kommt in keinem schicken neuen Plan vor, wäre ja Arbeit, und anstrengend, also anstrengender noch als zweimal joggen zu gehen und es dann seinzulassen, weil Wetter und langweilig und macht keinen Spaß. Happy 2022!