Der Film »Being the Ricardos« über Lucille Ball

Szenen einer Fernsehehe

In »Being the Ricardos« spielt Nicole Kidman die Fernsehikone Lucille Ball. Diese war nicht nur der Star der ersten Sitcom, sondern auch eine ausgesprochen widersprüchliche Figur in Sachen Emanzipation.

Die Schauspielerin Lucille Ball hatte eine Menge Kämpfe auszufechten. Erst spielte sie jahrelang nur kleinste Nebenrollen, teilweise ohne im Abspann namentlich genannt zu werden. Als »Queen of the Bs« verschrien, da sie eben nur in B-Movies spielte, gelang ihr der große Durchbruch auch nicht durch die Hauptrolle in dem 1942 erschienenen Film »The Big Street«, in dem sie an der Seite von Henry Fonda auftrat. Ihr Studio RKO Pictures ließ sie fallen, und so ging sie zum Radio und sprach die Hauptrolle in der Hörfunksendung »My Favorite Husband«, in der es um ein Ehepaar geht, das in jeder Folge eine kleine Krise durchstehen muss. Dem Fernsehsender CBS gefiel das, und sie machten aus der Radioserie eine Fernsehserie. Und so reüssierte Lucille Ball doch noch, im Alter von 40 Jahren, als turbulente, durchgedrehte und für die Zeit ungewöhnlich aufmüpfige Lucy Ri­cardo in der Serie »I Love Lucy«, die ab 1951 im US-amerikanischen ­Fernsehen lief.

»Being the Ricardos« will kein Biopic sein. Der Subtext des Films erzählt von einer emanzipierten Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein »home«, ein Zuhause.

Reüssieren ist ein fast zu harm­loses Wort für den Erfolg, den Ball hatte. Die zweite Staffel von »I Love Lucy« gilt immer noch als die mit den höchsten Einschaltquoten, die jemals von einer Staffel als ganzer ­erreicht wurden (bis zu 60 Millionen Zuschauer wurden gezählt), und mit der Serie wurde ein Fernsehgenre erfunden, das jahrzehntelang erfolgreich war: die Sitcom. Doch kämpfen musste Ball weiter, und zwar dafür, dass ihr Mann Desi Arnaz auch auf der Mattscheibe ihr Ehemann Ricky sein durfte. Arnaz, ein gebürtiger Kubaner, war nach der kubanischen Revolution von 1933 aus dem Land geflohen. Das sah CBS nicht gern, der Sender knickte aber ein. Ball und Arnaz gründeten gemeinsam 1950 Desilu Productions, eine Produktionsfirma, die auch eigene Studios unterhielt. So wurde Lucille Ball zur ersten Frau, die ein großes Filmstudio leitete.

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Doch auch während »I Love Lucy« lief, blieb Ball nicht von Problemen verschont. 1936 hatte sie sich als Wählerin der Kommunistischen Partei registrieren lassen, nach eigener Aussage aus Sentimentalität ihrem kommunistischen Großvater ge­genüber. 1953 machte sie eine Aussage vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe, das in der berüchtigten McCarthy-Ära auf Kommunistenjagd ging, gerade auch in Hollywood. Der Herald Tribune titelte in roter Schrift: »Lucille Ball Was Red in 1936«. Doch rot waren nur ihre Haare, und die waren auch nur gefärbt, wie Arnaz dem Studiopublikum vor der Aufzeichnung der Folge »The Girls Go Into Business« von »I Love Lucy« versicherte, womit der Skandal gebannt und das Image Lucille Balls wieder vollkommen hergestellt war.

So ähnlich wird das alles auch in dem kürzlich erschienenen Film »Being the Ricardos« erzählt – aber nur so ähnlich. Der Drehbuchautor (»The Social Network«) und Regisseur (zuletzt »The Trial of the Chicago 7«) Aaron Sorkin hat die Geschichte von Lucille Ball für seinen Film nämlich radikal auf eine Woche im Jahr 1953 zusammengestaucht. Eine sehr turbulente Woche, denn in ihr stehen nicht nur die Dreharbeiten für die Folge »Fred and Ethel Fight« an, sondern nach dem Drehbuch wird in dieser Woche auch Balls vermeint­liche kommunistische Vergangenheit enthüllt. Und noch etwas anderes machen die Zeitungen publik: die Untreue von Desi Arnaz. Fotos, die ihn mit anderen Frauen zeigen, lassen Ball (gespielt von Nicole Kidman) aufmerken. Denn einen untreuen Ehemann möchte sie nicht, erst recht nicht, da sie gerade herausgefunden hat, dass sie schwanger ist. Der Film begleitet das Paar durch diese Woche, strukturiert wird das Ganze durch die Produktion der Fernseh­folge, vom ersten table-read über die Proben bis zur Aufzeichnung der Show.

Man könnte dem Film vorhalten, historisch inakkurat zu sein: Viele auch sehr dramatische Szenen im Film sind so nie passiert. Beispielsweise die, in der J. Edgar Hoover, der erste Direktor des FBI, höchstpersönlich per Telefon vor Livepublikum versichert, dass Lucille Ball keine Kommunistin sei. Auch hat Ball nicht in derselben Woche herausgefunden, dass sie schwanger ist, in der auch die Fotos von Arnaz oder ihre Registrierung als Kommunistin in den Zeitungen breitgetreten wurden.

Aber »Being the Ricardos« will kein Biopic sein. Der Subtext des Films erzählt von einer emanzipierten Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein home, ein Zuhause. Deswegen ist sie aber noch lange kein Heimchen am Herd. Im Gegenteil wird Ball von Kidman als eine hochprofes­sionelle Frau gespielt, die die Produktion im Griff hat und schon mal das Drehbuch ändert, um es witziger zu machen, die ihre Schauspielkolleginnen und Kollegen nachts aus dem Bett klingeln lässt, um noch einmal eine Szene zu proben, und die sich gegenüber dem Fernsehsender, den Sponsoren und auch den staatlichen Behörden durchsetzen kann. Das ist natürlich auch alles als Kommentar auf die Rolle von Frauen in der heutigen Filmindustrie zu verstehen, die immer noch weniger Geld als ihre männlichen Kollegen verdienen und über weniger Macht und Einfluss verfügen.

Doch in dem Moment, in dem der Film aus Ball ein selbstbewusstes, von Männern unabhängiges Idol für heute hätte schmieden können, bleibt der Film den Fakten doch treu. In einer Szene erzählt Ball, sie habe »I Love Lucy« nur deshalb gemacht, um mit ihrem Mann Arnaz zusammenarbeiten, sprich: zusammensein zu können. Dieser war nämlich eigentlich Musiker und kam von seinen Konzerten so spät in der Nacht nach Hause, dass er und seine Frau sich so gut wie nie sahen, da sie schon frühmorgens ans Filmset musste.

Dass die Ehe kriselte und Ball alles daran setzte, sie zu retten, koinzidiert auch mit der Folge der Serie, um deren Dreh es im Film geht: »Fred and Ethel Fight« handelt von einem Ehestreit eines mit Lucy und Ricky befreundeten Paars, der im Laufe der Folge auf Lucy und Ricky selbst überspringt. Nur indem sich die beiden gegenseitig Lügen vorspielen, meinen sie, den Streit beilegen zu können. Die Folge erscheint durch »Being the Ricardos« wie ein Metakommentar auf die Beziehung zwischen Ball und Arnaz, als sie die Folge drehten.

Auf der Metaebene verhandelt »Being the Ricardos« auch noch ganz andere Themen, vor allem die Geschichte der Sitcom, die seit dem Auslaufen der großartigen Serie »The Big Bang Theory« 2019 (die ebenfalls von CBS ausgestrahlt wurde) als Genre wohl endgültig tot ist. Klassische Sitcoms zeichnen sich durch zwei Besonderheiten aus: Erstens werden sie vor Livepublikum aufgezeichnet, und zweitens werden sie mit drei Kameras gleichzeitig gefilmt. Dieses Format ist ein Auslaufmodell. Die großen Streamingdienste haben sich seiner nie wirklich angenommen, die drei großen US-amerikanischen Fernsehsender wollen auch nichts mehr davon wissen.

Dass »Being the Ricardos« ausgerechnet vom Streamingdienst Amazon produziert wurde, der Fernsehsender CBS also kein großes Interesse daran zeigt, seinem einstigen Mega­star Lucille Ball ein Denkmal zu setzen, ist eine Ironie der Geschichte. Auch dass sich die großen Filmstudios des Stoffs nicht annehmen, ist bezeichnend. Seit Jahren herrscht dort ein immenser Mangel an Kreativität, jenseits von Blockbustern überlässt man Amazon, Netflix oder den Pay-TV-Sendern die Produktion von sozialkritischen, historischen oder experimentellen Stoffen.

Kein Wunder ist es also, dass viele Hollywood-Schauspieler vermehrt in Serien auftreten; auch Nicole Kidman spielte in den vergangenen Jahren des Öfteren im Fernsehen. Der Schritt vom Film zum Fernsehen, der in den fünfziger Jahren, als Lucille Ball ihn tat, noch anrüchig und ein sicheres Indiz für einen Karriereknick war, ist heutzutage der Karriere nicht mehr hinderlich, nicht zuletzt dank Pionierinnen wie Ball, aber auch Schauspielerinnen wie Betty White (»Golden Girls«) oder Joan Collins (»Dynasty«). Elisabeth Moss oder Sarah Paulson sind hochgelobte Schauspielerinnen, die sogar so gut wie nur aus Fernsehproduktionen bekannt sind.

Bei so vielen Frauen drängt sich die Geschlechtsspezifik geradezu auf. Das Fernsehen ist das Medium der häuslichen Sphäre, also des Ortes, der den Frauen als ihre Domäne aufgezwungen wurde und immer noch wird. Das Fernsehen war folgerichtig viel früher und viel mehr als das Kino daran interessiert, ein Programm für Frauen zu produzieren, und zwar mit Frauen – und was für welchen! Das ging los in den Siebzigern mit der Sitcom »The Mary ­Tyler Moore Show« über eine Frau, die beim Fernsehen arbeitet. Es zeigte sich in den Achtzigern mit »Golden Girls«, einer Sitcom über ältere Frauen, die in einer WG zusammenwohnen, setzte sich in den Neunzigern fort mit Sendungen wie »Buffy the Vampire Slayer« über eine Kämpferin gegen die Dämonen, mit »Sex and the City« über vier eman­zipierte New Yorker Frauen und »Ally McBeal« über eine toughe Anwältin; später folgten »Gilmore Girls« und dann, konsequent, schlicht »Girls«, im vorigen Jahrzehnt kamen die ­Gefängnisinsassinnen aus »Orange Is the New Black« dazu.

Diese Geschichten über selbstbewusste und unabhängige Frauen ­begannen mit Lucille Ball, die, wie Kidman es in »Being the Ricardos« sagt, ausgerechnet physical comedy machte, also nicht intellektuelle Witze, sondern Slapstick. Und die versuchte, ihre Ehe zu retten, und sich ein Zuhause wünschte. In »I Love Lucy« geht es immer wieder darum, wie Lucy aus der Enge ihrer eigenen vier Wände ausbrechen will – die Schauspielerin, die sie spielte, wünschte sich für sich selbst das Gegenteil. Dieser Widerspruch oder, besser gesagt, die Paradoxien der Emanzipa­tion sind das eigentliche Thema von »Being the Ricardos«.

Being the Ricardos (USA 2021). Buch und Regie: Aaron Sorkin. Darsteller: Nicole ­Kidman, Javier Bardem, J. K. Simmons, Nina Arianda

Der Film kann bei Amazon Prime Video gestreamt werden.