In Kolumbien werden wieder mehr Menschen Opfer von Antipersonenminen

Die Gefahr aus dem Boden

Mehr als 12 000 Opfer von Landminen hat Kolumbien bis Anfang 2022 registriert. Die Opferzahlen steigen derzeit wieder, was auf ein Wieder­aufleben des sogenannten schmutzigen Kriegs hindeutet. Tumaco nahe der ecuadorianischen Grenze ist eine der Regionen, in denen erneut Antipersonenminen installiert werden.
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Einige aus dieser 8. Klasse kennen Luz Dary Landázury schon. Die jüngste Tochter der Afrokolumbianerin mit den langen schwarzen Haaren geht in die 6. Klasse in dem weitläufigen Schulkomplex von Candelillas in der Gemeinde Tumaco im Südwesten Kolumbiens. Mehr als 1 000 Schülerinnen und Schüler aus der Kleinstadt und den umliegenden Dörfern haben hier Unterricht. Nur rund eine halbe Stunde Fahrtzeit ist die Grenze zu Ecuador entfernt.

Landázury erklärt den 13 bis 14 Jahre alten Schulkindern, warum sie heute hier ist: »Ich will euch vor Munition und vor heimtückischen Minen warnen, die überall lauern können – auch auf eurem Schulweg. Das gilt vor allem für diejenigen, die in einem der Dörfer in der Umgebung von Candelillas leben.« Dann greift die Referentin der Kolumbianischen Kampagne gegen Minen (CCCM) zu ihrer dicken Bildermappe, auf deren Vorderseite ein Mann zu sehen ist, der auf einer Bank sitzt und in ein Heft schreibt, das auf seinem Oberschenkel liegt, darunter lugen leere Hosenbeine hervor. »Comunidad Preve­nida« (etwa: Vorbereitete Gemeinde) steht daneben, darunter prangt das Logo der Cáritas Colombiana.

»Wisst ihr, wie Patronen, Granaten und Minen aussehen, wie sie versteckt sein können, was ihr macht, wenn ihr ein Kabel irgendwo aus der Erde hervorschauen seht?« fragt Landázury und blickt in die Runde der knapp zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse von María Inés Borja. Die Klassenlehrerin sitzt an einem der freien Pulte in der letzten Reihe und macht ein Foto von Landázury, die mit der aufgeklappten Mappe durch die Reihen geht und jedem und jeder Heranwachsenden die Fotos von Minen unterschiedlicher Bauart zeigt. Kleine und mittelgroße Minen sind darauf zu sehen, aus Plastik, aus Metall, verrostet, von Matsch bedeckt, in großen Pfützen liegend oder mit einer feinen Erdschicht bedeckt, so dass sie kaum zu erkennen sind.

»Wir registrieren eine Zunahme der Opfer von Antipersonenminen in der gesamten Region von Tumaco.« Jandro, Sozialarbeiter

Die Minen wurden ausgelegt, um den Zugang zu Kokafeldern und Camps der kriminellen Banden zu versperren oder wichtige Pfade für den Nachschub von Chemikalien, Waffen und anderen Materialien zu sichern. Alltag in Kolumbien, wo Minen über Jahrzehnte von der Guerilla und bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auch von der Armee und von manchen paramilitärischen Gruppen genutzt wurden – und es immer noch werden. Zehntausende Minen liegen in Kolumbien noch versteckt, schätzen die Expertinnen und Experten der CCCM.

Nur in wenigen Gebieten des großen Landes wurden sie gründlich beseitigt. Ein paar Vorzeigeprojekte hat es gegeben, in denen ehemalige Guerilleros der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), die im November 2016 nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit der kolumbianischen Regierung die Waffen niedergelegt hatten, gemeinsam mit der Armee einzelne Dörfer von den Sprengfallen befreiten. Auf diese erfolgreichen Projekte beruft sich der kolumbianische Staat gern. Die Regierung des derzeit amtierenden Präsidenten Iván Duque ist der Meinung, dass auch unter ihr großartige Arbeit geleistet worden sei. Meist wurde diese aus dem Ausland finanziert, unter anderem von Deutschland.

Überleben in der roten Zone
Landázury und die kirchliche Hilfsorganisation Pastoral Social de la Diócesis de Tumaco (Sozialseelsorge der Diö­zese Tumaco) sind nicht ganz so optimistisch. »Wir registrieren eine Zunahme der Opfer von Antipersonenminen in der gesamten Region von Tumaco, aber auch in Richtung Pasto, der Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Nariño«, sagt der Sozialarbeiter Jandro von der Pastoral Social, deren Pendant die Caritas in Deutschland ist. Sie ist der wichtigste Anlaufpunkt für Opfer von Antipersonenminen.

Der Verwaltungsbezirk Nariño, der an Ecuador grenzt und zu dem auch Tumaco gehört, ist eines der Gebiete mit den höchsten Opferzahlen, denn er zählt zu den wichtigen Anbau­regionen von Koka, und derzeit steigt die Produktion wieder. Das hat verschiedene Gründer, so Jandro, der seinen Nachnamen lieber für sich behalten will. Allzu offene Kritik an der Bilanz des Friedensabkommens zwischen der Regierung und der Guerilla Farc kann in Kolumbien riskant sein – auch für einen Mitarbeiter der Pastoral Social. Sie gilt in vielen Regionen des Landes als Bastion der Verteidigung von Menschenrechten, warnt vor der neuerlichen Rekrutierung von Kindern durch bewaffnete Gruppen und unterstützt Opfer von Minen landesweit unter anderem psychologisch und juristisch. Zudem bietet sie Nothilfe und medizinische Versorgung.

In einigen Fällen hat die juristische Hilfe dazu geführt, dass zivile Opfer von Antipersonenminen vom Staat eine kleine Rente erhalten, die zumindest für das Nötigste reicht. »Doch das ist in der Region von Tumaco nur selten der Fall«, sagt die Psychologin Flora Tatiana Paredes, die gemeinsam mit Jandro zum Team der Pastoral Social gehört und ihr Büro in einem Anbau der Hauptkirche der Hafenstadt San An­drés de Tumaco hat, die der Kürze halber schlicht Tumaco genannt wird.

Die Stadt Tumaco hat rund 250 000 Einwohner mehrheitlich afrokolumbianischer Herkunft. Für viele außerhalb der Stadt lebende Minenopfer ist diese aber nur schwer zu erreichen. Sie können sich oft die Transportkosten nicht leisten, die Armut ist in der Region kaum zu übersehen, die Infrastruktur schlecht. Die kirchliche Organisation freut sich daher über Freiwillige, die an Ort und Stelle in den kleinen Städten und Dörfern aktiv sind. So wie Landázury, die regelmäßig in der Diözese Tumaco vorbeischaut und über die Situation in Candelillas berichtet.

Die Lage dort ist brisant, denn die Kleinstadt, rund 40 Kilometer von Tumaco entfernt, liegt in einer sogenannten roten Zone. Kolumbien wird je nach Ausmaß der gewalttätigen Konflikte in verschiedenfarbige Zonen eingeteilt, rot sind Hochrisikozonen. Rund um Candelillas wird angebaut, was den Kleinbauern der Region ein Auskommen ­gewährleistet: Koka. Die Blätter des Kokastrauchs werden lokal verarbeitet, das abgepackte Kokain wird dann entweder nach Ecuador und von dort weiter gen Norden geschmuggelt oder über den kolumbianischen Hafen Buen­aventura sowohl nach Europa als auch in die USA verschifft. Routen gibt es etliche und nicht nur in Candelillas, sondern in mehreren Regionen Kolumbiens ist der Kampf um deren Kontrolle längst wieder aufgeflammt.

Drogen und Minen
»Die Nähe zur Grenze ist das größte Problem. Wer sie kontrolliert, kann die Drogen leichter absetzen«, meint Landázury, die nach ihrem Vortrag in der Schule zum Kaffee nach Hause eingeladen hat, was für sie nicht ungefährlich ist. Sie wisse von zwei Banden, die in und um Candelillas präsent seien: »Expediente 30« (Akte 30) und »Los Contadores« (die Buchhalter) nennen sie sich. In Candelillas gibt es viele Spitzel, die für eine der beiden Banden, die sich aus ehemaligen Guerilleros der Farc rekrutieren sollen, Augen und Ohren aufhalten. Landázury ist sich sicher, dass es auch über sie selbst Berichte gibt.

Doch das ändere nichts an ihrem Engagement. Der 10. Oktober 2012 sei der Wendepunkt in ihrem Leben gewesen, erzählt sie. Bis dahin führte die Mutter von vier Kindern ein unspektakuläres Leben, arbeitete im Gesundheitsposten von Candelillas als Krankenschwester und kümmerte sich um ihre jüngste Tochter, die rund ein Jahr zuvor zur Welt gekommen war. Mit dieser sei Landázury an jenem 10. Oktober nach Tumaco gefahren, habe beim Fotografen Bilder machen lassen und sei anschließend mit ihrer Jüngsten noch an einem Strand gewesen, bevor sie sich ein Sammel­taxi zurück nach Candelillas gesucht hätte. »Als der Wagen die Einfahrt zum Dorf passierte, machte das Auto einen Satz und mir schoss der Schmerz ins linke Bein«, erinnert sie sich an den Moment, der ihr Leben verändert habe und über den sie auch den Schülerinnen und Schülern der 8. Klasse Auskunft gab.

Das Auto war über eine Antipersonenmine gefahren und die Splitter des heimtückischen Sprengsatzes zerfetzten ihre linke Wade und verletzten ihren linken Arm. Ihre kleine Tochter, die auf ihrem Schoß gesessen hatte, blieb unverletzt. Vier Stunden habe es gedauert, bis Landázury ins Krankenhaus nach Tumaco und von dort am nächsten Tag in die besser ausgestattete Klinik nach Pasto gebracht worden sei, erzählt sie. »Ich habe Glück gehabt, denn in Pasto hat Rosa Palacios sich um mich gekümmert und mich wieder aufgebaut.« Palacios ist die Leiterin des Leiterin der Abteilung für Minenopfer der Diözese von Pasto und sie hat sich mit ihrem Team um Landázury gekümmert.

Mehr als zwei Jahre und ein halbes Dutzend Operationen habe es gedauert, bis sie wieder leidlich hergestellt war. Dank der psychologischen Hilfe der Expertinnen und Experten in Pasto und der Unterstützung ihrer Familie könne sie wieder optimistisch in die Zukunft blicken. Das linke Bein zieht sie etwas nach, trippelt manchmal, um den Längenunterschied auszugleichen, lässt sich aber nicht davon abhalten, an einem Tag wie heute in knallroten Pumps vor die Schülerinnen und Schüler zu treten.

»Die Nähe zur Grenze ist das größte Problem. Wer sie kontrolliert, kann die Drogen leichter absetzen.« Luz Dary Landázury, Referentin für Minenschutz

Seit mehr als fünf Jahren ist Landázury für die CCCM für die Caritas aktiv, die dort organisierten Opfer von Antipersonenminen in der Region haben sie zu ihrer Sprecherin gewählt. Eine gute Wahl, denn Landázury ist redegewandt, sympathisch und obendrein mutig. Einen ausländischen Journalisten zu einer Visite an die Schule von Candelillas und anschließend ins eigene Haus einzuladen, inklusive Spaziergang durch den Ort, so etwas sehen die Banden nicht gern. Klare Vorgaben wie die, keine ­Fotos im Ort zu machen, durch den der Fluss Mira mäandert, hat es allerdings vorab gegeben. »Ich will schließlich nicht von einer der beiden Banden aufgefordert werden, binnen einer Stunde Candelillas zu verlassen«, sagt Landázury offen.

Traumatisiert durch den Konflikt
Trotz der Unterstützung durch Hilfsorganisationen haben es Minenopfer hier nicht leicht. »Wir sind alle traumatisiert. Das und die zahlreichen bürokratischen Hürden erschweren es uns, unsere Rechte einzufordern«, erzählt Landázury. Eine Million Pesos (rund 240 Euro) koste allein die ärztliche Untersuchung, um die Arbeitsunfähigkeit nachweisen zu lassen, bestätigt Rosa Palacios. Direkte Folge sei, dass nur wenige Opfer eine staatliche Rente erhalten.

Libio Manuel Betancourth ist eines von ihnen, sein Herkunftsdorf liegt zwischen Pasto und der Stadt Tumaco. Er trat auf eine Mine, als er einem Mitarbeiter eines Stromunternehmens half, einen gesprengten Strommast zu flicken. Er ist zu 62 Prozent schwerbehindert und erhält seit 2016 eine kleine staatliche Rente. Ohne den Rechtsbeistand der Pastoral Social wäre das kaum möglich gewesen. »Doch es sind kaum mehr als 20 Opfer, denen wir zu einer Rente verhelfen konnten«, so Palacios. Im Verhältnis zu den mehr als 1 000 Opfern von Antipersonenminen allein in Nariño sind das sehr wenige. Und die Zahl der Minenopfer steigt wieder an. Bis zum 28. Februar zählte Kolumbien in seiner Geschichte landesweit 12 170 Opfer, darunter 24 aus den ersten beiden Monaten dieses Jahres. ­Mindestens fünf davon seien aus Nariño, so Palacios. In dem Verwaltungsbezirk habe immer noch keine Minenräumung stattgefunden. Der Grund: fehlende Sicherheit.

Die Hoffnung, dass die Zahl neuer Opfer nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Guerilla Farc und der kolumbianischen Regierung sinken werde, hielt nur kurze Zeit. 2016 und 2017 sanken die Zahlen ­ziviler Minenopfer auf 38 beziehungsweise 42 Personen. Doch ab 2018 stiegen sie wieder: erst auf 94, 2019 auf 66, 2020 waren es dann 110 und 2021 schließlich 93 zivile Opfer. »Wir wissen, dass Bewaffnete neue Minen installieren«, so Palacios. Candelillas gehört zu den Gegenden, in denen das der Fall ist, deshalb ist Landázury wieder öfter an Schulen unterwegs, um Vorträge zu halten und die Kinder zu warnen.

Der Rektor des Schulkomplexes von Candelillas, Jorge Sinisteras, begrüßt das, denn er weiß, dass es um Candelillas keinen Frieden gibt. Das bestätigt Landázury: »Gerade 18 Monate war es hier ruhig. Es wurde diskutiert, die ­Leute saßen abends vor der Haustür, unterhielten sich über den Alltag, den Krieg, die Hoffnungen.« Verantwortlich für das neuerlich wieder steigende Maß an Gewalttaten macht sie vor allem den kolumbianischen Staat. »Zwar hat sich die Regierung verpflichtet, die Infrastruktur gerade in den Gebieten, wo die Farc lange präsent waren, so wie in Candelillas, zu verbessern, Substitutionsprojekte für den Anbau von Koka, bessere Bildungsstrukturen aufzubauen und die zivile Präsenz des Staats zu stärken. Doch nichts davon wurde eingehalten«, ärgert sie sich.

Sie betrachtet die Rückkehr des bewaffneten Konflikts in der Region als Konsequenz dieser Versäumnisse. Für die Armee hat sie nicht mehr als eine wegwerfende Handbewegung übrig. Also hält sie wieder öfter Vorträge an der Schule, verteilt bedruckte Turnbeutel von der »Kolumbianischen Kampagne gegen Minen« und hofft, dass die Kinder fortan vorsichtiger sein werden. »Das ist nötig, denn die Banden in der Umgebung installieren wieder die heimtückischen Dinger«, sagt sie und rollt genervt mit den Augen. Dann erklingt die Hupe des Taxifahrers vor der Haustür. Zeit für die Fahrt nach Tumaco.