Geburtstagsgedanken

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: 25 Jahre »Jungle World«.

Meine Geschichte mit der Jungle World begann, als ich im Herbst 2002 einen Anruf von Fil bekam, der meinte, ich solle einen Strip für die Comicseite vorbereiten. Ich kannte die Jungle World und wusste, dass Fil und Oliver Naatz, dort ihren Comicstrip »Lilli & Poldi« veröffentlichten. Mein eigens für die Zeitung konzipierter Strip »Bigbeat­land« lief zunächst im Wechsel mit einem anderen Strip und bekam dann seinen festen wöchentlichen Platz, auf dem er 15 Jahre blieb.

Anzeige

»Oh, du darfst Hakenkreuze!«, ­sagte Olli mit gespieltem Neid, als er meinen Comicstrip sah. »Ich darf auch keine Hakenkreuze zeichnen«, erwiderte ich. »Ich zeichne sie nur, um Nazis kenntlich zu machen. Im Kontext meiner Geschichten.«

Oliver Naatz und ich lieferten unsere Comicstrips vor 20 Jahren jeden Sonntag gemeinsam in der Redaktion ab. Die Tür öffnete uns jedes Mal Thomas Blum, der im Vorraum über seinen Korrekturen brütete. Im Layout begrüßte uns freundlich Heiko von Schrenk, nahm unsere Strips entgegen und scannte sie ein.

Lafontaine signiert sein neues Buch »Das Herz schlägt links«, neben ihm sitzt Monica Lewinsky, mit ihrem Buch »Der Schwanz steht in der Mitte«.

Deniz Yücel und Bernd Beier stritten im Nebenraum über irgendwas. Ivo Bozic brachte eine redigierte ­Fahne und begrüßte uns freundlich. Thomas Blum kam fluchend rein und las laut einen Text vor, der ihm besonders bescheuert vorkam. Die Geschäftigkeit der Redaktion inspirierte Olli immer zum Krakeelen: »Verdammte Linke! Habt ihr überhaupt gedient? Wie sieht das denn aus hier!? Sauhaufen, verdammter!« Bis es Holger Hegmanns zu bunt wurde, er Olli samt Stuhl aus dem Layout hinausrollte und die Tür hinter ihm zuknallte. Worauf Olli die Tür wieder öffnete und auf dem Stuhl wieder hineinrollte. Holger rollte ihn wieder raus und so ging es hin und her. Nach der Arbeit gingen wir immer ins Café Atlantic und bestellten Kaffee und Kuchen.

Die Hakenkreuzgeschichte ist ­übrigens beispielhaft für das Gefühl, mit dem ich über viele Jahre die Redaktionsräume der Jungle World betrat. Oft dachte ich: Ob sie das wohl drucken werden? Vieles von dem, was dann tatsächlich gedruckt wurde, etwa detaillierte sexuelle Darstellungen und Gewalt, würde heute vielleicht nicht mehr so einfach durchgehen.

Dabei ging es mir damals nicht vorrangig um Tabubruch oder Provokation. Neben dem viel radikaleren Naatz und dem professionellen Humoristen Fil, die beide ein genaues Gespür für Tabus hatten, waren meine Figuren und Geschichten deutlich zahmer und versöhnlicher. Ich wusste aus eigener Erfahrung, was andere, größere Zeitungen niemals drucken würden.

Zwei Jahre bevor ich bei der Jungle World anfing, hatten meine Freundin Julia und ich einen Strip in der Berliner Zeitung. Sie schrieb unseren heiteren Familienstrip »Sophie«, ich zeichnete nur. Jede Woche fuhr ich mit meiner Mappe zum Verlagsgebäude am Alexanderplatz und lieferte meine Seite im elften Stock ab. Dort begutachtete zunächst der Redakteur die Seite und schickte sie dann in die Graphikabteilung.

Ich erinnere mich nicht mehr, ­warum, aber Julia und ich waren ­gemeinsam dort, als der Redakteur plötzlich nervös wurde. Schon hatte er den Telefonhörer in der Hand und rief den stellvertretenden Chefredakteur an: »Hallo, Herr Schrott­hofer, es geht um den Comicstrip. D … d … der ist politisch! Kommen sie runter oder soll ich hochkommen?« Ein paar Minuten später stand Schrotthofer vor uns und begutachtete mit ernster Miene unsere bunte, handkolorierte Seite. Im ersten Bild ist die kleine rothaarige Sophie auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen. Im Hintergrund signiert Oskar Lafontaine sein neues Buch »Das Herz schlägt links«, neben ihm sitzt Monica Lewinsky, mit ihrem Buch »Der Schwanz steht in der Mitte«.

»Das geht natürlich gar nicht«, sagte Schrotthofer, »Die Berliner Zeitung druckt keine erigierten Penisse!« Und damit war das Thema erledigt. Ich nahm die Seite wieder mit nach Hause und überklebte den winzigen Penis. Was hatten wir uns gedacht? Nichts. Die Redakteure guckten von da an doch mit viel größerer Aufmerksamkeit auf unsere »Fremdgraphik«.

Die Erfahrung mit größeren Medien hat meine Arbeit für die Jungle World geprägt. Wenn ich in späteren Jahren gelegentlich für Illustrations- oder Comicjobs nach Arbeitsproben gefragt wurde, musste ich immer feststellen, dass viel von meinem aktuellen Material unbrauchbar war. Zu viel Sex, zu viel Gewalt, zu politisch, zu sehr auf subkulturelle Themen referierend. All das hatte ich so abgebildet und geschrieben, weil mir die Freiheit und die Unabhängigkeit der Jungle World bewusst war, die ich bis heute schätze.

Meinen ersten Text über türkische Comics schrieb ich noch von Hand. Deniz Yücel musste ihn für mich abtippen. Später ging Heike Runge mit mir meine Texte durch: »Den Begriff benutzen wir nicht«, kommentierte sie, oder: »Und das hier geht auch nicht. Das ist Fanzine-Sprache.« Das war sehr hilfreich. Ohne Heikes Unterstützung hätte ich sicher nie angefangen zu schreiben. Ich bin den vielen Redakteuren und Redakteurinnen, mit denen ich in den vergangenen zwanzig Jahren zusammengearbeitet habe, dankbar. Jungle World: Rock on!