Die McCarthy-Ära und das James Webb Space Telescope

Spektakuläre Bilder mit Schönheitsfehler

Laborbericht Von

Fast 30 Jahre Planung, Kosten von rund zehn Milliarden US-Dollar und ein hochkomplexes technisches Konzept, bei dem so viel hätte schiefgehen können, dass es den Verantwortlichen beim Start den Angstschweiß auf die Stirn trieb: Das sind die Eckdaten des James Webb Space Telescope (JWST), das Weihnachten 2021 in den Weltraum startete und Mitte Juli den ganzen Aufwand mit ersten spektakulären Bildern aus den Tiefen des Alls rechtfertigte.

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Ungeteilt war die Begeisterung zunächst nicht. Die astronomischen Summen, die das Vorhaben verschlang, hätten so manche lieber für die Forschungsförderung und simplere, aber dafür weniger pannenanfällige Projekte ausgegeben gesehen. Nachdem das Hightech-Instrument es unbeschadet an seinen ­Bestimmungsort geschafft und nun auch medienwirksam seine Funktionstüchtigkeit unter Beweis gestellt hat, dürfte zumindest diese Kritik weitgehend verstummt sein.

Weniger leicht auszuräumen ist der Unmut, den die Namensgebung ausgelöst hat. Benannt ist das Weltraumteleskop nach James Edwin Webb, der von 1961 bis 1968 die US-Weltraumbehörde Nasa leitete; wissenschaftliche Entdeckungen weist seine Karriere nicht auf, denn er war kein Astronom, sondern schlicht ein hoher Verwaltungsbeamter.

In dieser Eigenschaft allerdings spielte er eine unrühmliche Rolle in der McCarthy-Ära, deren Antikommunismus auch schwulenfeindliche Sumpfblüten trieb: Man unterstellte Homosexuellen kommunis­tisches Sympathisantentum und fürchtete, die Möglichkeit eines Outing mache sie erpressbar. Tau­sende Menschen verloren ­deshalb in dieser Zeit ihre Stelle im öffent­lichen Dienst – auch bei der Nasa unter Webb. In einer Petition forderten daher im vergangenen Jahr über 1 000 Forschende eine Umbenennung des JWST. Die Weltraumbehörde jedoch sah »keinen Grund«, den ­Namen zu ändern. »Schnoddrig und armselig« nannte die Astronomin Lucianne Walkowicz diese Antwort und legte aus Protest ihren Posten als Nasa-Beraterin nieder.

Dabei hätte es durchaus würdigere Kandidatinnen für die Benennung gegeben. Wiederholt wurde in der Diskussion zum Beispiel der Name Vera Rubin genannt. Die 2016 verstorbene Forscherin war maßgeblich an der Entdeckung der Dunklen Materie beteiligt – eigentlich nobelpreiswürdige Forschung, doch Rubin wurde bei der Vergabe zeitlebens übergangen. Auch der Name Henrietta Leavitt Space Telescope wäre eine gute Wahl gewesen. Leavitt war eine der ersten Frauen in der Astronomie und entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Methode, Entfernungen im All zu vermessen; Grundlage für die Erkenntnis, wie unvorstellbar riesig das Universum ist.

Dessen Geheimnisse werden nun also stattdessen unter dem Namen eines schwulenfeindlichen Sesselfurzers erforscht – man darf dies als Denkmal betrachten, das die Nasa ihren noch immer arg verkrusteten Strukturen gesetzt hat.