In Basel wurde das 125jährige Jubiläum des Zionistenkongresses begangen

Herzl geht nach Basel

Ende August wurde in Basel unter Anwesenheit des israelischen Staats­präsidenten des ersten Zionistenkongresses vor 125 Jahren gedacht. Während bei der Jubiläumsfeier wenig Raum für Dis­kus­sionen blieb, zeigt ein Blick in die Geschichte, wie stark die zionistische Bewegung schon damals gespalten war.

Im September 1897 schreibt der Journalist und Schriftsteller Theodor Herzl einen historischen Satz in sein Tagebuch: »In Basel habe ich den Judenstaat gegründet.« Es ist sein Fazit des ersten Zionistenkongresses, der eine Woche zuvor unter seinem Vorsitz im Stadtca­sino Basels stattgefunden hatte.

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196 Männer und 14 Frauen aus zahlreichen Ländern nahmen an der Versammlung teil. Zwei historische Entscheidungen wurden auf dem ersten ­Zionistenkongress getroffen. Erstens verabschiedeten die Teilnehmenden das sogenannte Basler Programm, das die »Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina« forderte. Und zweitens wurde die Zionistische Weltorganisation (WZO) gegründet, um die formulierten Ziele weiterzuverfolgen.

Der für den Zionistenkongress ursprünglich vorgesehene Veranstaltungsort München scheiterte am Widerstand der dortigen jüdischen Gemeinde.

Es ist eben jene WZO, die 125 Jahre später nach Basel einlädt. Die Jubiläumsfeier bestand aus einem Galaabend mit dem israelischen Staatspräsidenten Yitzhak Herzog am 29. August und einer vorangehenden zweitägigen Tagung in der Basler Messe. In den Lokalmedien war das Jubiläum schon mehrere Monate vorher Thema. Einige Tage vor der Galafeier kreisten bereits Helikopter über der Stadt, ein großes Aufgebot der Schweizer Polizei und Armee begleitete die mehrtägigen Veranstaltungen. Unter dem Motto »Free Palestine – No to the Zionist Congress!« protestierten am Tag der Jubiläumsfeier, an der über 1 200 Jüdinnen und Juden aus aller Welt teilnahmen, rund 300 Personen.

In einer anlässlich des 100jährigen Jubiläums herausgegebenen Konferenzschrift schilderte die Historikerin De­sanka Schwara, wie sich als Reaktion auf Unterdrückung und Diskriminierung im ausgehenden 19. Jahrhundert ein jüdischer Nationalismus entwickelte: »Unter dem Eindruck der Pogrome der Jahre 1881 und 1882 im Russischen Reich«, schreibt sie über die sogenannten »Stürme im Süden«, die auf das Gerücht folgen, Juden steckten hinter der Ermordung von Zaren Alexander II., »begann auch die bereits russifizierte jüdische Jugend, den Weg zum Judentum zurückzufinden.« Es bildete sich die Bewegung Hibbat Zion (Zionsliebe), deren Anhänger sich Hoveivei Zion (Zionsliebende) nannten und ­deren Ziel die Auswanderung nach Erez Israel, nach Palästina, war.

Auch der Arzt und Schriftsteller Leon Pinsker gehörte Hibbat Zion an. Seine 1882 veröffentlichte Streitschrift »Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden« steht in einer Reihe mit anderen frühen zionistischen Schriften wie etwa »Goral la-Adonai« (1857, in etwa: Ein Land für den Herrn) des orthodoxen Rabbiners Judah Alkalai oder dem 1862 erschienenen Buch »Rom und Jerusalem« des kommunistischen Schriftstellers Moses Hess. Pinskers Schrift verstärkte den Wunsch nach Selbstemanzipation gerade unter den Ostjuden, wie der Historiker Heiko Haumann in der Konferenzschrift ausführt: »Sie mussten feststellen, dass eine Emanzipation ›von außen‹ auf absehbare Zeit nicht erwartet werden konnte, zumal die nichtjüdische Gesellschaft selbst nicht emanzipiert war.« Im Sinne der Hibbat Zion beginnt ab 1882 mit der ersten sogenannten Alija die Auswanderung von kleinen Gruppen nach Palästina. Sie kaufen Land, gründen Kolonien und Siedlungsgesellschaften.

Auch in Westeuropa ­wurde die Idee des Nationaljudentums vertreten, sagt Erik Petry, Professor an der Universität Basel und stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien, im Gespräch mit der Jungle World. »Aber es fehlt ein Durchbruch. Dann kommt Herzl 1896 mit seinem Buch ›Der Judenstaat‹. Wenn man die ganzen Texte des Zionismus von vorher kennt, dann ist das nichts Neues. Aber es ist zum richtigen Zeitpunkt eine Schrift, die die Leute aufrüttelt.«

Der israelische Philosoph Micah Goodman sagte am ersten Tagungstag in Basel:«Herzl glaubt nicht daran, dass die westlichen Regierungen die Lösung sind. In Westeuropa sind die Juden rechtlich akzeptiert, aber das bedeutet nicht, dass sie auch emotional akzeptiert sind.« Die Assimilation sei Herzl zufolge zum Scheitern verurteilt gewesen, so Goodman: »Eines Tages, sagt Herzl in ›Der Judenstaat‹, wird es in einer Katastrophe enden.«

Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete Herzl als Journalist für die Wiener Neue Freie Presse in Frankreich und erlebte mit, wie dem jüdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus mit falschen ­Beweisen der Prozess wegen Landesverrats gemacht wurde. Der von verschiedenen Zeitungen angestachelte Antisemitismus in Frankreich schockierte ihn, sagt Erik Petry: »Er rechnete nicht damit, dass es im freien, großen, bürgerlichen Frankreich genau so Antisemitismus gab, wie er ihn aus Österreich-Ungarn kannte.« In »Der Judenstaat« formulierte Herzl seine Schlussfolgerung, dass die Assimilation komplett gescheitert sei. »Es gab für Herzl nur den einzigen Ausweg«, sagt Petry, »einen eigenen Staat unter der Devise, dass man ein Volk ist.«

Obwohl Herzls Position zu dieser Zeit noch marginal ist, bringt er den Zionismus voran. »Die Idee, einen jüdischen Staat zu haben, klingt zwar noch ein bisschen verrückt, aber dass ein Volk einen Staat haben muss, entspricht dem Denken der Zeit«, sagt Petry. Schließlich versammeln sich am 29. August 1897 in Basel die 210 Teilnehmenden des ersten Zionistenkongresses.

Der sozialistische Zionist und zweite jüdische Nationalrat in der Schweiz, David Farbstein, schrieb im 1922 erschienenen Sammelband »Warum gingen wir zum Ersten Zionistenkongress?«: »Herzl will eine Befreiung vom nationalen Hass und daher ist für ihn der Judenstaat die Hauptsache.« Für den Sozialisten Farbstein sei »die Änderung der ökonomischen Lebensbedingungen« die Hauptsache, doch »weil diese Änderung nur in einem Judenstaat erfolgen kann, ist auch ein Judenstaat die Hauptbedingung für die Lösung der Frage«.

Farbstein korrespondierte mit Herzl vor dem Kongress über den Tagungsort. Der ursprünglich vorgesehene Veranstaltungsort München scheiterte am Widerstand der dortigen jüdischen Gemeinde. Auch der deutsche Rabbinerverband sah den Zionismus als Gefahr für die Assimilation. Zürich, die zweite Wahl, fiel ebenfalls weg, da dort zu viel russische Geheimpolizei präsent sei. Farbstein empfahl Herzl stattdessen Basel: »Es gäbe auch ein koscheres Restaurant dort«, habe Farbstein Herzl geschrieben, erzählt der Historiker Petry.

»Basel ist zu dieser Zeit eine Stadt mit einem selbstbewussten Bürgertum, das offen ist für Diskussionen, die nicht in jedes bürgerliche Verständnis passen«, sagt Petry. »So findet hier 1912 auch der sozialistische Friedenskongress (der Zweiten Internationale, auch bekannt als Außerordentlicher Internationaler Sozialistenkongress, Anm. d. Red.) statt.«

In den Diskussionen beim Zionistenkongress, die man in den Protokollen nachlesen kann, stehen sich vor allem zwei Strömungen gegenüber. »Die eine Richtung ist jene, der Herzl folgt, der Politische Zionismus. Er geht davon aus, dass man einen Staat wahrscheinlich nur dann bekommt, wenn die anderen europäischen Großmächte das Bestreben unterstützen«, erklärt Petry. »Die andere Richtung ist jene des Praktischen Zionismus, die darauf insistiert, dass man schon seit den 1880er Jahren in Palästina sei und es seit 1882 die sogenannten landwirtschaftlichen Kolo­nien gebe. Diese müssten Schritt für Schritt ausgebaut werden.« Diese ­Strömung ist von Hibbat Zion und Leon Pinsker inspiriert.

Auch der religiöse Zionismus ist vertreten, unter anderem in Person des Rabbiners von Basel. Dieser stehe aber vor einem Dilemma, so Petry: »Eigentlich bringt ja der Messias das jüdische Volk wieder ins Heilige Land. Aber es gab schon vor Herzl einige Rabbiner, die sagten, dass die Juden dem Messias ein bisschen helfen und praktisch tätig sein müssten.« Während sich in den folgenden Kongressen weitere politische Richtungen wie der Sozialistische Zionismus herausbildeten, wurde auf dem ersten Kongress vornehmlich über die Situation der jüdischen Bevölkerung in den jeweiligen Ländern informiert.

Auch 125 Jahre später und 74 Jahre nach der Gründung des Staates Israel gibt es sehr unterschiedliche Haltungen zum Zionismus sowohl in Israel als auch in der Diaspora. So werden auch bei der Jubiläumstagung stets die Differenzen betont, vor allem die zwischen religiösem und liberalem Zionismus und jene zwischen Israel und der Dia­spora. Nachdrücklich wird auch auf den immer noch wirkmächtigen Antisemitismus hingewiesen: »Einer der Gründe für Herzl war der Antisemitismus. 125 Jahre später ist er noch immer überall präsent«, sagt beispielsweise Raheli Baratz, die Vorsitzende der Abteilung zum Kampf gegen Antisemitismus in der WZO.

Auch die Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission, Katha­rina von Schnurbein, betont in ihrer Rede: »Nach der Shoah stellte ein eigener Staat die letzte Hoffnung dar.« Noch heute trete der Antisemitismus in verschiedenen Formen auf. Und ge­rade in der Linken verstecke er sich oft hinter dem Antizionismus.

Während in der Basler Innenstadt die 300 Demonstrierenden unter dem Motto »Free Palestine« ihren Unmut über die Jubiläumsfeier kundtun, wird der Konflikt mit der palästinensischen Bevölkerung während der Jubiläumsfeier kaum thematisiert. Das mag zum ­einen am festlichen Charakter der Veranstaltung liegen, zum anderen am für Diskussionen wenig Raum lassenden Programm der WZO.

Derweil betonte der Schriftsteller Micah Goodman auf der Tagung die Möglichkeiten für ein harmonisches Zusammenleben zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung. Er verwies in diesem Zusammenhang auch auf Herzls utopischen Roman »Altneuland«, der die jüdische Gesellschaftsordnung in Palästina entwirft. Sei es in »Der Judenstaat« noch darum gegangen, Antworten auf die »Judenfrage« zu geben, in der »die Juden als Problem betrachtet werden«, so stellten in »Altneuland« die Juden »die Lösung« dar, erzählt Goodman. Nicht nur sei der Zionismus die einzige Sicherheitsgarantie für alle Jüdinnen und Juden, sondern er beinhalte auch die Möglichkeit, eine neue Gesellschaft zu errichten – zu der nichtjüdische Menschen im selben Maße dazugehören wie jüdische.