Die Schachwelt würdigt die Geschichte und Gegenwart des ukrainischen Schachs

Die Entdeckung des ukrainischen Schachs

Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine rücken ukrainische Schachspielerinnen und -spieler in den Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird davon begleitet, dass der Aggressor eine eigenständige ukrainische Kultur und Geschichte leugnet. Die Schachwelt reagiert auf diesen Versuch kultureller Auslöschung, indem sie die Geschichte und Gegenwart ukrainischen Schachs würdigt. »From Ukraine with Love for Chess« heißt ein neuer Sammelband, den die renommierte Schachzeitschrift New in Chess unter Mitwirkung der ukrainischen Schachelite kürzlich herausgegeben hat. Sämtliche Einnahmen gehen an humanitäre Hilfe für die Ukraine.

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Der Band ist ein Zeugnis der Selbstbehauptung, schließlich wurde die Geschichte des ukrainischen Schachspiels oftmals unter der sowjetischen subsumiert. Dabei hat die Ukraine einige der historisch beeindruckendsten Schachspieler hervorgebracht. Beispielsweise werden die angriffslustigen Partien von Leonid Stein, der 1934 in Kamjanez-Podilskyj geboren wurde, auch heutzutage noch gerne studiert. Steins Talent führte ungewöhnlich spät zum Erfolg. Den Großmeistertitel erhielt er erst 1962. Danach gewann er die Sowjetische Meisterschaft 1963, 1965 und 1966 und mit seinem Team zweimal olympisches Gold. Wassyl Iwantschuk schreibt in »From Ukraine with Love for Chess«, der 1973 verstorbene Stein sei der stärkste Spieler gewesen, der nie ein Kandidatenturnier, mit denen die Herausforderer für den jeweiligen Weltmeister ermittelt werden, gespielt habe. Als Stein einmal für seinen sowjetischen Stil ­gelobt wurde, soll dieser geantwortet haben: »Aber ich bin Ukrainer!«

Wassyl Iwantschuk ist unbestritten der größte ukrainische Schachspieler aller Zeiten. Der 53jährige ist bekannt für sein exzentrisches Spiel und seine nicht minder exzentrische Persönlichkeit.

Iwantschuk selbst ist unbestritten der größte ukrainische Schachspieler aller Zeiten. Der 53jährige ist bekannt für sein exzentrisches Spiel und seine nicht minder exzentrische Persönlichkeit. In Interviews macht er bisweilen einen wirren, leicht tollpatschigen, aber ungemein sympathischen Eindruck. Am Brett zeigt sich sein Genie. Im Laufe seiner Karriere gewann er zahlreiche Spitzenturniere, am beachtlichsten war wohl sein Sieg in Linares 1991. Damals war Garri Kasparow noch auf dem Zenit seines Könnens. Nicht nur galt der damals amtierende Weltmeister als beinahe unschlagbar, auch war Linares eines der Turniere, die er am häufigsten besuchte – und er gewann dort neunmal.

Allerdings nicht 1991, als ihn der erst 21jährige Iwantschuk vollkommen überspielte. Iwantschuk ­begann eine sizilianische Partie, indem er gleich in der Eröffnung mit sämtlichen Konventionen brach und beide Läufer gegen Springer tauschte. Großmeister gewichten Läufer im Allgemeinen leicht höher als Springer, da sie insbesondere im Endspiel einen Raumvorteil haben und Springer leichter kontrollieren können. Es gelang Iwantschuk jedoch, Kasparow in eine kümmerlich passive Stellung zu drängen. Nach 38 Zügen endete Kasparows Martyrium und Iwantschuk schuf seine unsterbliche Partie.

Dieses Niveau konnte Iwantschuk allerdings nicht immer halten. Seine impulsive, kreative und unberechenbare Spielweise brachte ihm nicht nur grandiose Siege, sondern auch leichtsinnige Niederlagen ein. Es herrscht relative Einigkeit, dass Iwan­tschuk gute Chancen auf den Weltmeistertitel gehabt hätte, wenn seine Leistung nur ein wenig stabiler gewesen wäre. Heutzutage betreibt er mit seiner Ehefrau Oksana eine Schachschule in Lwiw. Trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine kommentiert Iwantschuk weiterhin regelmäßig auf dem Portal Twitch klassische und aktuelle Partien. Fragen aus dem Chat zu seiner gegenwärtigen Lebenssituation ignoriert er dabei. Auch nahm »Chucky«, wie Iwantschuk von seinen Fans liebevoll genannt wird, online am Julius Bär Generation Cup teil, wo er auf so junge und spielstarke Kontrahenten wie Rameshbabu Praggnanandhaa und Vincent Keymer traf.

Ebenfalls von herausragender ­Bedeutung für das ukrainische Schach der Gegenwart sind die beiden Schwestern Marija und Anna Musy­tschuk. Sie lernten das Schachspiel bereits im Alter von zwei Jahren von ihren Eltern. Früh gewannen sie erste Turniere und stiegen rasch in die Weltspitze des Frauenschachs auf. So gewann Marija 2015 den Weltmeistertitel im Frauenschach, während die zwei Jahre jüngere Anna den Weltmeisterinnentitel im Schnellschach gewann und zweimalige Weltmeisterin im Blitzschach wurde.

Für großes Aufsehen sorgten 2017 Marijas und Annas Weigerung, ihre jeweiligen Weltmeistertitel zu verteidigen. Während die Frauenweltmeisterschaft im klassischen Zeitformat in der Islamischen Republik Iran stattfand, wurden im gleichen Jahr die Schnellschach- und Blitzweltmeisterschaften der Frauen in Saudi-Arabien ausgetragen. Da an beiden Austragungsorten für sämtliche Spielerinnen die Pflicht zum Tragen eines Hijabs galt, verweigerte zuerst Marija ihre Teilnahme am Turnier in der ­Islamischen Republik Iran, während Anna an diesem teilnahm, aber ­anschließend ihre Titel in Riad nicht mehr verteidigte.

Beide äußerten scharfe Kritik an der Entscheidung des Schachweltverbands Fide, die Weltmeisterschaften an die notorisch frauenverachtenden Regime zu vergeben. Anna Musytschuk schrieb zu ihrer Entscheidung: »In ein paar Tagen werde ich zwei Weltmeistertitel verlieren – einen nach dem anderen. Nur weil ich mich entschieden habe, nicht nach Saudi-Arabien zu gehen. Nicht nach den Regeln von irgendjemandem zu spielen, nicht die Abaya zu tragen, nicht begleitet zu werden, um nach draußen zu gelangen, und alles in allem, um mich nicht wie ein Mensch zweiter Klasse zu fühlen.«

Auch im derzeitigen Krieg vertreten die beiden Schwestern eigene Positionen, indem sie sich gegen den von der Lwiwer Schachföderation geforderten kompletten Ausschluss aller russischen und belarussischen Spielerinnen und Spieler von internationalen Wettkämpfen wenden. Dieser würde auch die vielen russischen Spielerinnen und Spieler treffen, die sich mutig und deutlich in der Öffentlichkeit gegen den Krieg positionierten. Obwohl sich die beiden klar gegen den russischen Angriffskrieg aussprachen und russische Spielerinnen sowie Spieler dazu aufriefen, sich ebenso deutlich vom Krieg zu distanzieren, kam daraufhin harsche Kritik im heimischen Schachverband auf. Wie schwierig es derzeit ist, solche nuancierten Positionen zu vertreten, zeigt sich auch daran, dass der in der Ostukraine geborene frühere Weltmeisterschaftsherausforderer und heutige Propagandist des russischen Regimes, Sergej Karjakin, ­sofort die Chance ergriff und öffentlichkeitswirksam positiv den »Sportsgeist« der beiden lobte.

Die Bühne, auf der Nationen üblicherweise ihr schachliches Können präsentieren, ist die Olympiade. Für die Ukraine war die Schacholympiade 2022 ein Gewinn und eine Niederlage zugleich. Das Team der Frauen mit den Großmeisterinnen Marija und Anna Musytschuk am ersten und zweiten Brett gewann Gold. Es ist der zweite Olympiasieg der Frauen, nach ihrem Erfolg in Turin 2006. Hingegen blieben die Männer mit den sehr starken Spielern Anton Korobow und Andrij Wolokitin an den vorderen Brettern hinter den Erwartungen zurück und landeten auf Platz 29. Angesichts der Umstände ist das jedoch kaum verwunderlich. Dem Team-Kapitän Oleksandr Sulypa zufolge wurden zwei Appartements Korobows in Charkiw ausgebombt und die Spielerinnen und Spieler leben derzeit verstreut in Europa. Sulypa sagte auch, dass er wenige Monate zuvor noch im bewaffneten Kampf gewesen sei.

Eine üble Niederlage erlitten nicht nur die Ukrainer, sondern alle, die auf eine Demokratisierung des Schachsports hofften, abseits des Bretts. Der russische Präsident der Fide, Arkadij Dworkowitsch, wurde mit 157 zu 16 Stimmen wiedergewählt. Er war einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten von Dmitrij Medwedjew, einem treuen Gefolgsmann Putins. Als Präsident der Fide hat Dworkowitsch primär russische Geldgeber aufgetan, die nun auf Sanktionslisten stehen. Der Fide wird immer wieder Intrans­parenz vorgeworfen, eine Reform scheint jedoch schwer durchsetzbar.

Der in den USA lebende ukrainische Großmeister Andrij Baryschpolets wagte jedoch, der russischen Hegemonie die Stirn zu bieten. Unterstützung bekam seine Kandidatur von Peter Heine Nielsen, dem langjährigen Trainer des früheren Weltmeisters Viswanathan Anand und des amtierenden Weltmeisters Ma­gnus Carlsen. Baryschpolets Programm sah unter anderem vor, Stellen der Fide mit transparenten Ausschreibungen zu besetzen und Sponsoren außerhalb Russlands anzuwerben. Ein Sieg gegen den hervorragend vernetzten Dworkowitsch war unwahrscheinlich, das Ergebnis dennoch niederschmetternd. Bei der Wahl haben Länder jeweils einen wahlberechtigten Delegierten. Zu den 16 Unterstützern Baryschpolets gehörte auch Ullrich Krause vom Deutschen Schachverband, der während des Applauses für den Wiedergewählten mit verschränkten Armen sitzen blieb.