Hassverbrechen gegen Transfrauen in Honduras

Noch immer in Gefahr

Transfrauen sind in Honduras immer wieder Opfer von Hass­ver­bre­chen. Ihre Lebenserwartung ist in dem von christlich-fundamentalistischen Werten geprägten Land extrem gering. Das sollte sich mit der neuen Regierung unter Präsidentin Xiomara Castro ändern – doch die ersten acht Monate ihrer Amtszeit sind ernüchternd.
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Die Regenbogenfahne haben Rubi Ferreira und Jlo Córdova auf der Dachterrasse des Vereinshauses von Arcoíris, einer Organisation, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen engagiert, im Zentrum von Tegucigalpa aufgehängt. Auf der Fahne ist ein Pappschild angebracht, auf dem »Colectiva de Mujeres Trans« steht. Unter dem Schriftzug ist eine langhaarige, an eine Barbie-Puppe erinnernde Frau im Abendkleid zu sehen, unter ihr wiederum steht in geschwungenen Lettern »Muñecas de Arcoíris«.

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Muñecas heißt so viel wie Püppchen, Arcoíris Regenbogen. Die fünf Transfrauen, die sich auf der Dachterrasse eingefunden haben, mögen es kokett und selbstironisch. Bestes Beispiel dafür ist Rubi Ferreira, die seit ihrem 15. Geburtstag bei Arcoíris ihr zweites Zuhause gefunden hat. »2004 erlaubten mir meine Eltern, hier aufzukreuzen. Ich war minderjährig und HIV-positiv«, erinnert sich die die 34jährige Trans-Frau, die zum Team von Arcoíris gehört, mit einem Lächeln. Für das Interview hat sich Rubi die Lippen nachgezogen, etwas Puder aufgetragen, das rosarote Poloshirt glattgestrichen und den an einem regenbogenfarbenen Band baumelnden Ausweis von Arcoíris umgehängt, der sie als Mitarbeiterin ausweist.

Die Polizei und vor allem die Militärpolizei sind Teil des Pro­blems. »Jeder und jede macht einen großen Bogen um sie«,
sagt Rubi Ferreira

Rubi Ferreira liebt es, vor der Kamera zu posieren, und wenn die großen Partys der LGBT-Szene stattfinden, wo fast immer eine Miss Arcoíris oder Miss Tegucigalpa gekürt werden, ist sie in ihrem Element. 2015 hatte sie sich die Krone auf ihre langen Korkenzieherlocken setzen können. Die Fotos von dem Event hängen in ihrer Wohnung, wo sie mit ihrer Mutter lebt. »Anders als bei vielen anderen ist mein Verhältnis zu meinen Eltern intakt. Sie haben mich nicht rausgeschmissen, als ich mein Coming-out hatte. Sie haben zu mir gehalten und sich nicht von einem lokalen Pfarrer oder einem evangelikalen Prediger den Kopf verdrehen lassen«, sagt die Trans-Frau stolz.

Ein zutiefst homophobes Klima
Denn dergleichen ist oft der Fall in Honduras, wo allein zwischen Januar und Juli diesen Jahres mindestens 30 Menschen aus der queeren Szene ermordet wurden. »Erst ging die Zahl der Morde nach der Vereidigung unser ersten Präsidentin nach unten – vielleicht als Folge ihres klaren Bekenntnisses zu den Menschenrechten und ihrer öffentlichen Entschuldigung für den Tod von Vicky Hernández«, mutmaßt Alejan­dra Vásquez.

Sie arbeitet im Kollektiv der Transfrauen von Arcoíris und für sie symbolisiert die am 27. Januar dieses Jahres vereidigte Xiomara Castro den Wandel, die Redemokratisierung von Honduras, sprich die Rückkehr zu den Zuständen, wie sie vor dem Putsch von 2009 herrschten. Klare Ansagen an die queere Community hat die 62jährige Castro im Mai 2022 gemacht, als sie öffentlich um Entschuldigung für den Tod von Vicky Hernández bat. Die Trans-Frau war auf offener Straße von Sicherheitskräften in der Industriemetropole San Pedro Sula ermordet worden – nach dem Putsch vom November 2009 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten José Manuel »Mel« Zelaya. »Wir erkennen vor der internationalen Gemeinschaft, dem hondu­ra­nischen Volk und der Familie von Vicky Hernández die Verantwortung des honduranischen Staats für die Ereignisse an, die zu ihrem Tod führten«, erklärte Castro.
Der LGBT-Gemeinde in dem mittelamerikanischen Land erschien das als Wendepunkt, auch wenn es nicht ganz freiwillig dazu kam. Die spektakuläre Rede in Anwesenheit der Mutter von Vicky Hernández, Rosa Hernández, die das Bild ihrer Tochter in den Händen hielt, war die Reaktion auf ein Urteil vom Juni 2021. Darin macht der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (IAGMR) den honduranischen Staat für den Mord an der 26jährigen Transfrau und Menschenrechts­aktivistin verantwortlich – ein Novum in der lateinamerikanischen Justiz­geschichte.

Dafür hat Rosa Hernández, unterstützt von LGBT-Organisationen wie Arcoíris, lange gekämpft. »Vicky wurde ermordet, nur weil sie, wie viele andere Queer-Aktivisten, für Mel Zelaya demonstriert hatte«, so Alejandra Vásquez. Sie ist 2009 in Tegucigalpa auch gegen die Putschisten aus dem Militär und den konservativen Führungsschichten des Landes auf die Straße gegangen, um genau das zu verhindern, was dann eintrat: »Die Installation einer Narco-Diktatur, die ihre eigenen Interessen ­vertrat und den Staat ausplünderte«, erklärt Vásquez mit bitterer Mine.

Zum Symbol dieser Narco-Diktatur wurde der ehemalige Präsident Juan Orlando Hernández (2014 bis Januar 2022), der im April an die US-Justiz ausgeliefert wurde und in New York wegen Drogenschmuggels und anderer Straftaten auf seinen Prozess wartet. Die Auslieferung war für die neue Regierung von Xiomara Castro eine wich­tige Entscheidung, gerade weil Hernández als Kopf des scheinkonservativen, hochkorrupten und brutalen Drogenregimes gilt. JOH, wie Hernández in Honduras nach seinen Initialen meist genannt wird, zog die Evangelikalen und den rechten Flügel der katholischen Kirche auf seine Seite, griff in einer Rede zur Unabhängigkeit im September 2021 Queer-Aktivistinnen als »Vertei­diger der Antiwerte« an und schürte den Hass auf sexuelle Minderheiten.

28 Morde an Queer-Aktivistinnen wurden dem UN-Büro für Menschenrechte der Vereinten Nationen zufolge 2021 in Honduras verübt. »Die Zahl haben wir schon Ende Juli übertroffen. Wir leben trotz neuer Regierung in permanenter Bedrohung«, sagt Jlo Cór­dova, Koordinatorin des Transfrauenkollektivs von Arcoíris, nun über das Jahr 2022. »Nötig sind spürbare Schritte, echte Reformen«, fordert die 32jäh­rige, die seit rund drei Jahren die Muñecas leitet. Córdova, großgewachsen und kräftig, war mehrere Jahre Sexarbeiterin und klärt heute auf dem Strich Sexarbeiterinnen auf.

In den verwandelt sich die 3. Avenida, wo sich die Zentrale von Arcoíris be­findet, ab etwa 18 Uhr. Handwerker und kleine Geschäftsleute packen dann ein und auf den paar Metern zwischen den Hauseingängen prostituieren sich Frauen, Transfrauen und einige wenige Männer. Córdova klärt dort Neuankömmlinge über ihre Rechte auf, auch auf »El Obelisco«, einem kleinen Platz weiter unten. Sie bringt Kondome vorbei und lädt zum Besuch bei Arcoíris ein, wo sich die Transfrauen regelmäßig treffen, ebenso wie das Colectivo Gay und das Colectiva Lesbiana.

Aus diesen drei Gruppen besteht die 2003 gegründete Organisation, deren Zentrale in der 3. Avenida Verwaltungssitz und zugleich Treffpunkt ist. Die Transfrauen nutzen diesen gern, das habe schon lange Tradition, so Córdova. Gemeinschaft ist wichtig in der ständig herrschenden Gefahr. Eine ihrer beiden Vorgängerinnen, Bessy Ferrera, wurde in Tegucigalpa auf dem Straßenstrich erschossen; die andere, Paola Flores, ging nach Spanien ins Exil. »Typische Biographien für Transfrauen in Honduras. Hier wird kaum eine älter als 35 Jahre«, sagt Jlo Córdova mit leiser Stimme.

Ein Gesetz würde helfen
Diese geringe Lebenserwartung hat Gründe, und einer ist das Verhalten der Sicherheitsbehörden, der Polizei und vor allem der Militärpolizei. »Jeder und jede macht einen großen Bogen um sie, kaum jemand aus der Szene hat noch keine Probleme mit den Uniformierten gehabt«, sagt Rubi Ferreira mit funkelnden Augen. Die Frage, ob sie negative Erfahrungen mit ihnen gemacht habe, bringt die ansonsten so ausgeglichen wirkende Trans-Frau auf die Palme. Zu Recht, wie auch das IAGMR-Urteil zeigt. Das Gericht hat neben Entschädigungszahlungen an die Familie auch die Schulung von Polizei und Mi­litär, die rechtliche Anerkennung der Geschlechtszugehörigkeit und ein ­Stipendienprogramm für Transgender-Frauen angeordnet.

All das sind Maßnahmen, auf deren Umsetzung Rubi Ferreira und die anderen Transfrauen der Muñecas bisher warten. Ferreira würde nur zu gern eine Ausbildung oder ein Studium in Unternehmensmanagement machen. Selbst mit Kursen in Buchführung wäre sie zufrieden, denn das große Problem für Transfrauen ist: »Es gibt für uns keine normalen Jobs. Wir werden nirgendwo angestellt, es bleibt nur der Strich.« Dort sind etliche schon Opfer von Gewalttaten durch Freier oder extremistische Christen geworden. Schockierender Alltag in Tegucigalpa, aber eben nicht nur dort. Den Strich hat Ferreira hinter sich. Sie bekommt für ihre Arbeit bei Arcoíris ein kleines ­Gehalt und ist froh, sich nicht mehr prostituieren zu müssen.

Schutz für queere Aktivisten durch Leibwächter, sichere Wohnungen und Wagen gibt es derzeit nicht, ob­­­-wohl die neue Regierung dem Schutz der Menschenrechte Priorität einräumt.

Das geht Jlo und Alejandra ähnlich. Doch alle drei sind weiterhin gefährdet, weil sie in der Organisation aktiv sind, weil sie somit sichtbar sind und weil sie Reformen einfordern – bei jeder Gelegenheit, zuletzt beim Koordinationstreffen der Transfrauenorganisationen in Tela Ende August. In der ehemaligen »Bananenstadt« von Honduras, nur ein paar Kilometer von der Karibikküste entfernt, trafen sich rund ein Dutzend Organisationen, um sich auszutauschen, sich zu koordinieren und nötige Initiativen zu planen. Zwei Punkte sind es, die derzeit ganz oben auf der Liste stehen: ein Gesetz zur Geschlechtsidentität und der sogenannte Nationale Schutzmechanismus.

»Das Gesetz würde uns im Alltag vieles erleichtern, denn dann hätten wir das Recht, den Namen zu ändern, müssten uns nicht mehr mit unseren Geburtsnamen ausweisen und im Anschluss oft diskriminieren lassen«, erläutert Rubi Ferreira, Jlo Córdova stimmt nickend zu. Das Gesetz lässt jedoch weiterhin auf sich warten, obwohl die Regierung durch das IAGMR-Urteil im Fall Vicky Hernández dazu verpflichtet ist, eine solche Regelung zu erlassen. Noch schlechter steht es um den »Nationalen Schutzmechanismus«, der gefährdeten Aktivisten für Menschen-, Umwelt- und Grundrechte, darunter auch Journalisten und Queer-­Aktivistinnen, Sicherheit bringen soll. »Wir wissen jedoch von keinem Fall, wo das erfolgt ist. Unser Experte und Präsident von Arcoíris, Donny Reyes, sitzt unten im Büro und weiß sicherlich mehr«, sagt Jlo Córdova und weist den Weg in den zweiten Stock des von Arcoí­ris angemieteten Hauses. Dieses befindet sich in direkter Nähe der Busterminals, von dem täglich Busse mit ­Migranten Richtung Norden abfahren. Die Auswanderung ist unter der neuen Regierung konstant geblieben; dazu trägt die hohe Inflation, aber auch die hohe Arbeitslosigkeit bei.

Ein Schutzmechanismus, der nicht schützt
Ein dritter Faktor ist die allgegenwärtige Gewalt. »Die hat wieder zugenommen in Honduras«, sagt Donny Reyes, schiebt die Brille hoch und deutet auf die letzte Statistik des Lesben-Netzwerks Cattrachas, die auf dem Bildschirm erscheint. »Wir haben es satt, die Toten zu zählen, Beerdigungen zu organisieren«, so Reyes. Der 47jährige mit dem lichter werdenden, pechschwarzen Haarschopf hat Arcoíris 2003 mitgegründet, als er erschöpft und desil­lusioniert aus den USA zurückkam. Heute gehört der offen schwul lebende kräftige Mann zu den versierten Menschenrechtsspezialisten des Landes und ist einer der beiden gewählten Vertreterinnen, die das Ministerium für Menschenrechte bei der Auswahl zu schützender Personen beraten sollen.

»In der Realität funktioniert das nur leider nicht. Wir haben es mit einer Ministerin zu tun, die uns, meine Kollegin Dina Meza und mich, loswerden will«, kritisiert Reyes die Menschenrechtsministerin Natalie Roque und fährt fort: »Dabei sind wir gewählte Vertreter der Zivilgesellschaft. Und zu allem Überfluss hat sie 14 von 18 Experten des Mechanismus entlassen, der 2015 zum Schutz von ­Aktivisten der Zivilgesellschaft geschaffen wurde.« Für Reyes ist das eine frustrierende Bilanz, zumal sein Lebensgefährte Denilson Barrientos zu denen gehört, die ihre Stelle im Minis­terium aus Protest gegen die Politik Roques gekündigt haben. »Früher hat der Mechanismus nicht funktioniert, weil die alte Regierung kein Geld bewilligte, jetzt gibt es etwas Geld, aber das über Jahre ausgebildete Personal wird unter fadenscheinigen Gründen ent­lassen«, stöhnt Reyes und klappt genervt den Laptop zu.

Das Ergebnis ist jedenfalls immer das gleiche: Schutz für queere Aktivisten durch Leibwächter, sichere Wohnungen und Wagen gibt es derzeit nicht, obwohl die neue Regierung den Schutz der Menschenrechte Priorität eingeräumt hat. Ein Widerspruch, den nicht nur Donny Reyes und seine Kollegin Dina Meza, eine Journalistin mit Menschenrechtsschwerpunkt, auf Natalie Roques Amtsführung zurück­führen. Kritik gab es auch von der NGO Reporter ohne Grenzen. Die Organisation zum Schutz der Pressefreiheit kritisierte die Ministerin für ihre autoritäre Amtsführung, die Kameraüberwachung des Personals und für die Präsenz von Militärpolizei im Ministerium. All das sei kaum vereinbar mit einem Ministerium für Menschen­rechte.

Gleiches gilt für die Beleidigung, mit der sie Donny Reyes bedachte. »Maricón«, einen abwertenden Begriff für Schwule, warf sie ihm in Anwesenheit von Dina Meza an den Kopf. Das hat dazu geführt, dass die gemeinsamen Sitzungen mit der Ministerin vorerst ausgesetzt wurden. So droht die ­erhoffte Aufbruchstimmung zu versanden, die sich so viele Menschenrechtsaktivistinnen wie die Muñecas von Arcoíris von der neuen Regierung versprochen hatten.