Die Erzählungen Mircea Cărtărescus haben etwas Tröstliches

Schwindel und Trost

Platte Buch Von

Emil Cioran und Panait Istrati sind zwei rumänische Autoren, deren Literatur etwas Tröstliches, Aufrichtiges und Melancholisches hat. Wie Gefährten begleiten sie einen durch die dunklen Gassen in die Unterwelt der eigenen Psyche. Auch Mircea Căr­tă­rescu ist ein Autor, für dessen Schreiben die Melancholie essentiell ist. Der 1956 in Bukarest geborene Autor, der als bedeutender Vertreter der ­rumänischen Postmoderne gilt, veröffentlicht seit 1978 Gedichte und Prosa. Jetzt erscheinen fünf seiner poetischen Erzählungen in dem Band »Melancolia«.

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Schon in der Auftakterzählung »Der Tanz« verwebt Cărtărescu auf phantastische Weise Dichtung und Reportage. Detailverliebt oder fast schon versessen beschreibt er den Besuch auf einer Insel inklusive Palast und Engeln in derart schnellem Rhythmus, dass einem schwindlig wird. Darauf folgen entschleunigende Umschreibungen (»wie eine mit der Nadel in den Augenwinkel geschriebene Geschichte«), die eine lyrische Stille erzeugen.

Die Erzählungen kreisen um die Einsamkeit des Kindes. Es geht um die Angst des Kindes vor dem Verlassenwerden. Um ein Kind, das meint, seine Mutter komme nie mehr vom Einkaufen zurück und habe sich im Supermarkt in eine gigantische Scho­koladenfigur verwandelt. Ein Kind, das aus seiner Haut herauszuwachsen glaubt. Kinder, die ihre Umgebung beobachten, nüchtern und schlau.

Die Übersetzung ins Deutsche von Ernest Wichner gibt die Handschrift Cărtărescus behutsam wieder, was sich sehr schön in Wendungen wie »weil er seine Frau zu der Zeit beschlafen hatte« oder »wurde die Luft im Wohnzimmer kaffeebraun« zeigt.

Die Geschichten entwickeln sich von naiven, emotionsfreien Aufzählungen zu etwas unterschwellig ­Unangenehmem mit beinahe einem Hauch von Horror. Wie im Prolog versprochen, enden sie alle in einer tonlosen Melancholie, ­einer sehr tröstlichen.

Mircea Cărtărescu: Melancolia: Erzählungen. Übersetzung aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay-Verlag, Wien 2022, 272 Seiten, 25 Euro