Linke Verirrungen und der Widerstand gegen das iranische Regim

Unnobles Schweigen

Der Widerstand gegen die iranische Diktatur war nie ein favorisiertes Thema westlicher Linker. Das hat nicht nur politische, sondern auch kulturelle Gründe. Eine Polemik.

Die beherzten Proteste im Iran erleben in der westlichen Öffentlichkeit bestenfalls verhaltenes Wohlwollen, abwartende Solidarität, formelhafte Lippen­bekenntnisse. Zwar begrüßt man den Widerstand gegen die Mullah-Diktatur, dies aber mit gedämpfter Stimme. Das erste Mal seit Jahren, dass die Linke zum Beispiel in Österreich wirklich auffiel, war durch ihr Fehlen bei den Iran-Demonstrationen. Und so sehr die Spaltung der Gesellschaft beklagt wird – wenn’s um den Iran geht, scheinen viele ihrer Fraktionen in unnobler Zurückhaltung vereint, wenngleich aus unterschiedlichen Motiven. Eine kleine ­Typologie der verkappten Solidaritätsverweigerung.

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Die verlässlichsten Partner der klerikalfaschistischen Diktatur waren und sind die europäischen Regierungen. Anders als Russland, das für seine Allianzen keiner ethischen Rechtfertigungen bedarf und aus seinen geostrategischen und ökonomischen Interessen kein Hehl zu machen braucht, vollführen die diplomatischen Vertretungen des Westens bei ihrer Iran-Politik wahre Eiertänze des mahnenden Katzbuckelns, gilt es doch, die Mullahs zugleich zu maßregeln und als Geschäftspartner nicht zu vergraulen. Man gibt Massenmördern bei UN-Vollversammlungen ein Forum, verhängt in stereo­typer Abfolge mal Sanktionen, wenn Hardliner wie Ebrahim Raisi an die Macht kommen, und schickt flugs Wirtschaftsdelegationen nach Teheran, ­sobald mit sogenannten Reformern wieder einmal einer dieser Teheraner Frühlinge sprießt, in dessen Hochblüte etwa unter dem moderaten Präsidenten Hassan Rohani mehr Oppositionelle gehenkt wurden als von seinem Amtsvorgänger Mahmoud Ahmadinejad.

Die Regression von Materialismus zu kultureller Romantik hatte sich in der antiimperialistischen Linken bereits in den sechziger Jahren abgezeichnet.

Im sogenannten Atomstreit weiß die iranische Führung mit ihrem konsequent revidierten Zugeständnis, Atomenergie nur für friedliche Zwecke zu nutzen, wirtschaftliche Vorteile herauszuschinden. Diese Erpressung wird im Westen dann meist als Sieg westlicher Diplomatie und orientalischer Vernunft gefeiert. Das schönste Symbol für die Auswirkungen der weisen Politik von Ausgleich und Dialog sind die österreichischen Rotax-Motoren in iranischen Bombendrohnen, mit denen Russland ukrainische Infrastruktur und Menschenleben vernichtet.

Zur Not könnten sich die Regierungen des Westens auch mit einem ­demokratischen Iran arrangieren; neue Geschäftspartner, neue Investoren. Schwerer hat es da schon die Linke, weil die sich stets mit ideellen Investitionen bescheiden musste. Der zivil­gesellschaftliche Widerstand im Iran scheint in ihr jedenfalls wieder einmal die üblichen kognitiven Dissonanzen auszulösen. Das war 2009 und 2019 so, und heutzutage ist es nicht anders. Als im Januar 2020 der notorische Killer Qasem Soleimani von einer US-Drohne getötet wurde, atmete man im Mittleren und Nahen Osten auf, während sich viele westliche Linke über diesen imperialistischen Gewaltakt empörten. Nichts Neues unter der Sonne.

Einer antiimperialistischen Traditionslinken ist es nicht nur unbehaglich, ins selbe Horn wie die USA und Israel zu stoßen, sie empfindet sogar tiefes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Mullahs, an deren Bubenstreichen offene Kritik zu üben ja Einverständnis mit der Bestialität Israels und Saudi-Arabiens bedeute. So sie sich überhaupt zu Stellungnahmen gegen die Teheraner Diktatur durchringt, dann nie ohne den üblichen Cordon von ­Gesinnungsfloskeln: Bannung jeglichen Faschismus und Imperialismus und uneingeschränkte Solidarität mit der iranischen Arbeiterklasse. In der automatisierten Betonung der Arbeiter schwingt das Vorurteil mit, bei den Widerständigen handle es sich doch bloß um bürgerliche Lifestyle-Rebellen, die für die Installation einer prowestlichen kapitalistischen Demokratie einträten. Und darauf können diese Linken Gift nehmen, denn sollte ein Umsturz gelingen, wird der Iran eine solche werden. Wer darin eine Pest sehen will, die nicht besser sei als die Cholera einer klerikalfaschistischen Diktatur, hat indes jeglichen Anspruch auf moralische und geistige Zurechnungsfähigkeit verloren.

Die Schäbigkeit dieser Linken offenbarte sich mir in unzähligen Diskussionen, worin sie fast immer bekundeten, dass sie, so kein sozialistischer Staat realistisch sei, einer gemäßigt islamischen Demokratie den Vorzug gäben vor einem gänzlich verwestlichten Iran. Zu diesem Zweck müssten sie allerdings selbst in die Kaftane der vertriebenen Koranlehrer schlüpfen, denn von Reli­gion würde die Mehrheit der Iraner für Jahrzehnte genug haben, zumal, wie jüngste Umfragen ergaben, es mit ­ihrer Religiosität schon jetzt nicht weit her ist. Jene, die sich über eine etwaige Verfolgung der Religion in einer künftigen säkularen Republik Iran sorgen, werden dieselben sein, die über die Verfolgung durch die Religion geschwiegen haben.

Antiamerikanischer und antizionistischer Pragmatismus war schon immer ideologisch auf eine Weise imprägniert, die sich aus dem Marxismus nicht herleiten ließ. Die Regression von Kapitalismus- zu Zivilisationskritik, von Materialismus zu kultureller Romantik, von ni Dieu ni maître zu »politischer Spiritualität« (Michel ­Foucault), kurzum: von Karl Marx zu Karl May, hatte sich in der antiimpe­rialistischen Linken bereits in den sechziger Jahren abgezeichnet. Bis dahin war das orientalisierende Faible für Tradition, Mannbarkeit und Verwurzelung morgenländischer Communitys vorrangig die Sache rechter Exzentriker gewesen, allmählich sickerte sie in linksalternative Milieus.

Etwas liebenswert-naiver gestaltete sich das Unbehagen mit den Persern im grünen Segment weltoffener Alternativer, die den Zweck ihrer antirassis­tischen Basisarbeit zumeist darin sahen, Migrant:innen in die traditionelle Kultur zurückzuführen, vor der sie geflohen waren. Ich kenne das Milieu dieser Wohlmeinenden sehr gut, und es ist keineswegs übertrieben, wenn ich behaupte, dass die Iraner bestimmt nicht ihre Lieblingsorientalen waren. Warum nicht? Schlichtweg weil sie ihnen zu wenig orientalisch dünkten und ihr ideelles Lieblingsfutter schuldig blieben: die Differenz, die sich bei ­anderen bodenständigeren, traditionsverbundeneren Fremden so gut streicheln und als Designanregung für die eigene identitäre Innenausstattung missbrauchen ließ.

Iraner kannten sie in erster Linie als Flüchtlinge vor der Revolution von 1978/1979, als Angehörige der Mittelschicht, die nicht allein die Unverschämtheit besaßen, sich im westlich-urbanen Lebensstil gut zurechtzufinden, sondern besser zurechtzufinden als sie selbst. Sie selbst stammten meist aus der Provinz und wollten auch ihren Kiez nach ihrem Ethnologiestudium oder der Sozialakademie mit Hilfe ­anderer provinzieller Migranten in ein ideelles Dorf verwandeln.

Da diese wohlmeinenden Solifest-Linken nicht in Kategorien von Klasse und Schicht, sondern ausschließlich in solchen der Kultur dachten, wähnten sie den Habitus der iranischen ­Ärzte und Architektinnen als Volkscharakter. Bestärkt wurden sie darin von ihren orientalischen Informanten, gleich ob Araber, Türken oder Kurden, die ihnen zutrugen, dass man die Perser auch im Orient nicht besonders möge, weil sie arrogant und falsch seien und sich als dessen Elite fühlten, und das immer schon so gewesen sei, ganz gleich ob Persien von einem Schah, einem säkularen Präsidenten oder Mullahs regiert wurde.

Schon in der Antike dienten die Perser als Projektionsfläche für Dekadenz und Ambivalenz.

Schon in der Antike dienten die Perser als Projektionsfläche für Dekadenz und Ambivalenz, zu der nicht nur Griechen, sondern auch andere Gemeinschaften der Levante und des Ostens ihre Einbildung der eigenen Ursprünglichkeit und sittlichen Reinheit in Kontrast setzen konnten. Würde man damit nicht (wie viele Vertreter des zeitgenössischen Antirassismus und Antikolonialismus) in den essentia­listischen Fehler verfallen, nicht allein eine statische Vorstellung von Westen und Osten zu behaupten, sondern eine unmittelbare Kontinuität zwischen antiken und heutigen Persern, ließen sich unzählige Beispiele für diesen Dünkel bringen. Ein von Herodot kolportiertes ist insofern amüsant, als es ahistorische Projektionen von Orient und Okzident verwirren mag. Als eine persische Delegation den Makedonenkönig Amyntas fragt, ob sie zur Party auch ihre Freundinnen und Frauen mitnehmen dürfte, erhebt dieser mahnend den Zeigefinger: »Männer Persiens, das ist bei uns nicht Sitte!« Für ­Herodot ein Indiz, dass die in ihrem Hellenentum ohnehin beargwöhnten Makedonen doch echte Griechen seien, weil sie wie diese – anders als die Perser – Männer und Frauen separierten.

Überspitzt ließe sich sagen, dass westliche und östliche Identitätspolitiker in der Erkenntnis zueinanderfanden, dass die Perser immer schon zu westlich gewesen seien, sogar bevor der Westen als Konzept ideengeschichtlich überhaupt bestand. Wie viel per­sischen Chauvinismus es auch immer gegeben haben mag, das Ressentiment des Antipersismus war immer schon eines der Peripherie gegen das Zentrum, und kein Wunder, dass Orientalen aus der orientalischen und Alternativintellektuelle aus der europäischen Provinz einander mit ihren Vorbehalten gegen urbane westliche Einheitskultur auf dem richtigen Fuß erwischten. Im persischen tarof, womit ein Set aus ­typisch urbanen Codes ziviler Höflichkeit und flexibler Verbindlichkeit bezeichnet wird, nichts als Verschlagenheit und List zu sehen, das konnten der gelernte Tiroler, die gelernte Schwäbin ihren exotisierten und selbstexotisierenden Freunden mit deren dick aufgetragenem nomadischen oder bergkriegerischen Ethos von Ehre und Prinzipientreue gut nachfühlen.

Aus der Ehe von wirtshausrevolutionärem Antiimperialismus mit grüner Ethnoromantik ging der jüngste Spross linker Verirrung hervor, die Identitätspolitik. Wobei es ein offenes Geheimnis ist, dass der biologische Vater, also der heimliche Liebhaber der Ethnotante, die Postmoderne war, die sie immer besuchte, wenn der Antiimp gerade in seiner Kneipe beim ersten Bier gegen den Kapitalismus, beim zweiten gegen die Amis und beim dritten gegen Dekadenz & Moderne agitierte.

Mit Bezug auf die Postcolonial Theory und Teile des Queerfeminismus erneuerten sich die Modi, iranischem Widerstand die Gefolgschaft zu verweigern. Was den Antiimps der US-Imperialismus und den alternativen Kultur- und Gartenpflegern die westliche Einheitskultur war, ist ihnen nun der antimuslimische Rassismus. Das Flirten des identitären Feminismus mit dem Islamismus freilich ist älter als Judith Butlers Verteidigung der Burka gegen westlichen »Kulturimperialismus« und als Symbol dessen, dass die Frau »nicht von der Massenkultur ausgebeutet wird«. Schon zuvor boten sich zum Beispiel die Schriften Christina von Brauns als ethnologische Anleitungen zum Verrat an den Opfern der Sharia an.

Konsequent zu Ende gedacht, landet dieser feministische Kulturrelativismus, bei dem alles erlaubt ist, solange der epistemische Erzschurke das westliche Patriarchat bleibt, bei Historikerinnen wie Indira Chowdhury-Sengupta, die in ihrem Aufsatz »The Return of the Sati« versuchte, die Witwenverbrennung (Sati) in Indien als eine Form des antikolonialen Widerstands zu interpretieren.

Persönliche Trivia: Einen Eindruck vom geistigen Zustand jener westlichen Assistentinnen der iranischen Revo­lutionswächter konnte ich mir im vergangenen Monat auf Facebook machen, als ein »Friend« zu Fotos der lebensgefährlichen Entfesselung üppiger Mähnen keine dringlichere Sorge äußerte, als dass diese mutigen Frauen damit leider erst wieder den Haarfetisch westlicher Männer befriedigten. Was wie eine abstruse Einzelmeinung wirkt, ist doch der logische Fluchtpunkt, in dem die Perspektiven patriarchal-religiöser Unterdrückung und kulturrelativistischen Feminismus sich treffen. Auch dieser verdinglicht Frauen mit patriarchalem und noch dazu eurozentrischem bias. Da der Schleier angeblich auch ein Zeichen von morgenländischem self-empowerment und Widerstand gegen die eigene Sexualisierung sei, könne der antiislamische Striptease folglich nichts anderes sein als eine Serviceleistung für westliche Hegemonialkultur. Oder wie Judith Butler schon vor elf Jahren in einem Interview mit der Cairo Review of Global Affairs ihren Taliban-Sorgen über die Entschleierung afghanischer Frauen Luft machte: »Ihr gehört nun zum Westen. Und wir können eure visuelle Schönheit konsumieren, wie immer es uns beliebt.« Diese Schande nannte sie »eine neue Form des kul­turellen Besitzes«.

Im Butler-Jargon könnte man auch von epistemischer Kriegsbeute sprechen, also von dem, was ihre Gesinnungsgenossen von den Taliban als »Ami-Huren« bezeichnen würden. Dass Judith Butler noch immer nicht das afghanische Frauenministerium ­angeboten wurde, liegt wohl an lokaler Uneinigkeit über die dafür notwendigen Ausnahmeregelungen zur Aussetzung der Steinigung von LGBTs.

Dass das Ablegen von Tschador und Hijab im Iran kein Casting für westliche oder sonstige Pornophantasien bedeutet, sondern das Haar hier als prä- und postislamisches Emblem von Stolz, Macht und ungebändigter Wuchskraft inszeniert wird, können sich die Eurozentrist:innen bei ihrem Kreuzzug gegen den Eurozentrismus nicht vorstellen. Was diese wahrhaft feministische Rebellion aber am wenigsten braucht, sind Maßregelungen westlicher Linker, wie die Rebellion und deren ­Rebellinnen auszusehen haben.

An der beschämenden Gleichgültigkeit gegenüber den iranischen Aufständischen und ihren Motiven zeigt sich, wo im linken Stamm überall der Wurm drin ist. Es ist besser, man lässt ihn ganz absterben und wartet auf neue Triebe. Solche, wie sie gerade im Iran den ­Asphalt sprengen. Es mag kein vordergründig sozialer Aufstand sein, aber Frauen versuchen unter Einsatz ihres Lebens, ein Pfaffentum abzuschütteln, wonach sich wohlstandsüberdrüssige und spirituell verwaiste Linke im Westen insgeheim wieder sehnen. Ganz gleich, ob der Aufstand gelingt oder nicht, seine Kommunardinnen werden nicht vergessen, wer sie im Stich ließ. Jin Jiyan Azadî.