Ein Video zeigt die Ermordung eines desertierten Wagner-Söldners mit dem Vorschlaghammer

Mord mit Vorschlaghammer

Ein Video zeigt die Exekution eines desertierten Söldners der Gruppe Wagner, der jüngst aus russischer Haft rekrutiert wurde. Jewgenij Prigoschin, der Chef der Truppe, strebt nach mehr politischer Macht.

Hinrichtungsvideos sind keine neue Erfindung. Anhänger des »Islamischen Staats« setzten sie als festen Bestandteil ihrer Propaganda ein. Der täglich in den Medien präsente russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat jene brutalen Praktiken zwar weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, aber was im Nahen Osten funktioniert, findet nun auch Anwendung in Europa.

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Der Mann in dem Video, das Mitte November auf dem mit der russischen Söldnertruppe Wagner in Verbindung stehenden Telegram-Kanal Grey Zone veröffentlicht wurde, spricht ruhig und deutlich. Er, Jewgenij Nuschin, geboren 1967, sei auf russischer Seite an die Front gezogen – aber mit dem Ziel, die Seiten zu wechseln und für die Ukraine gegen Russland zu kämpfen. Das Material ist aus drei Fragmenten montiert. Zu Beginn ist der Sprecher zu sehen, offenbar ist erst kürzlich in uk­rainische Kriegsgefangenschaft geraten. Im zweiten Teil spricht er in einer entspannter wirkenden Interviewsituation. Im letzten Abschnitt ist sein Kopf mit durchsichtigem Klebeband an einem harten Gegenstand befestigt, der wie Bauschutt aussieht. Auch in dieser Lage kommt sein Redefluss nicht ins Stocken. Am 4. September habe er seinen Plan, zur Ukraine überzulaufen, in die Tat umgesetzt. Als er am 11. November auf Kiews Straßen unterwegs gewesen sei, fährt Nuschin fort, habe er einen Schlag auf den Schädel erhalten und sei erst in einem Kellerraum wieder aufgewacht, wo ihm mitgeteilt worden sei, dass ein Urteil über ihn gefallen sei, dessen Vollstreckung bevorstehe. Unvermittelt folgt von der Seite ein Schlag mit dem Vorschlaghammer auf seinen Kopf. Nuschins Körper fällt um. Dann ein weiterer Schlag. Schnitt.

Als Beweis für Prigoschins wachsenden Einfluss wird unter anderem die Absetzung des Generalobersten Aleksandr Lapin Ende Oktober gewertet, den er zuvor heftig kritisiert hatte.

Noch Tage später hält der Schock über diese Szene bei zahlreichen Kommentatoren an. Allerdings nicht bei ­allen. Jewgenij Prigoschin, Gründer und Chef der Privatarmee Wagner, der Schätzungen zufolge mindestens 5 000 Kämpfer angehören, äußerte sich in dem Unterweltjargon, den man von ihm gewohnt ist: Da habe jemand sein Glück in der Ukraine nicht gefunden und sei stattdessen an böse, aber gerechte Leute geraten. Aus dem Begleittext zum Video geht hervor, Nuschin sei als Verräter die in der Wagner-Gruppe übliche Bestrafung zuteil geworden.

Mitteilungen über extralegale Hinrichtungen kursierten auch zuvor schon in der Öffentlichkeit. Die russische Menschenrechtlerin Olga Roma­nowa sprach kürzlich von mindestens 40 Fällen. Prigoschin habe ihrer Kenntnis nach bereits bis zu 35 000 russische Strafgefangene angeworben. Dem unabhängigen russischen Medienprojekt Mediazona zufolge sank die Zahl der russischen Inhaftierten im September und Oktober um 23 000, was mit Wagners Rekrutierungen in Gefängnissen und Straflagern für den Ukraine-Krieg in Verbindung stehe. Andere Quellen geben an, dass bislang nicht weniger als 500 ehemalige russische Strafgefangene in der Ukraine bei Kriegshandlungen ums Leben gekommen seien.

Jewgenij Nuschin, der in jungen Jahren bei Truppen des Innenministeriums gedient hatte, verbrachte seine zweite Lebenshälfte in Straflagern. 1999 war er unter anderem wegen Mordes verurteilt worden und wäre 2027 freigekommen. Seine Haftzeit scheint kein reiner Alptraum gewesen zu sein, zumindest hatte er Zugang zu einem Mobiltelefon und war über lange Zeit sogar in sozialen Medien aktiv. Daraus ließ sich entnehmen, dass er ein glühender Verfechter der Annexion der Krim durch Russland war und für die Ukraine wenig übrig hatte, trotz dort lebender Verwandtschaft.
Sein Tod wirft indes etliche Fragen auf, allen voran, wie es sein kann, dass Nuschin, wie andere behaupten, an Russland übergeben worden war, wo doch die Wahrscheinlichkeit tödlicher Konsequenzen auf der Hand lag; er also nicht in Kiew, sondern in russischem Gewahrsam ermordet worden sei. Mychajlo Podoljak, ein Berater des ukra­inischen Präsidialamts, hatte nämlich mitgeteilt, Nuschin habe freiwillig ­einer Rückkehr nach Russland im Rahmen eines Gefangenenaustauschs ­zugestimmt. Ilja Ponomarjow, der als russischer Oppositioneller mit ukra­inischem Pass von Kiew aus zu radikalem Widerstand in Russland gegen die Führung im Kreml aufruft, argumentierte zunächst ähnlich: Die Ukraine liefere keine Gefangenen gegen ­ihren Willen aus.

Man kann daraus folgern, dass Nuschin vielleicht beauftragt gewesen sei, die Legion »Freiheit Russlands« zu unterwandern, die Teil der ukrainischen Streitkräfte ist und sich im Wesentlichen aus russischen Kriegs­gefangenen und freiwilligen Kämpfern mit russischem Pass zusammensetzt. Nuschin habe den Aufnahmetest mit dem Lügendetektor nicht bestanden, sei daraufhin festgenommen und ausgeliefert worden. Und weil seine Mission gescheitert sei, habe ihn Russland umgebracht. Der Pressedienst der ­Legion dementierte, von Nuschin jemals eine Anfrage auf einen Beitritt erhalten zu haben.

Zweifel an der ukrainischen Version gibt es zuhauf. Es könne sich um eine Inszenierung handeln, hieß es aus dem russischen Menschenrechtsrat, Nuschin sei womöglich noch am Leben. Andere halten es für möglich, dass ­Nuschin auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet ermordet wurde. Allerdings ist es nicht sonderlich plausibel, dass die Ukraine für seinen Tod verantwortlich ist, da ein abschreckendes Beispiel wie dieses russische Kämpfer davon abhalten würde, sich in ukrainische Gefangenschaft zu begeben, um sich dem Krieg zu entziehen. Prigoschin seinerseits bestätigte zwar, dass das ­Video Nuschin zeige, fordert jedoch die russische Generalstaatsanwaltschaft auf, in der Sache wegen Beteiligung US-amerikanischer Geheimdienste zu ­ermitteln.

Der 61 Jahre alte Prigoschin, der dem Leningrader kriminellen Milieu entstammt und später als Catering-Unternehmer fungierte, verfügt über einen eigenen Desinformationsapparat, bekannt geworden als »Trollfabrik«. ­Seinem Geschäftsmodell kommt ein Image der Gruppe Wagner als vor nichts zurückschreckender und vielseitiger Einsatztruppe durchaus entgehen, nur will er weitaus höher hinaus und strebt womöglich gar ein politisches Amt im Machtsystem an. Als Beweis für seinen wachsenden Einfluss wird unter anderem die Absetzung des Generalobersten Aleksandr Lapin Ende Oktober gewertet, den Prigoschin zuvor heftig kritisiert hatte.

Zwar sind Experten uneins, ob Prigoschin risikobereit auf eigene Faust vorprescht oder ob er im Auftrag von oder in enger Absprache mit dem ­Präsidenten agiert. Persönliche Treffen finden jedenfalls statt und Prigoschins öffentliche Forderungen entsprechen noch dazu dem Gebot der Stunde: Werden offensichtliche Niederlagen der russischen Streitkräfte in der Ukraine von Einschüchterung an der Heimatfront begleitet, hält dies Kritiker innerhalb des Systems in Schach. Unlängst berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg, dass sich in der russischen Führungsschicht existentielle Angst breitmache wegen Prigoschins Aufforderungen, mit »dringender stalinistischer Repression« gegen Geschäftsleute vorzugehen, die hinsichtlich der sogenannten Spezialoperation keine klare Haltung zeigten. Aleksandr Beglow, der Gouverneur von Sankt Petersburg, der mit dem Kriegstreiber Prigoschin wegen Vermögensfragen schon lange im Clinch liegt, bekam bereits ­einen kleinen Vorgeschmack auf womöglich kommende Entwicklungen. Sein Widersacher forderte die Generalstaatsanwaltschaft und den Staatsschutz dazu auf, Beglow unter dem Verdacht des Hochverrats hin zu überprüfen.