Putin trifft sich am Muttertag mit Soldatenmüttern

Muttertagsgeschenke

Am russischen Muttertag inszenierte die russische Regierung ein Treffen zwischen dem Präsidenten Wladimir Putin und staatstreuen Soldatenmüttern.

Am Sonntag war Muttertag in Russland. Das wäre nicht der Rede wert, hätte die Regierung nicht entschieden, für diesen Tag ein Treffen mit Frauen anzuberaumen, deren Söhne oder nahe männliche Angehörige in der Ukraine für, wie es oft heißt, eine russische Welt kämpfen. Oder besser gesagt dafür, wie sich die russische Führung eine solche Welt vorstellt. Das angekündigte persönliche Gespräch mit Präsident Wladimir Putin wurde dann kurzfristig um zwei Tage vorgezogen.

Zu dem Zeitpunkt waren Olga Zukanowa und ihre Mitstreiterinnen vom Rat der Mütter und Ehefrauen einberufener Soldaten bereits aus Moskau abgereist. Dabei waren sie es, die sich aus ihren Heimatregionen in die Hauptstadt begeben und den russischen Präsidenten aufgefordert hatten, sich von Angesicht zu Angesicht mit ihren Geschichten auseinanderzusetzen. Doch weder Putin noch Verteidigungsminister Sergej Schojgu oder andere hochrangige Vertreter des Staatsapparates reagierten auf das Verlangen nach einem direkten Gespräch.

Dabei fordern die Frauen, die im September den Rat gegründet haben, lediglich, dass ihre Männer und Söhne von der Front zurückkehren, sie positionieren sich aber nicht offen gegen den Krieg. Doch das reicht im heutigen Russland bereits weit über das von Staats wegen geduldete Maß an Eigenmächtigkeit hinaus, zumal sich die Frauen über digitale Dienste Zugang zur Öffentlichkeit verschafften. Während sie auf ihrem Telegram-Kanal weiterhin präsent bleiben, wurde ihre Gruppe in dem russischen Netzwerk Vkontakte inzwischen blockiert. Olga Zukanowa, die in Samara lebt, berichtete, dass sie während ihres Moskau-Aufenthaltes unter Beobachtung gestanden habe. »Wer ist eigentlich unser Präsident? Ein Mann? Oder einer, der vor Frauen wegläuft und sich hinter dem Rücken der Geheimdienste versteckt?« wetterte sie in einem ihrer Videobeiträge.

Zu dem Treffen mit Putin am Freitag voriger Woche erhielt auch das bereits 1989 gegründete Komitee der Soldatenmütter keine Einladung. Das Komitee hatte seinerzeit unhaltbare Zustände in der sowjetischen und später in der russischen Armee aufgedeckt und war während der Tschetschenien-Kriege sehr aktiv. Statt solcher Frauen saßen mit dem Präsidenten Mütter am Tisch, von denen einige zwar auch ihre Söhne im Ukraine-Krieg verloren haben, die aber aufgrund ihrer staatsloyalen Haltung überhaupt erst auf die Gästeliste kamen. Direkt neben Putin befand sich Scharadat Agujewa aus Tschetschenien. Ihre Söhne sind hochrangige Mitarbeiter des tschetschenischen Macht­apparates, einen davon, Rustam Agujew, einen hochrangigen Polizeioffizier, ­bezeichnete der tsche­tschenische Präsident Ramsan Kadyrow mehrfach als seinen »Bruder«. Beide kämpfen in der Ukraine.

Mit von der Partie waren auch eine Regisseurin, die religiös-patriotische Filme inszeniert, und Vertreterinnen aus dem Staatsapparat. Die Veranstaltung strotze vor zynischem Pathos und wirkte sehr gestellt. »Wir teilen Ihren Schmerz mit Ihnen«, behauptete Putin, gleichzeitig machte er in einer seiner Antworten auf Beiträge der Versammelten deutlich, was er von Männern hält, die sich nicht als Kanonenfutter verheizen lassen wollen. Bei einigen wisse man gar nicht so genau, ob sie wirklich ein Leben gelebt hätten, sagte Putin. Sie stürben am Wodkakonsum oder aus anderen Gründen. »Aber Ihr Sohn hat gelebt und sein Ziel erreicht. Das heißt, er ist nicht umsonst aus dem Leben geschieden.« »Nicht umsonst« heißt, er dürfte eine unbekannte Zahl an Ukrainerinnen und Ukrainern getötet und posthum eine Verdienstmedaille erhalten haben.

Als ein Ergebnis des Treffens soll eine Frauendelegation aus Sachalin in den Donbass geschickt werden, um dort die Lebensbedingungen ihrer eingezogenen Ehemänner und Söhne zu inspizieren. »Das ist unser Beitrag zum Sieg«, wird Irina Nigmatulina auf dem lokalen Nachrichtenportal Sakh Online zitiert, deren Sohn an der Front kämpft. Andere Frauen haben versucht, ohne staatliche Rückendeckung in Frontnähe zu ihren männlichen Angehörigen ­vorzudringen.

Aber nicht nur die weibliche Verwandtschaft beschwert sich über die Einsatzbedingungen russischer Armeeangehöriger, auch im Rahmen der Mobilmachung Eingezogene zeichnen Videobotschaften auf. Zu sehen sind immer die gleichen Szenen: Unterbringung und Ausrüstung entsprechen nicht den Vorstellungen von einer modernen Armee und tun der Siegeszuversicht der russischen Kämpfer deutlich Abbruch.

Einige wenige wagen mehr. Der von einer inzwischen in den USA lebenden russischen Journalistin betriebene ­Telegram-Kanal Astrapress berichtete kürzlich von den Umständen, unter ­denen russische Soldaten, die im Herbst eingezogen wurden, in den sogenannten Volksrepubliken im Donbass festgehalten werden, weil sie sich weigern, ihren Fronteinsatz fortzusetzen. Foto- und Videoaufnahmen zeigen überfüllte Kellerräume. Von zehn solcher Orte ­liegen gesicherte Kenntnisse vor. In einem Interview berichtete Michail, der in einem solchen Keller festgesetzt wurde und dessen Nachnahme aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird, davon, dass wochenlang auf ihn und Gleichgesinnte Druck ausgeübt worden sei. Er konnte schließlich nach Hause zurückkehren. Von anderen hingegen fehlt mittlerweile jede Spur.