Şeyda Demirdirek, Autorin, im Gespräch über den Mord an Efraim Hofstaedter Elrom

»Er gab den Holocaust-Überlebenden ein Gesicht«

Am 17. Mai 1971 entführten Mitglieder der marxistisch-leninistischen Untergrundorganisation Volksbefreiungspartei – Front der Türkei (THKP-C) den israelischen Generalkonsul in Istanbul, Efraim Elrom. Von der Regierung forderten sie, innerhalb von drei Tagen inhaftierte Mitglieder der Volksbefreiungsarmee der Türkei (THKO) freizulassen, einer Gruppe, die mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) in Verbindung stand. Die türkische Regierung ging nicht auf ihre Forderungen ein und veranlasste eine Massenverhaftung prominenter Linker. Die Entführer schossen Elrom am 22. Mai drei Kugeln in den Kopf. Er hatte zehn Jahre zuvor eine wichtige Rolle bei dem Gerichts­verfahren gegen den SS-Offizier Adolf Eichmann in Jerusalem gespielt. Die drei Mörder wurden bei Feuergefechten von der Polizei erschossen (»Jungle World« 4/2024). Die »Jungle World« hat mit der Autorin Şeyda Demirdirek über den heutigen Umgang mit dem Fall gesprochen.

Unmittelbar nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel haben türkische Linke vor dem israelischen Konsulat in Istanbul mit einem Plakat posiert, das an den Mord an Efraim Hofstaedter Elrom 1971 erinnern sollte: »Vergesst Elrom nicht!« Wer war dieser Elrom?
Efraim Hofstaedter Elrom war seit Ende 1969 der israelische Generalkonsul in Istanbul. Stalinisten der Volksbefreiungspartei – Front der Türkei (THKP-C) haben ihn entführt und später ermordet, die auch auf diesem ­Plakat genannt wurden. Elrom war aber auch maßgeblich an dem Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann 1961 beteiligt gewesen. Das war damals zwar bekannt, wurde aber nach seiner Ermordung total verdrängt und nicht aus­gesprochen.

Eichmann war zuständig für die Enteignung und Deportation von Millionen Jüdinnen und Juden, von denen die große Mehrzahl direkt in die Gaskammern geschickt wurde. Wie war Elrom am Prozess gegen ihn beteiligt?
Nachdem Eichmann 1960 nach Israel gebracht worden war, wurde Hofstaedter Elrom zum stellvertretenden Leiter der Ermittlungsgruppe, die die Anklage gegen ihn zusammengestellt hat. ­Dabei hat er etwas Besonderes gemacht, denn er teilte die Ermittlungsabteilungen nach Regionen ein. Für jedes Land, aus dem Jüdinnen und Juden ermordet worden waren, gab es jemanden aus dem Büro, der neben Deutsch auch die jeweilige Landessprache beherrschte, um Beweise für die Verantwortung von Eichmann zu sammeln. Dadurch waren Opfergruppen und Überlebende im Eichmann-Prozess präsent. So haben die Opfer des Holocaust und die Überlebenden in der Welt und in Israel Gesicht und Stimme bekommen. Da­r­an hatten die Ermittlungsarbeiten von Hofstaedter und seiner Ermittlungs­einheit einen ganz entscheidenden ­Anteil.

Hatten sie vorher kein Gesicht und keine Stimme?
Die bis 1960 geschriebenen Bücher über die Shoah stützten sich überwiegend auf Täterquellen wie Dokumente oder Protokolle, die zeigten, wie der Vernichtungsapparat organisiert war. Erfahrungsberichte und Untersuchungen über die Situation der Jüdinnen und Juden in den Ghettos, ihr Schicksal in den Konzentrationslagern oder auch über jüdische Widerstandsaktionen gab es wenige. In der neunmona­tigen Vorbereitung auf den Eichmann-Prozess, der 1961 begann, wurden erstmals Holocaust-Überlebende als Zeug:in­nen einbezogen.

Und wie kam er zum Namen Elrom?
Im diplomatischen Dienst musste man einen hebräischen Familiennamen tragen, daher nahm er den Namen ­Elrom an. Das und auch das Schweigen und Verdrängen in der türkischen ­Öffentlichkeit führten dazu, dass es schwierig war, darauf zu kommen, dass Elrom – der Mann, der von Linken ermordet wurde – einen ganz großen Anteil daran gehabt hatte, dass Eichmann zur Verantwortung gezogen wurde. Ich finde es wichtig, dass man diese Leistung von ihm nochmal formuliert.

1971 haben bekannte Journalisten wie Uğur Mumcu und Abdi İpekçi den Mord scharf verurteilt. Hatte das denn keine Auswirkung?
Auch Cetin Altan, der damals als Journalist im Gefängnis saß, hat seine Empörung über die Entführer ausgesprochen. 1961 war er nach Israel gereist, um vom Eichmann-Prozess zu berichten. Diese Journalisten waren empört, dass Linke in der Türkei jemanden wie Elrom als Ziel ausgewählt hatten. Die Kritik an dessen Ermordung war aber nur 1971 präsent. Später wurde darüber weder positiv noch negativ, sondern gar nicht gesprochen.

»Elroms Mörder wurden bei demokratischen und linken Protesten immer wieder als besondere Vorbilder und Revolutionäre geehrt und gewürdigt.«

Erst Anfang der nuller Jahre, hat man in der Türkei angefangen, von Elroms Ermordung zu reden und die Aktion zu loben. Dies geschah, nachdem in den neunziger Jahren Islamisten die durch Repression geschwächte Linke infolge des Militärputschs 1980 als gesellschaftliche Opposition verdrängt und dabei auch deren antiimperialistischen und antizionistischen Jargon übernommen hatten. Das islamistische Lob für den Mord hätte Linke eigentlich zum Nachdenken bringen können, aber stattdessen brüstete sich die antiimperialistische Linke damit und mit der THKP-C.

Man weiß ja, wer ihn umgebracht hat. Wie stehen denn türkische Linke zu den Mördern?
Tja, das ist schon sehr ­irritierend. Mahir Çayan, Hüseyin Cevahir und Ulaş Bardakçı, drei wichtige Führungsfiguren der türkischen Achtundsechzigerbewegung und Mitglieder der THKP-C, wurden innerhalb eines Jahres von Kräften des Staats ermordet. Seitdem wurden sie dann, egal aus welcher Ecke, bei demokratischen und linken Protesten immer wieder als besondere Vor­bilder und Revolutionäre geehrt und gewürdigt und man hat immer wieder den Slogan »Mahir, Hüseyin, Ulaş – Kampf bis zur Be­frei­ung!« gehört. Tatsächlich hat niemand den Beitrag der Ermordung von Elrom zur studentischen und zur antiimperialistischen Be­wegung in Frage gestellt.

Mittlerweile wird ­Elrom in Internet­foren als »zionistischer Agent« gehandelt …
Das ist wahr, aber nicht erst seit neuestem. Nach den islamistischen Anschlägen vom 11. September 2001 auf die USA hatten Linke schon angefangen, über Elrom zu reden, und zwar in eindeutig antisemitischen Veröffentlichungen im Internet. Davor wurde er kaum erwähnt, weder als israelischer Generalkonsul noch als jemand, der einen wesentlichen Beitrag zum Eichmann-Prozess geleistet hatte. Dann aber, nach 9/11 und während der Zweiten Intifada in Israel von September 2000 bis Februar 2005, wurde er häufiger erwähnt, vielleicht weil in dieser Zeit der Antisemitismus in der Türkei ein neues Ausmaß bekommen hat.

Sie haben dazu geforscht und in Shalom, einer jüdischen Zeitung, die in der Türkei auf Türkisch erscheint, zwei Artikel geschrieben. Gab es darauf Reaktionen?
Ganz wenige. Also positive, hauptsächlich aus der jüdischen Gemeinde, ansonsten wurde darauf weder positiv noch negativ viel Bezug genommen. Aber davor war es nicht möglich, so etwas in historischen oder in linken Zeitschriften zu veröffentlichen. Nur Shalom, also die inoffizielle Zeitschrift der jüdischen Gemeinde in Istanbul, war dazu bereit.

Können Sie noch etwas zur Herkunft von Hofstaedter Elrom sagen?
Er wurde 1911 als Efraim Fiszek Hof­staedter in Galizien, in Stanislau, dem heutigen ukrainischen Iwano-Frankiwsk, in eine deutsch-jüdische Familie hineingeboren. Er wanderte 1937 rechtzeitig von Prag, wo er studierte, nach Palästina aus. Seine Eltern und seine Schwester wurden im Holocaust ermordet. Nach der Gründung des Staats Israel war er Kommissar und später Leiter der Polizeiakademie. 1969 ging er vorzeitig in den Ruhestand. Sein Sohn, sein einziges Kind, war bei einem Unfall ums Leben gekommen und Hofstaedter kam nicht darüber hinweg. Man hat ihm aber dann ein ­diplomatisches Amt im Ausland angeboten. So wurde er Generalkonsul in ­Istanbul.

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Şeyda Demirdirek hat Sozialökonomie in Ankara studiert und Philosophie und Sozialpädagogik in Hamburg. Sie arbeitet in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis in Hamburg als Therapeutin. Demirdirek hat sich mit der linken Umdeutung der Geschichte rund um die Ermordung von Efraim Hof­staedter Elrom befasst und dazu ein Kapitel in dem Buch »Antisemitismus in und aus der Türkei« beigesteuert, herausgegeben 2023 in Hamburg von Corry Guttstadt unter Mitarbeit von Sonja Galler.