Zittert, Tyrannen
»Wenn du die Marseillaise nicht singen willst, ist das dein Recht. Heute wird einem gesagt, mit wem man lachen und für wen man weinen soll. Das ist einfach zu viel!« So nahm die Tennislegende Yannick Noah all jene französischen Athleten in Schutz, die bei den Olympischen Sommerspielen in Paris 2024 die Marseillaise nicht mitsangen und dafür kritisiert wurden.
Die Kontroverse um die Marseillaise ist schon viel älter, sie drehte sich meistens um den Text. Zu martialisch und blutrünstig sei der, argumentieren ihre Kritiker, zu denen bereits der sozialistische Politiker Jean Jaurès zählte. In einem Artikel in der Zeitschrift La Petite République socialiste im August 1903 mahnte er, das Revolutionslied sei voller Ideen, die man in der Hymne der Sozialisten, der »Internationale«, aufs Schärfste verurteile: »Was bedeutet, frage ich Sie, der berühmte Refrain vom ›unreinen Blut‹? – ›Dass ein unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt‹ – der Ausdruck ist grausam.«
Bis heute ist es diese Zeile – »Qu’un sang impur abreuve nos sillons!« –, an der sich die Kontroversen zuspitzen. Über ein Jahrhundert später meinte etwa Lambert Wilson, Schauspieler und im Jahr 2014 Moderator des Filmfestivals von Cannes: »Ich bin fassungslos, dass wir immer noch diese Worte singen, die aus einer anderen Zeit stammen. ›Unreines Blut‹, das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.«
Dass der revolutionäre Eifer nicht allein ideellen Humanismus bedeutete, sondern auch den gewalttätigen Sturz des Adels durch den sogenannten Dritten Stand (die anderen beiden waren der Klerus und der Adel), drückt sich nicht allein in der Marseillaise aus.
Dass die bürgerlichen Revolutionäre nach 1789 nicht eben zimperlich waren, schlägt sich in der Hymne sicherlich nieder. Entstanden war die Marseillaise 1792 in der turbulenten Anfangsphase der Revolution, als Frankreich gegen eine Koalition europäischer Monarchien kämpfte. Vom Komponisten Claude Joseph Rouget de Lisle wurde sie als Kriegslied für die Rheinarmee geschrieben und daher zunächst als Chant de guerre pour l’armée du Rhin bekannt. Schnell wurde das Stück zum Symbol des revolutionären Eifers und zum Schlachtruf der Freiheit.
Dass dieser revolutionäre Eifer nicht allein ideellen Humanismus bedeutete, sondern auch den gewalttätigen Sturz des Adels durch den sogenannten Dritten Stand (die anderen beiden waren der Klerus und der Adel), drückt sich nicht allein in der Marseillaise aus. Wer die einschlägigen Schriften, beispielsweise die des Abbé Sieyès, kennt, weiß, dass auch eine »Säuberung« von den inneren Feinden – allen voran solchen aus dem unproduktiven, privilegierten Adel – Teil der bürgerlichen Nationsbildung war.
Diese Feindseligkeit der bürgerlichen Revolution gegen die Ständegesellschaft und alles als unproduktiv Empfundene spielt in der Kritik der Hymne aber kaum mehr eine Rolle. Vielmehr wird die Formulierung vom »unreinen Blut« als rassistisch missverstanden. Ein besonders prominentes Beispiel für diese Fehldeutung lieferte die grüne Senatorin Marie-Christine Blandin im Jahr 2013, die in dem strittigen Vers einen »brutalen Aufruf zur Fremdenfeindlichkeit« zu erkennen glaubte.
Keine ethnische Kategorie
Dass im Ausdruck des sang impur keine ethnische Kategorie aufgemacht wird, ergibt sich aus dem Text der Hymne selbst. Er beschreibt eine historische Situation, in der die Revolutionäre Krieg gegen die monarchistische Konterrevolution zu führen hatten, die vor allem von Österreich und Preußen gestützt wurde. Der renommierte Historiker Jean-Clément Martin hält diesen Zusammenhang fest, wenn er die Marseillaise »eine Antwort auf die Gewalt der Zeit, insbesondere auf die royalistischen Bedrohungen«, nennt.
Dass die Hymne über den spezifischen historischen Moment hinaus durchaus ihr Pathos entfalten kann, stellte zum Beispiel Friedrich Engels 1885 in London fest: »Überhaupt ist die Poesie vergangener Revolutionen (die Marseillaise stets ausgenommen) für spätere Zeiten selten von revolutionärem Effekt.«
Die Pariser Kommune hatte sich 1871 die Melodie von 1792 zu eigen gemacht und mit einem neuen Text versehen. Diese von Madame Jules Faure verfasste Version wurde als »Marseillaise de la Commune« bekannt, und wo vorher das Blut die Felder tränkte, kam das Volk nun ohne Souverän zu seinem Brot (»Marchons, marchons, sans souverain / Le peuple aura du pain«).
Antifaschistische Symbolkraft
Im 20. Jahrhundert erhielt die Marseillaise dann ihre ganz eigene antifaschistische Symbolkraft. Im Dezember 1936 formierte sich jenseits der Pyrenäen in der XIV. Internationalen Brigade eine Kampfeinheit, die sich nach der Hymne benannte: Das La-Marseillaise-Bataillon hielt im Spanischen Bürgerkrieg unter anderem den Vormarsch faschistischer Truppen vor Toledo auf.
Einige Jahre später erinnerte sich der Überlebende des Konzentrationslagers Dachau, Jean Léger, in seiner »Petite chronique de l’horreur ordinaire« daran, wie das Lied bei der Befreiung des Lagers im April 1945 angestimmt wurde: »Eine Marseillaise sprudelte spontan hervor, und mir scheint, als hätte ich sie in anderen Sprachen als unserer eigenen gehört.«
Über alle Landesgrenzen hinweg wurde der Ruf »Aux armes, citoyens« (Zu den Waffen, Bürger) wohl endgültig mit Michael Curtiz’ Film »Casablanca« von 1942 berühmt: In einer Szene stimmen deutsche Soldaten in »Rick’s Café Américain« das Lied »Wacht am Rhein« an – und werden von den übrigen Anwesenden mit der Marseillaise niedergesungen. Darin kommt der ungebrochene Widerstandsgeist gegen die Deutschen zum Ausdruck, den diese Hymne wie keine andere verkörpert. Genau dieses Freiheitspathos des Lieds scheint jede Kontroverse zu überstehen, und so bleibt Frankreich in Heinrich Heines Worten wohl weiter das »Vaterland des Champagners und der Marseillaise«.