24.10.2024
Anita Haviv-Horiner, israelische Bildungsexpertin, im Gespräch über die Rolle der Zivilgesellschaft in Israel

»Eine sehr zersplitterte Gesellschaft«

Der Jahrestag des Massakers hat gezeigt, wie polarisiert Israel politisch ist, meint Anita Haviv-Horiner. Weil die Regierung versagt habe, bemühten sich viele Menschen in Israel um zivilgesellschaftliches Handeln.

Gut ein Jahr nach dem 7. Oktober spitzt sich die Lage in Israel immer mehr zu. Wie geht die israelische Gesellschaft damit um, ist das alles überhaupt noch auszuhalten?
Die Stimmung ist gar nicht gut. Die Menschen sind total erschöpft. Man darf auch nicht vergessen, dass viele als Reservisten in der Armee sind. Viele Menschen sind auch wütend über die Regierung, weil sie nicht glauben, dass sie das Richtige macht; viele bezweifeln, dass hehre Motive hinter dem Handeln stehen. Ich gehöre zu diesen Menschen. Ich halte ­diese Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nicht für legitimiert, Risikoentscheidungen über unser Schicksal zu treffen. Wir müssen die politischen Demonstrationen weiter aufrechterhalten.

»Die Stimmung ist gar nicht gut. Die Menschen sind total erschöpft. Man darf auch nicht vergessen, dass viele als Reservisten in der Armee sind.«

Der 7. Oktober 2024 war ein landesweiter Tag der Trauer und des ­Gedenkens, doch auch an diesem Tag wurde deutlich, wie zerrissen das Land gerade ist.
Es gab zwei große Gedenkfeiern, einmal die Zeremonie der Regierung und eine, die privat organisiert wurde. Weil man mit Protesten rechnete, wurde die Regierungsfeier schon eine Woche vorher aufgenommen und dann im Fernsehen übertragen. Im Park HaYarkon in Tel Aviv haben die Familien der Geiseln eine eigene Zeremonie organisiert. Diese Feier wurde auf fast allen Fernsehsendern übertragen, außer auf Kanal 14, Netanyahus Propagandasender. Ein Angehöriger der Geiseln hat während der Feierlichkeiten dazu aufgerufen, gegen unsere Regierung zu protestieren. Die Familien haben Zweifel, ob die Regierung überhaupt noch bereit ist, die Geiseln zu befreien. Sie fürchten, dass es jetzt nur noch um den großen Krieg geht. Wir wissen natürlich nicht, was hinter verschlossenen Türen passiert, ob und wie da verhandelt wird, aber es liegt auf der Hand, dass Netanyahu ein Interesse an der Ausweitung dieses Kriegs hat, um seine Macht zu behaupten. Natürlich muss man die Hizbollah bekämpfen, aber man darf doch nicht die Geiseln vergessen.

Die Frage ist, wie die Hizbollah ­bekämpft werden kann, wenn nicht militärisch. Gibt es dazu eine Alternative? Und kann man Netan­yahu vorwerfen, dass er auf den Raketenbeschuss antwortet?
Mit dem Beginn des Kriegs gegen die Hizbollah wurde das Augenmerk auf den Norden gelenkt. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Die Hizbollah stellt eine viel größere Bedrohung für Israel dar als die Hamas. Aber ich befürchte, es kommt der Regierung sehr entgegen, dass die Frage der Geiseln dadurch öffentlich weniger diskutiert wird. Das darf man nicht zulassen. Die Angehörigen und die Geiseln selbst dürfen nicht alleingelassen werden in dieser furchtbaren Zeit. Hier ist die Zivilgesellschaft gefragt.

Die Ausnahmesituation seit dem 7. Oktober hat auch eine Welle der Hilfsbereitschaft und des Bürgerengagements hervorgerufen. Sie haben mit zahlreichen Menschen aus allen Gruppen der Gesellschaft gesprochen, die sich engagiert haben, darunter sind orthodoxe Juden, Araber, Beduinen und Säkulare. Was verbindet diese Menschen?
Wir alle waren damit konfrontiert, dass die staatlichen Institutionen komplett versagt haben. Das hält zum Teil bis heute an. Die Zivilgesellschaft hat ihre Möglichkeiten genutzt, sie ist ja viel wendiger als staatliche In­stitutionen. Viele haben direkt am 7. Oktober losgelegt.

Welche Aktivitäten haben Sie am meisten beeindruckt?
Jedes Engagement ist wichtig. Mir fällt der tolle Chefkoch Nir Peretz ein, der eigentlich Luxusküche und Catering für Events macht. Er hat zusammen mit vielen Helfern 100 Tage lang für die Soldatinnen und Soldaten gekocht. Dabei war ihnen total wichtig, dass es gutes Essen war, auf ganz hohem Niveau. Vom Lieferdienst bis zum Kochen haben die Leute alles tipptopp organisiert. Inzwischen hat er das etwas heruntergefahren, bringt aber immer noch Essen zu den Soldaten im Süden.

»Wir sind ohnehin ­eines der Länder, in denen weltweit am meisten Antidepressiva geschluckt werden.«

Die Brutalität des Überfalls stellt eine Zäsur in der Geschichte ­Israels dar. Viele Holocaust-Überlebende und deren Nachfahren erlebten den 7. Oktober als Retraumatisierung. Wie geht die Gesellschaft mit dieser Herausforderung um?
Wir haben in Israel sehr viel Erfahrung mit Traumata. Es gibt viele Organisationen, die die Holocaust-Überlebenden therapeutisch begleiten. Die haben sich sofort eingeschaltet und viele Therapeuten sind sofort ehrenamtlich aktiv geworden, um das aufzufangen. Zum Beispiel die NGO Natal, die Soforthilfe nach Anschlägen oder für Armeeangehörige anbietet, da muss man einfach nur anrufen. Zum Thema der Erinnerung hat Yaniv Hegyi das Projekt »710 Memorial« gestartet, eine digitale Dokumentation der Whatsapp-Sprachnachrichten, die noch während des Terrorangriffs versendet wurden. Hegyi lebte im Kibbuz Be’eri, er saß mit ­seiner Familie über 30 Stunden im Sicherheitsraum und hat so den Terrorangriff überlebt. Seine Großeltern waren Holocaust-Überlebende. Und er hat sich vorgenommen, dass seine Enkel später Bescheid wissen, was am 7. Oktober passiert ist. Die Menschen, die ihm die Whatsapp-Sprachnachrichten schicken, sind total dankbar, weil so die Erinnerung an diesen Tag wachgehalten wird.

Werden psychische Erkrankungen in Israel anerkannt? Es gibt ja viele Menschen, die nach dem 7. Oktober psychisch so angeschlagen waren, dass sie bis heute nicht arbeiten können.
Die Probleme sind bekannt und werden auch anerkannt. Das psychische Problem muss ärztlich bestätigt werden und dann gibt es Krankengeld. Die Mehrheitsgesellschaft nimmt die Probleme der Menschen wahr und ernst. Wir sind ohnehin ­eines der Länder, in denen weltweit am meisten Antidepressiva geschluckt werden.

Manche Menschen haben sich so stark engagiert, dass sie einen Burn-out hatten. Haben die Ehrenamtlichen überhaupt noch Kraft?
Irgendwann muss man ja zurück in seine Realität. Die Leute versuchen nun, ihre Hilfsbereitschaft und ihr Engagement in ihren Alltag zu in­tegrieren. Ich beobachte inzwischen viel Pragmatismus bei den Leuten, sie machen zum Beispiel einmal in der Woche etwas. Manche übernehmen sich aber auch bis zum Zusammenbruch.

Welchen Stellenwert hat das ­ehrenamtliche Engagement in ­Israel?
Wir bekommen das quasi von Kindesbeinen an vermittelt. Es ist ein ­integraler Teil der israelischen Sozialisation. Zum Beispiel im Kibbuz-­Wesen, aber auch in religiösen Gruppen, in Jugendverbänden, in der Schule. Es gehört einfach dazu, dieses wohltätige Handeln, selbst in Hightech-Firmen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Ehrenamtliche zum Teil die Aufgaben des Staates übernehmen.

»Der Einzige, der wirklich überhaupt keine Verantwortung übernimmt, ist der Ministerpräsident.«

Was hat der Staat denn versäumt nach dem 7. Oktober?
Zu dem Massaker hätte es überhaupt nie kommen dürfen, es gab genügend Warnungen. Das sagen auch Leute aus der Armee und dem Geheimdienst, von denen einige zurückgetreten sind. Der Einzige, der wirklich überhaupt keine Verantwortung übernimmt, ist der Ministerpräsident. Der tut so, als habe das alles nichts mit ihm zu tun, und schiebt die Schuld auf andere. Die Versorgung der Binnenflüchtlinge läuft schlecht, die Zahlungen an die Landwirte, die große Schäden hatten nach dem 7. Oktober, laufen schleppend und sehr bürokratisch. Man darf nicht vergessen, dass die ausländischen Gastarbeiter nicht mehr im Land sind, die mussten ersetzt werden durch Freiwillige, was mehr oder ­weniger gut funktioniert hat. Dieser Staat hat andere Prioritäten und ­versorgt die Ultraorthodoxen und die Siedler mit Budgets ohne Grenzen.

Kurz nach dem 7. Oktober ­dachten viele, es spielt keine Rolle mehr, ob man Netanyahu-Anhänger ist, ultraorthodox oder liberal und progressiv, ob man in der Großstadt lebt oder auf dem Land. Es wirkte so, als seien die großen Unterschiede in der israelischen ­Gesellschaft plötzlich nicht mehr wichtig. Ist davon etwas geblieben?
Es gibt diese Momente des starken Zusammenhalts in Israel, zum Beispiel in der Armee, aber auch in der Zivilgesellschaft. Man kann nicht sagen, dem helfe ich, dem aber nicht, man hilft einfach. Es gibt jüdische NGOs, die mit Arabern zusammenarbeiten, und umgekehrt. Es gibt Ultraorthodoxe, die arbeiten und zum Militär gehen. Es ist nicht alles schwarzweiß. Inzwischen sind die politischen Differenzen aber wieder sehr präsent. Wir sind eine sehr zersplitterte Gesellschaft. Ich bin leider nicht so euphorisch, was den Zusammenhalt betrifft. Unsere grundsätzlichen Probleme sind ja immer noch da. Neulich wurde der Vater einer Geisel mit einem Ei beworfen von jemandem, der die Demonstrationen gegen Netanyahu nicht mag.

»Wenn ich einen Vortrag in Deutschland halte, ist meine erste Frage immer, ob es eine Security gibt.«

Vor dem 7. Oktober haben sich einige Israelis sehr stark für eine Koexistenz, ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern engagiert, auch im überfallenen Kibbuz Be’eri. Gibt es diese Friedensprojekte noch?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben ihre Haltung geändert, können nicht mehr vertrauen. Andere sagen, wir müssen unbedingt damit weitermachen. Die israelisch-kanadische Friedensaktivistin Vivian Silver wurde bei dem Massaker in Be’eri umgebracht. Sie hat sich über Jahrzehnte für die Bildung und bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter aus Gaza eingesetzt. Alle, die mit ihr gearbeitet haben, sagen, sie wollen unbedingt in ihrem Sinne weiterarbeiten.

In Deutschland wird seit dem 7. Oktober erbittert über den Israel-Pa­lästina-Konflikt debattiert. Staatliche Stellen betonen das Selbstverteidigungsrecht ­Israels, aber auf dem Campus, in den Straßen und in der Kultur­szene eskalieren antiisraelische Proteste regelmäßig. Was davon kommt in Israel an?
Ich verfolge die Debatte in Deutschland sehr aufmerksam. Durchschnittliche Israelis, die keinen Bezug zu Deutschland haben, sagen vielleicht, Deutschland ist immer noch der beste Freund Israels. Aber gleichzeitig werden in Deutschland diese antiisraelischen Hasstiraden andauernd zugelassen. Wenn ich einen Vortrag in Deutschland halte, ist meine erste Frage immer, ob es eine Security gibt. Das war früher nicht so.

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Anita Haviv-Horiner auf einem Sessel, Foto: Sabine Frank, anitahaviv.com

Anita Haviv-Horiner wurde in Wien als Tochter von Holocaust-Überlebenden geboren und lebt seit 1979 in Israel. Sie arbeitet als Bildungsexpertin für deutsch-israelische und österreichisch-­israelische Projekte. Ihr gerade erschienenes Buch »Solidarität heißt Handeln. Die israelische Zivilgesellschaft nach dem ­Massaker vom 7. Oktober 2023« kann bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt oder heruntergeladen werden. (Foto: Sabine Frank, anitahaviv.com)