24.10.2024
Die Serie »Disclaimer« von Alfonso Cuarón

Fragmente der Realität

Die Serie »Disclaimer« von Drehbuchautor und Regisseur Alfonso Cuarón seziert das scheinbar glückliche Leben einer Kleinfamilie, das durch ein mysteriöses Buch ins Wanken gerät.

Es ist erstaunlich, welchen Stoff sich Alfonso ­Cuarón für seine neue Regie­arbeit ausgesucht hat. Sechs Jahre nach seinem mit drei Oscars ausgezeichneten Spielfilm »Roma« (2018) nimmt sich der mexikanische Regisseur mit »Disclaimer« erstmals einer Serie an.

Diese basiert auf dem 2015 erschienenen gleichnamigen Roman der britischen Autorin Renée Knight, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung als »spannende Urlaubslektüre mit Abstrichen« beschrieb. Das Buch ist ein wendungsreicher Thriller, der in seiner Konventionalität wenig Auf­sehen erregte und recht schnell sang- und klanglos in der unablässig wachsenden Masse ebensolcher Spannungsromane verschwand.

Will ein paar Dinge über sich dann doch geheim halten: Catherine (Cate Blanchett)

Will ein paar Dinge über sich dann doch geheim halten: Catherine (Cate Blanchett)

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Was veranlasste also Cuarón, der mit »Children of Men« (2005), »Gravity« (2013) oder dem autobiographisch angelegten »Roma« zu den profiliertesten Regisseuren der Gegenwart gehört, dazu, bei diesem Projekt nicht nur Regie zu führen, sondern auch sämtliche Drehbücher zu schreiben und sich als ausführender Produzent zu betätigen? Die Antwort, die er in einem Interview mit dem Time Magazine gab, klingt etwas banal, aber umso plausibler: »Es war eine Herausforderung für mich, weil ich noch nie etwas gemacht habe, das offenkundig narrativ ist. Meine Filme sind erzählerisch eher spärlich.«

Herausgekommen ist eine kurzweilige siebenteilige Serie, deren Melange aus Cuaróns ausgefeiltem Inszenierungsstil und einer spannungsreichen, mit Pathos getränkten und fast schon bieder anmutenden Geschichte zunächst irritiert. Im Zentrum der Serie, die in drei Akten von Rache, Enthüllung und Reue erzählt, steht das Ehepaar Catherine (Cate Blanchett) und Robert (Sacha Baron Cohen) Ravenscroft.

»Disclaimer« verhandelt Fragen unserer Zeit: Wer darf Geschichten erzählen, wer hat die Kontrolle über die Erzählung und was traut man welchen Erzählern zu?

Sie ist eine erfolgreiche Fernsehjournalistin, die für ihre investigativen Recherchen als »Leuchtturm der Wahrheit« gefeiert wird, er arbeitet in der Führungs­etage einer Londoner NGO. Kürzlich haben sie ihre Wohnverhältnisse verkleinert, da ihr gemeinsamer Sohn Nicolas ausgezogen ist. Der neue Wohnort ist ein mondänes Stadthaus im Zentrum Londons mit Panoramafenstern und einer imposanten ­Empore. Vor der Garage steht eine Jaguar-Limousine. 

Als sich eines Tages in der Post ein Buch einer anonymen Autorin mit dem ominösen Titel »The Perfect Stranger« befindet, gerät das makellose Leben des Paars ins Wanken. Denn die Hauptfigur ähnelt auf frappierende Weise Catherine. Das Buch beginnt zudem mit dem titel­gebenden Disclaimer (deutsch: Haftungsausschuss), der den üblichen Text jedoch ins Gegenteil verkehrt: »Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist kein Zufall.« 

Das Spiel mit Fiktion und Wahrheit und der Trug von Erzählungen

Als »Disclaimer« bei den Filmfestspielen in Venedig Uraufführung feierte, bat Alfonso Cuarón die Kritiker darum, nichts über die Handlung zu verraten. Die weitverbreitete und auch im Journalismus gepflegte Angst vor den sogenannten Spoilern ist meist ein großer Unsinn – als bestünde der Wert eines filmischen Werks nur in der reinen Geschichte und nicht auch in der Art des Erzählens und der Inszenierung. Im Falle von »Disclaimer« möchte man Cuaróns Wunsch allerdings beherzigen und möglichst wenig verraten. Denn das Spiel mit Fiktion und Wahrheit und der Trug von Erzählungen, denen man blindgläubig erliegt, sind das Grundkonstrukt der ganzen Geschichte.

Nur so viel sei verraten: Das ominöse Buch wurde Catherine Ravenscroft von Stephen Brigstocke (Kevin Kline) zugeschickt, ein Witwer, der seit dem Tod seiner Frau Nancy (Lesley Manville) vor neun Jahren und dem Tod seines 19jährigen Sohns ­Jonathan einige Zeit zuvor alleine lebt. Nach seiner Pensionierung als Lehrer war der verbitterte Griesgram damit beschäftigt, die Besitztümer seiner Frau zu entsorgen, als er auf einige Fotos vom letzten Urlaub seines Sohns und ein unveröffentlichtes Manuskript seiner Frau stieß.

Bringt alles ins Rollen: Stephen (Kevin Kline)

Bringt alles ins Rollen: Stephen (Kevin Kline)

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Daneben wird der Zerfall der vermeintlichen Familienidylle von Catherine Ravenscroft gezeigt, den das zugespielte Buch auslöst. Rückblenden erzählen vom Ereignis, um das sich das Buch dreht und das mit einem Urlaub in Italien zusammenhängt, in dem Catherine mit ihrem vierjährigen Sohn Nicholas auf den Sonnyboy Jonathan trifft. Im Laufe der sieben Episoden werden die verschiedenen Erzählstränge miteinander verwoben, bis sich langsam die Wahrheit herausschält, die mit den Fotos und einer Tragödie am Strand zusammenhängt.

»Disclaimer« verhandelt dabei offenkundig drängende Fragen unserer Zeit. Wer darf Geschichten erzählen, wer hat die Kontrolle über die Erzählung und was traut man welchen Erzählern zu? Gibt es überhaupt so etwas wie eine objektive Wahrheit? Der großzügige Einsatz von Voice-overs, die das Gezeigte unentwegt kommentieren, serviert dem Publikum diese Fragen auf dem Silbertablett.

Schwülstiger und bedeutungsschwangerer Ton

»Das ist es, was große Schriftsteller tun. Sie nehmen Fragmente der Realität und verweben sie so, dass sie eine größere Wahrheit offenbaren«, sagt Stephen Brigstocke an einer Stelle über das Buch seiner verstorbenen Frau. Später wird ihm Catherine Ravenscroft entgegnen: »Fotos sind nicht die Realität. Sie sind ein Fragment der Realität.« Die Rolle des Kommentators fällt dabei vor allem Stephen Brigstocke zu, dessen kultiviertem Englisch man gerne zuhört. Seine allzu überzeichnete Figur wirkt allerdings wie das Klischee eines auf Rache sinnenden alten Manns. 

Leider können weder Cate Blanchett noch Sacha Baron Cohen die Misere der Serie beheben, die an ihrem schwülstigen und bedeutungsschwangeren Ton leidet. Blanchett ist umwerfend anzusehen und verleiht ihrer Figur eine große Fallhöhe zwischen renommierter Journalistin und gebrochener Mutter, der das Leben nach und nach entgleitet. Cohen wiederum spielt souverän den sorgsamen und gutherzigen Ehemann, dem das Herz gebrochen wird. Beide werden als einsame Seelen gezeichnet, die völlig übersehen, was in ihrem gemeinsamen Sohn (Kodi Smit-McPhee) vorgeht, der unfreiwillig in die Ereignisse verwickelt wird.

Zeitsprung zurück. Die junge Catherine (Leila George)

Zeitsprung zurück. Die junge Catherine (Leila George)

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Was die Serie trotzdem am Leben hält, ist Cuaróns grandiose Inszenierung. Für die verschiedenen Erzählstränge werden unterschiedliche visuelle Stile verwendet. Die perfekt choreographierten Plansequenzen, die Cuarón mit den beiden Kameraleuten Emmanuel Lubezki (seinem Stammkameramann) und Bruno Delbonnel (»Inside Llewyn Davis«, »Mac­beth«) entworfen hat, werden immer wieder kontrastiert durch eine wackelige Handkamera, die sich regelrecht an die Figuren anschmiegt.

»Disclaimer« ist eine Serie, die auch etwas über den umkämpften Streaming-Markt aussagt. Die große Goldgräberstimmung ist längst einer Phase der Konsolidierung gewichen. Das wilde Wachstum ist vorbei, mittlerweile geht es unmittelbar um Profit. Es werden weniger Nischen und mehr die breite Masse bedient. »Disclaimer«, eine Eigenproduktion von Apple TV+, richtet sich dementsprechend an zwei Zielgruppen: das geneigte Arthouse-Publikum, das Cuaróns Namen anzieht, und jene, die sich am Feierabend konventionelle Unterhaltungskost wünschen. Das Vorhaben dürfte aufgehen.

»Disclaimer« kann bei Apple TV+ ­gestreamt werden.