19.12.2024
Krampusse in Österreich

Alpine K-Gruppen

Im Alpenraum benehmen sich als Teufelswesen verkleidete Männer gern daneben. Was treibt sie an und was hat das zu bedeuten?

Wien. Besinnlich soll die Adventszeit sein. Die Tage sind kurz, es wird kalt. Zwischen Keksebacken und dem Besorgen von Weihnachtsgeschenken für die Verwandtschaft bleibt manchmal doch ein wenig Zeit, um darüber zu sinnieren, was man im Laufe des Jahres Gutes und Schlechtes getan hat. Wer das vergessen hat, wird im Alpenraum vom Heiligen Nikolaus daran erinnert. In einen roten Mantel gehüllt und mit einem großen Hut auf dem Kopf stattet der weißbärtige Mann vor allem Kindern einen Besuch ab. Wer brav war, bekommt Süßigkeiten. Wer nicht, bekommt sie meist auch – aber garniert mit einer Ermahnung.

Sogenannte Krampusse – regional unterschiedlich heißen sie dem Münch­ner Merkur zufolge auch Krampn, Buttnmandl, Perchten oder Klausen – begleiten die Heiligenfigur auf ihrem Weg durch die Dörfer. Die Fabelwesen tragen haarige Kostüme, die ein wenig an Chewbacca aus dem »Star Wars«-Universum erinnern. Von diesem unterscheidet sie allerdings eine Teufelsmaske, an der Hörner von erlegten Gämsen und Böcken befestigt sind. Um die Hüften baumeln mehrere an einen Gürtel gehängte Glocken. Krampusse tanzen wild, machen Lärm und nehmen »Unartige« auch schon einmal in den Schwitzkasten.

»Vereinfacht gesagt kann man sich das wie Yin und Yang vorstellen«, sagt der Schweizer Konrad Kuhn, Assistenzprofessor für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, im Gespräch mit der ­Jungle World. Der Kulturanthropologe beschäftigt sich mit Brauchtums­forschung im Alpenraum. »Heißt, das Gute wird auch immer vom Bösen begleitet.«

»Letztlich geht es um eine Bestätigung der Ordnung«, so der Kulturanthropologe Konrad Kuhn. Deren »kurzzeitige Auflösung« verstärke »ihre Aufrechterhaltung unter dem Jahr«.

Die wilden Fabelwesen dienen als Projektionsfläche. Die einen glauben, mit ihnen die bösen Geister des Winters zu vertreiben, andere vermuten dahinter eine alte Tradition, die bis zu den Kelten zurückreiche. Der Anthropologe Matthäus Rest von der Schweizer Universität Fribourg hält zumindest Letzteres für unwahrscheinlich. »Die ersten schriftlichen Erwähnungen des Krampus stammen aus dem späten 16. Jahrhundert. Sie haben ihren Ursprung in der Gegenreformation«, sagt der Österreicher, Co-Autor des Standardwerks »Wild und Schön. Der Krampus im Salzburger Land«, im Gespräch mit der Jungle World.

Um den Protestantismus zurückzudrängen, seien unter anderem kleine Theateraufführungen inszeniert worden, in denen »erstmals in der mitteleuropäischen Ikonographie der ­Teufel ein Gesicht bekam«. Diese »Stubentheater« seien von Haus zu Haus gezogen und mit Naturalien entlohnt worden. Das habe, so Rest, mit den landwirtschaftlichen »Produktionszyklen« zu tun, da nach der Ernte im Spätherbst »die Vorratskammern voll waren«, während wieder mehr Zeit für das gesellige Leben zur Verfügung stand. Der Forscher hält es für plausibel, den Brauch in den »größeren Zusammenhang des frühneuzeitlichen Karnevals« zu stellen. Konkret kann man sich die Vorbereitung auf den Auftritt als Krampus als eine Freizeitbeschäftigung vor allem junger Männer vorstellen, die sich treffen, gemeinsam an ihren Kostümen arbeiten und nach den Aufführungen feiern.

Immer wieder Gewalt­taten

In den vergangenen Jahrzehnten erlebten die Krampusvereine einen Boom. Zahlreiche neue Gruppen sind entstanden, die Kostüme wurden aufwendiger, die Auftritte exzessiver. Zuletzt gerieten sogenannte Perchtenläufe immer wieder wegen Gewalt­taten in die Schlagzeilen. Anders als der klassische Krampus sind die ebenso wild kostümierten Perchten genannten Männer nicht direkt ans Nikolausbrauchtum gebunden, sondern vertreiben der Überlieferung nach die bösen Wintergeister – eine Unterscheidung, die nicht überall gemacht wird, so dass auch von »Krampusjagden« die Rede ist. Mancherorts wurden bereits Ruten verboten, mit denen die Kostümierten »Jagd« auf Passanten machen. Im Schutz der Anonymität wird über die Stränge geschlagen, meist jedoch in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen.

Denn Perchtenläufe üben eine große Anziehungskraft aus – auch auf Frauen. Matthäus Rest hat in Feldstudien beobachtet, dass Frauen während der Umzüge bewusst körperbetonte Kleidung wie »Röhrenjeans und Leggings« tragen und »in den Tagen danach die Wunden untereinander vergleichen und mit Stolz ­tragen«. Von einem patriarchalen Räuber-Beute-Verhältnis auszugehen, sei jedoch falsch. Vielmehr sei »die Krampusjagd auch eine Form der Bewusstwerdung des eigenen Tuns und der Raumnahme in einer männlich dominierten Disziplin«.

Die Kostümierten sind meist Männer im Alter von etwa 16 bis 30 Jahren ohne Migrationshintergrund. »Am Anfang steht die Aufnahme in die Gesellschaft der Erwachsenen im Mittelpunkt«, das gehe »über Wildheit und möglichst spektakuläre Männlichkeit«, so Matthäus Rest weiter. Am Ende stehe die Familiengründung. Die Zugehörigkeit zu ­einer Gruppe sei somit eine Begleiterscheinung des Erwachsenwerdens, des Übergangs vom Jugendlichen zum Mann.

Bedürfnis nach temporär einfach strukturierten Rollen

Woher kommt der große Zuwachs der alpinen K-Gruppen? »Die Interpretation, dass es sich um eine Reaktion auf unsicher gewordene Geschlechterverhältnisse handeln soll, scheint mir zu einfach«, sagt Konrad Kuhn. Dennoch sehe er »ein Bedürfnis nach temporär einfach strukturierten Rollen«. Die Sehnsucht nach einem »anonymen Kollektiv, mit dem der eigene Körper verschmilzt«, ­könne man auch in anderen Jugendkulturen wie der Ultra-Bewegung in den Stadien wahrnehmen.

Doch auch wenn es einmal »ein wenig zu weit« gehe, gebe es einen wesent­lichen Unterschied zu urbanen Gegenkulturen wie beispielsweise dem Punk: »Letztlich geht es um eine Bestätigung der Ordnung«, so Kuhn. Deren »kurzzeitige Auflösung« verstärke »ihre Aufrechterhaltung unter dem Jahr«, weil man – wie im Karneval – einer »wilden Welt« nur einen begrenzten Zeitrahmen ­zugestehe.

In der Tiroler Ortschaft Längenfeld kam es Anfang Dezember zu einem ungewöhnlichen Vorfall. Eine Gruppe Krampusse im Alter von »20 bis 45 Jahren« verhielt sich nach Angaben des ORF gegenüber der Polizei »alles andere als ­kooperativ, sondern sehr aggressiv«. Die Ordnungshüter wollten die Männer zu mutmaßlich von ihnen beschädigten Autos befragen. Als ein Krampus sich weigerte, seine Personalien anzugeben, und flüchten wollte, hielten ihn die Polizisten fest. Daraufhin wurden sie von den anderen derart bedrängt, dass es schließlich ­gelang, den Gefangenen zu befreien.

Wie im Bierzelt

In der Kleinstadt Imst, gleichfalls in Tirol, schlug ein Krampus mit einer Holzlatte auf die Hand einer Frau und verletzte sie schwer. Andernorts rüttelte ein Krampus so heftig an einem der Absperrgitter, hinter denen für gewöhnlich Zuschauer stehen, die die Höllenwesen aus sicherer Entfernung sehen wollen, dass der Finger einer Frau eingeklemmt und die Fingerkuppe nahezu vollständig abgetrennt wurde.

Auch wenn es sich nur um einige Beispiele unter vielen handelt, gibt es laut Matthäus Rest »kein systemisches Problem«. Die ausgeübte Gewalt sei qualitativ und quantitativ ähnlich wie in einem Bierzelt oder bei einem Fußballspiel. Bei der Masse an Teilnehmenden und Veranstaltungen seien eine »Hand­voll Verletzungen« für die Medien vor allem eines: ein »jedes Jahr leicht produzierter Skandal«.

Auch Kuhn meint, dass »man die Schlagzeilen eigentlich schon auf Vorrat produzieren kann«. Mit der Realität habe das meist wenig zu tun. »Man muss es nicht richtig finden«, aber es seien oft »akademisch-städtische Bubbles«, die sich aufregten. Während Gewalt an den EU-Außengrenzen ­kritiklos hingenommen werde, könne man über das Verhalten der Land­bevölkerung leicht die Nase zu rümpfen. »Vielleicht sollte man sich mal mehr mit diesen Regionen beschäftigen«, mahnt Kuhn. Ihm gehe es dabei nicht um eine »Romantisierung eines Aufstands der Prekarisierten«, sondern um Empathie für »Personen, die nicht immer privilegiert sind«. Statt sich in den eigenen Vorurteilen zu ergehen, solle man darüber nachdenken, ob die »Dinge nicht etwas komplexer« seien.

Omertà in Ost­tirol?

Matthäus Rest plädiert ebenfalls für eine differenzierte Betrachtung. Der Experte verneint zwar ein österreichweites »Krampusproblem«, beobachtet ein solches jedoch in Ost­tirol. »Aber darüber wird nicht berichtet. Weder vor Ort noch im Rest des Landes«, was auf eine Art Omertà – ein Schweigegelübde – zurückzuführen sei. Verletzte führen zur Behandlung sogar in Nachbarorte, um nicht in der Statistik aufzutauchen. Der Grund für die Verletzungen liege darin, dass man in der Gegend um Matrei nicht mit Ruten und Stöcken unterwegs sei, sondern Passanten einfange und dann mit einem »fast ringermäßigen Schulterwurf« zu ­Boden werfe. »Früher gab es genug Schnee, da war das kein so großes Problem«, so Rest. Mittlerweile führe diese Praxis aber zu »schweren Schulterverletzungen und Schlüsselbeinbrüchen«. Anders als im übrigen Österreich würden auch ältere Menschen, die »nur von Haus zu Haus gehen wollen«, Opfer dieser Attacken.

Dennoch sei eine generelle Empfindung von »moralischer Überlegenheit« über diejenigen, die das Brauchtum praktizierten, unangemessen, meint Rest. Gleichzeitig mit den ersten Berichten über Perchtenläufe seien auch Beschwerden aufgetaucht, die den »Untergang des Abendlandes« kommen wähnten. »Lebendige Praktiken erzeugen Reibung.« Da dem Krampus der »Exzess mit eingeschrieben ist«, sei die Polemik eben auch größer. Doch sei ein Krampus­umzug, »bei dem nichts kaputtgeht und wo niemand einen blauen Fleck davonträgt, auch ein wenig lang­weilig«.