Der Prophet Bakunin
Ohnmacht gebiert Phantasien von Allmacht, ausbleibende Revolutionen befeuern den Kultus des revolutionären Willens. Besonders abseitig wird es, wenn auf diese Art Revolution Mitglieder der prekären Zünfte – Geistes- beziehungsweise Sozialwissenschaft – hoffen, die ihrer Bedeutungslosigkeit abhelfen soll.
Das Berufsbild des professionellen Revolutionärs, wie es Lenin entworfen hat, also desjenigen, auf den die Massen nur gewartet hätten, wenn es in der Weltgeschichte mit rechten, also linken Dingen zugegangen wäre, lockt da stets.
Auch heutzutage noch, so scheint es, oder gerade erst recht wieder: Da treibt beispielsweise in Leipzig seit einiger Zeit ein sogenannter Kommunistischer Aufbau sein universitäres Unwesen, während an Westberliner Schulen die Gruppe »Young Struggle« – eng verbunden mit der türkischen MLKP – gegen Israel so hetzt wie einst die KPD/ML während der Münchner Olympischen Spiele.
Was soll das für ein objektiver Prozess sein, was für ein historischer Materialismus, der erst durch den subjektiven Willensakt, den idealistischen Voluntarismus überhaupt in Kraft und Bewegung gesetzt werden kann?
Und nicht nur im geistigen Sumpf Stalins, Maos und Hoxhas blüht es derzeit wieder, sondern auch in dem Trotzkis, des »gescheiterten Stalin« (Willi Huhn). Von sich reden machte etwa die Gruppe Arbeiter:innenmacht (vormals: Arbeitermacht), die an der Universität der Künste Berlin unlängst palästinensische Lynchmorde abfeierte. Anfang Dezember gründete sich in Berlin unter dem Zeichen von Hammer, Sichel und Kufiya die Revolutionäre Kommunistische Partei mit dem erklärten Ziel, der Arbeiterklasse zum revolutionären Sieg zu verhelfen.
Nur in einem sind sich alle genannten und ungenannten Gruppen (der Prozess der Zellteilung, -verschmelzung und -erneuerung war und ist dort völlig unübersichtlich) einig: in der Fortführung des Parteitypus, den Lenin in »Was tun?« (1902) entworfen hat. Eine entschlossene Gruppe Berufsrevolutionäre überwindet demzufolge die Trägheit der Arbeitermassen, indem sie sie durch Erziehung und – so möglich – Tritte in den Hintern vom bloß »trade-unionistischen« Bewusstsein befreit und quasi in Stellvertretung der empirisch unwilligen Klasse deren eigentliches Bewusstsein vom wirklichen, objektiven Klassenauftrag und Gang der Geschichte bewahrt und verwaltet.
Abenteuerlichste Variante, Ohnmacht in Allmacht zu verwandeln
Im bäuerlichen Russland hatte diese Vorstellung noch eine besondere Pointe für die sich von der Geschichte auserwählt dünkenden Revolutionäre parat: Die politisch minoritäre Vorhut der Arbeiterklasse habe diese auf Vordermann zu bringen, während die gesellschaftlich minoritäre Arbeiterklasse wiederum die bäuerlichen Massen führen solle – sicherlich eine der abenteuerlichsten Varianten, Ohnmacht in Allmacht zu verwandeln.
Und nicht nur abenteuerlich, sondern auch in der Anlage absurd: Was soll das für ein objektiver Prozess sein, was für ein historischer Materialismus, der erst durch den subjektiven Willensakt, den idealistischen Voluntarismus überhaupt in Kraft und Bewegung gesetzt werden kann? Marx jedenfalls hatte wenige Jahrzehnte zuvor jenen entschieden widersprochen, die glauben: »Der Wille, nicht die ökonomischen Bedingungen, ist die Grundlage seiner sozialen Revolution.«
Der hier kritisch Angesprochene ist natürlich nicht Lenin, sondern Michail Bakunin, Stammvater des modernen Anarchismus. Um die heftigen Kontroversen zwischen den beiden Wortführern der Internationalen Arbeiterassoziation (1864–1876) ranken sich viele Mythen, vor allem über die Boshaftigkeit des »autoritären deutschen Juden« Marx (wie Bakunin mit seiner Neigung zum antisemitischen Stereotyp seinen Antagonisten bezeichnete).
Die Staatsfrage
Fälschlicherweise wird diese Kontroverse traditionell auf die Frage Staat – ja (Marx) oder nein (Bakunin) verengt; dabei bestand das Problem lediglich darin, dass Bakunin, geprägt vom russischen Despotismus, sich den Staat nur als etwas den selbständig produzierenden Individuen und kleinen Gemeinschaften Aufgepfropftes vorstellen konnte.
Auf die Idee, dass eine industriell produzierende arbeitsteilige Gesellschaft eine Art Organisation braucht (die Marx und Engels zur Verdeutlichung als »Gemeinwesen« oder »Halbstaat« bezeichneten), kam Bakunin nicht. Damit hängen auch seine vollkommen archaischen ökonomischen Vorstellungen zusammen, denen zufolge nicht zuerst das Privateigentum, sondern das Erbrecht abgeschafft werden müsse, damit das »vollkommene Individuum« den »Ertrag seines Werkes« für sich behalten könne; man kann es Marx kaum verdenken, dass er derlei für »schülerhafte Eseleien« hielt.
Tatsächlich entscheidend war der Streit über den Materialismus, der Marx den Vorwurf einbrachte, allzu zögerlich zu sein, die Revolution zu verraten, dem Bestehenden verhaftet zu bleiben. Marx beharrte in der Tat darauf, dass »der Kommunismus für uns nicht ein Zustand (ist), der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach sich die Wirklichkeit zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.«
Ingredienzien des Leninismus
Diese Voraussetzung sah Bakunin hingegen immer und überall gegeben. Zur sozialen Revolution bedürfe es allein des im Volksinstinkt, den Bakunin in erster Linie den Russen zuschreibt, verborgenen Willens, alle Autorität zu beenden: »Armut und Verzweiflung sind zu wenig, um die Soziale Revolution hervorzurufen. (Es bedarf) außerdem noch eines Volksideals, das sich immer historisch aus der Tiefe des Volksinstinktes herausbildet (…) Wenn sich ein solches Ideal und ein solcher Glaube im Volk findet, dazu noch Armut, die es zur Verzweiflung treibt, dann ist die Soziale Revolution unabwendbar und nahe, und keine Macht der Welt kann sie verhindern.«
Doch wer deutet den Volksinstinkt, der auf den abrupten Bruch mit allen Formen politischer Vermittlung trachte (der Staat war ja Bakunin zufolge vor dem Privateigentum abzuschaffen)? Diejenigen, die sich im Volk bewegen, die es quasi anleiten, sich selbst zu entdecken. Bakunin: »Als unsichtbare Lotsen im Volkssturm müssen wir ihn leiten nicht durch eine sichtbare Macht, sondern durch die kollektive Diktatur (…) eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel, ohne offizielles Recht, die desto mächtiger ist, weil sie keinen Anschein der Macht hat (…) Damit sie aber handeln kann, muß sie vorhanden sein, und dazu muß man sie vorbereiten und im Voraus organisieren, denn sie wird nicht ganz von selbst entstehen, weder durch Diskussionen noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten, noch durch Volksversammlungen.«
Die Ingredienzien des Leninismus – Missachtung aller Hindernisse, Kult des Willens und Diktatur der Kleingruppe entschlossener Berufsrevolutionäre – sind hier schon aufgezählt, ebenso wie die historische Situation benannt wird, in der Lenins Stunde schlagen sollte: »Wenn die Arbeiter des Westens zu lange zögern, wird der russische Bauer ihnen ein Beispiel setzen« (Bakunin).
Bakunin als »Großvater der Bolschewiki«
So nimmt es denn auch weniger wunder, als man ansonsten annehmen sollte, wie großzügig Bewunderer Bakunins bis in die dreißiger Jahre über die Unterdrückung der Anarchisten in der Sowjetunion hinwegsahen, um den Bolschewismus für sich zu reklamieren – als Alliierter gegen den reformgeneigten »Bismarxismus« (Erich Mühsam).
Gerade weil er den Bolschewismus als »nichtmarxistisch« ansah, forderte der Anarchist Erich Mühsam die »Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus«. Besonders deutlich wird der libertär-sozialistische Bakunin-Biograph Fritz Brupbacher 1929, als er Bakunin den »Großvater der Bolschewiki« nannte: »Er schuf die Fundamente eines revolutionären Gebäudes, in dessen obersten Stock die Bolschewiki zu wohnen kamen. Bakunin steckte die Russen mit dem heiligen Feuer der Revolte an (…) Und im Jahr 1917 vollzog sich, wie sich Radek (Karl Radek, Mitglied des ZK der KPdSU bis 1924; Anm. U. K.) mir gegenüber ausdrückte, die russische Revolution in einer Weise, wie der Prophet Bakunin sie geschaut.«
So viel verrät der sich stets aufs Neue wiederholende Personenkult der ML-Sekten nämlich durchaus: Die Abschaffung Gottes führte hier nur zur Selbstvergottung des revolutionären (Über-)Menschen.
Dem Marxismus-Leninismus, der in den Zwanzigern kanonisiert wurde, war dieser prophetische Vorgänger zuwider; wohl nicht zuletzt, weil Bakunin aus dem mythischen Kern seiner Revolutionsneigung nie einen Hehl gemacht hatte, wenn er sich selbst oft als »Gottgesandten« bezeichnete – wobei er Gott in der Gestalt des Satans, Luzifers, meinte.
Diesen religiösen Grundimpuls musste man tilgen, was aber nur um den Preis gelang, dass die dürren Formeln des Marxismus-Leninismus selbst die Funktion einer religiösen Offenbarung annahmen, an die zu glauben war – und zwar unter Anleitung des Hohepriesters, das heißt: der Parteiführung. So viel verrät der sich stets aufs Neue wiederholende Personenkult der ML-Sekten nämlich durchaus: Die Abschaffung Gottes führte hier nur zur Selbstvergottung des revolutionären (Über-)Menschen – man könnte auch sagen: zum Bakunismus im marxistischen Gewand.