Wachstumsbranche Esoterik
Esoterik ist ein Geschäft, spätestens seit Anhänger:innen der Theosophie, eines okkulten Glaubens, der Ende des 19. Jahrhunderts in betuchten Kreisen aufkam, mit Amuletten und Horoskopen handelten. Heutzutage ist der Markt für derlei kaum noch überschaubar.
Verlässliche Umsatzzahlen gibt es nicht. Die Esoterikbranche ist nicht organisiert wie beispielsweise die Autoindustrie, die jährlich Zahlen veröffentlicht, die Abgrenzung des Geschäftsfeldes bleibt schwierig – wie etwa müsste man große Verlage einordnen, die Ratgeber mit esoterischem Inhalt veröffentlichen? Zählt die homöopathische Medizin dazu oder der anthroposophische Mikrokosmos, in dem Biogemüse und Kosmetika gehandelt werden?
»Esoterik vermischt sich mit der Coaching-Szene. Selbstoptimierung spielt eine große Rolle.« Uta Bange, Sekten-Info Nordrhein-Westfalen
»Es sind viele Phänomene, deshalb ist es schwer, an verlässliche Zahlen heranzukommen«, sagt Sarah Pohl, Leiterin der Beratungsstelle Zebra in Freiburg, der Jungle World. Ihre Kollegin Uta Bange, Diplom-Psychologin und Beraterin beim Sekten-Info Nordrhein-Westfalen in Essen, verweist im Gespräch mit der Jungle World auf den Trendforscher Eike Wenzel, der den jährlichen Umsatz der Branche in Deutschland auf deutlich über 20 Milliarden Euro schätzt.
Fest steht, dass sich wie im gesamten Einzelhandel der Online-Verkauf als einer der wichtigsten Vertriebskanäle etabliert hat. Plattformen wie Amazon, Etsy und spezialisierte Online-Shops bieten ein breites Sortiment.
Wie vielfältig das Angebot ist, zeigt ein Blick auf die Homepage der Eso-Team Messe und Kongress GmbH in München, die seit mehr als 30 Jahren einschlägige Messen veranstaltet. Eine Anfrage der Jungle World zu Ausstellern, Besucherzahlen und Umsätzen wurde bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Das Unternehmen kündigt für das kommende Jahr zwölf Messen in Großstädten wie Berlin, Frankfurt, Köln und Wien an. Im November wurden in München unter dem Messemotto »Spiritualität & Heilen« und dem Hinweis »mit Veggie-Imbiss« Beratungen, Therapien, Produkte sowie »100 Vorträge« etwa zu Reiki und Schamanismus beworben.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Auf ihrer Website führt die Firma ein »spirituelles Online-Branchenbuch«. Für 120 Euro im Jahr können sich »Esoterikexperten« dort eintragen lassen. Es finden sich Anbieter von Amuletten, Edelsteinen, Essenzen, Elixieren und Tarotkarten sowie von Dienstleistungen wie Handlesen, Hellsehen oder Kartenlegen. Unter der Rubrik »geistiges Heilen« wirbt jemand für Aura-Chirurgie, Geistheilung, Rückführungen sowie ein energetisches Zahnheilungsseminar. Zu finden sind »Ferntherapien« und Behandlungen mit »Druidentachyonen«.
Ein Karma-Experte stellt die Zusammenarbeit »mit den aufgestiegenen Meistern der Weisheit« in Aussicht. Diese hätten ihre Inkarnationsrunden beendet und warteten auf der ätherischen Ebene des Planeten darauf, Menschen zur gleichen Meisterschaft zu verhelfen, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.
Oft handele es sich um »alten Wein in neuen Schläuchen«, etwa die Annahme, dass Edelsteine vor negativen Einflüssen oder Strahlen schützen, sagt Sarah Pohl. Statt ein Mantra zu murmeln, habe man früher vielleicht einen Rosenkranz gebetet, das erfülle den gleichen magischen Zweck. Allerdings seien die Kirchen als traditionelle Anbieter des Seelenheils in manchen Kreisen diskreditiert und der »exotische Stempel« wirke verkaufsfördernd. Etwa bei Zeremonien mit Ayahuasca, einem psychedelisch wirkenden Pflanzensud aus Südamerika, oder Kakao als spiritueller Heilpflanze der Indigenen aus dem Regenwald, das sei zurzeit »der letzte Schrei« in der Szene.
Zahlreiche Apps und Handyspiele mit Lockangeboten
Ein eher neues Phänomen sei der Zuspruch von Jugendlichen, berichten Pohl und Bange. Der Esoterikmarkt reagiere mit niedrigschwelligen Angeboten, für die das Taschengeld reicht, heißt es dazu in einem Bericht der interministeriellen Arbeitsgruppe des Landes Baden-Württemberg für gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote, der Anfang November erschien. So gebe es zahlreiche Apps und Handyspiele, die »oft gezielt mit Lockangeboten arbeiten«.
Jugendliche werden vor allem digital angesprochen. »Da gibt es die Witchtok-Community, junge Hexen, die vorgeben, mit Magie die Realität beeinflussen zu können, oder die zeigen, wie man kraft der Gedanken Dinge manifestieren kann«, sagt Bange. Die passenden Accessoires fürs Hexenwerk bieten spezialisierte Läden. Sie verkaufen Kerzen, Räucherwerk, Schmuck, Amulette, Pentakel, Tarotkarten, Pendel, Runen, Seherkugeln, Ritualbekleidung, magische Öle und Sprays sowie »Altarzubehör« wie Kelche, Kessel und Götterstatuen.
Unterversorgung im psychosozialen Bereich
Pohl geht davon aus, dass die Branche derzeit wächst, und führt das auf zwei Faktoren zurück: Mehr Menschen als ohnehin fühlen sich in Krisenzeiten ratlos, zugleich gebe es eine Unterversorgung im psychosozialen Bereich. Wer überhaupt einen Therapeuten finde, müsse oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen.
Beide Entwicklungen spielten dem Esoterikgeschäft in die Hände. Spiritualität und Lebensberatung verschränkten sich, sagt Pohl, das erkläre die Vielzahl von Coaching-Angeboten. Bange bestätigt: »Die Esoterikszene vermischt sich mit der Coaching-Szene. Selbstoptimierung, erfolgreich und glücklich zu werden, spielt in beiden Bereichen eine große Rolle.«
Durch die Covid-19-Pandemie habe der »Markt der alternativen Heilsangebote« noch »einen besonderen Aufschwung« erlebt, heißt es in dem Bericht aus Baden-Württemberg. Ebenso zeige sich auf dem »Weltanschauungsmarkt« eine »ansteigende Konjunktur«, dabei zeige sich eine stärkere Affinität des klassisch esoterischen Milieus zu Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern als früher.