Eine neue Religion für die Europäer
Vor 25 Jahren starb Sigrid Hunke, völkische Nahost-Expertin, Frauenrechtlerin, promovierte Rassenpsychologin, alternativreligiöse Sinnstifterin, Bestseller-Autorin und zentrale Figur des bundesdeutschen Rechtsextremismus.
Hunke, die 1913 in Kiel in eine Buchhändlerfamilie geboren wurde, studierte ab 1934 in Kiel, Freiburg und Berlin unter anderem Psychologie und Zeitungswissenschaft. In ihrer Studienzeit trat sie der NSDAP und dem Nationalsozialistischem Deutschen Studentenbund bei und war dort in der Pressearbeit tätig.
Gleichzeitig war sie in der Deutschen Glaubensbewegung aktiv, einer völkisch-religiösen Sammlungsbewegung, die eine »arteigene« Alternative zum Christentum propagierte. Bereits 1935 entwarf Hunke in einem Artikel für die Mannheimer NS-Tageszeitung »Hakenkreuzbanner« das Bild einer ursprünglichen germanischen Religion, die auf den Kontakt mit dem Göttlichen in der Welt ausgerichtet gewesen sei und in der Mann und Frau gleichberechtigt gewesen seien.
Zu Sigrid Hunkes begeisterten Lesern gehört auch der Franzose Alain de Benoist, der die Neue Rechte maßgeblich geprägt hat.
Besonderen Einfluss auf ihr Denken entwickelte ihr späterer Doktorvater Ludwig Ferdinand Clauß. Der Schüler von Edmund Husserl begründete eine auf dessen Phänomenologie aufbauende »Rassenseelenkunde«, mit der er großen Einfluss im Nationalsozialismus hatte. Unter Clauß schrieb Hunke eine rassenpsychologische Doktorarbeit über den Einfluss vor allem arabischer Vorbilder auf das Geschlechterverhältnis der »germanischen« Ritterkultur, die sie 1941 abschloss. Hier zeigte sich, dass sie die Begeisterung ihres Doktorvaters, der in den zwanziger Jahren einige Jahre im Nahen Osten und Nordafrika verbracht hatte und zum Islam konvertiert war, für die arabische Kultur und den Islam teilte.
Schon kurz darauf ergab sich für Hunke die Gelegenheit, diese aus eigener Anschauung kennenzulernen. 1923 war in Tanger im heutigen Marokko eine internationale Zone eingerichtet worden, die unter der geteilten Kontrolle verschiedener Kolonialmächte stehen sollte, de facto aber von Spanien besetzt worden war. Hier gab es ein deutsches Generalkonsulat, von dem, wie umfangreiche Aktenbestände des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts zeigen, vielfältige, aber anscheinend stümperhafte geheimdienstliche Tätigkeiten ausgingen. Auf Bitten des Gesandten Kurt Rieth schickte der Sicherheitsdienst, der Geheimdienst der SS, 1942 seinen Mitarbeiter Peter H. Schulze, Hunkes frisch angetrauten Ehemann, zur Unterstützung nach Marokko, und Hunke begleitete ihn.
Stipendium bei Himmler beantragt
Hunke selbst hatte sich in dieser Zeit um ein Stipendium bei der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe (ein von Heinrich Himmler höchstpersönlich gegründeter Verein zur Erforschung der »arischen« Kultur und Geschichte) bemüht, um die rassenpsychologischen Untersuchungen ihrer Doktorarbeit fortzuführen. Die Niederlage Deutschlands verhinderte wohl die Fertigstellung des auf vier Bände angelegten Werks. Es kann aber angenommen werden, dass Teile in Hunkes erste Nachkriegspublikation »Am Anfang waren Mann und Frau. Vorbilder und Wandlungen der Geschlechterbeziehungen« von 1955 eingeflossen sind.
Diese erweiterte Fassung ihrer Doktorarbeit stellt einen Schlüsseltext für das Verständnis Hunkes in der Bundesrepublik dar. Er bietet dem Leser, um das Wort »Rasse« bereinigt, kulturalistisch-ethnopluralistische Lesarten der alten völkischen Thesen der Doktorarbeit an – eine zeitgemäße Umarbeitung für das Nachkriegsdeutschland.
Gleichzeitig entwickelte sie hier ihre große antisemitische Erzählung, die bis in die neunziger Jahre ihr Werk durchziehen sollte. Sie erklärt die Genese des Alten Testaments und damit des Judentums als Vermischung zwischen der semitischen Bevölkerung des Nahen Ostens mit einem dämonisch gezeichneten Volk, den Hurritern – tatsächlich ein antikes Volk mit eigener Sprache und Kultur, das im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung auf dem Gebiet des heutigen Syrien lebte. Sein Geist habe dann über das Christentum die germanische Geschlechtergerechtigkeit, wissenschaftliches Denken, Toleranz und Naturverbundenheit zwischen Rhein und Nordkap für Jahrhunderte brutal unterdrückt.
»Nordisch« hieß nach dem Krieg »europäisch«
Nach dem Krieg engagierte sich Hunke auch in einer freireligiösen Gruppe, den Deutschen Unitariern, in die etliche ehemalige Mitglieder der Deutschen Glaubensbewegung eintraten. Bis in die achtziger Jahre hinein übte sie auf Teile der Gruppe Einfluss aus, bevor es zum endgültigen Bruch kam. Die völkische Splittergruppe, die sich dann um Hunke scharte, firmiert noch heute als »Bund deutscher Unitarier. Religionsgemeinschaft europäischen Geistes« mit einem Postfach im südhessischen Weinheim.
»Europäisch« war das Wort, mit dem Hunke in der Nachkriegszeit das bezeichnete, was ihr vorher »nordisch« gewesen war. In einer Reihe von Publikationen mit Titeln wie »Europas eigene Religion« (1983) versuchte sie nun, eine neue Religion dieser »Europäer« zu entwerfen – immer im Kampf gegen das Christentum und den »hurritischen« Geist. Damit war sie nicht nur in Deutschland einflussreich – zu ihren begeisterten Lesern gehört auch der Franzose Alain de Benoist, der die Neue Rechte maßgeblich geprägt hat. Folgerichtig war Hunke ab den achtziger Jahren auch in deren deutschem ideologischem Zentrum aktiv, dem Thule-Seminar.
Ob sie selbst an den »hurritischen Einschlag« glaubte, mag fraglich sein. Aber die Erzählung von der jüdischen »Mischrasse« schuf mehr als einen (plumpen) Ausweichdiskurs. Sie ermöglichte es Hunke auch, die Araber als »Semiten« von den Juden zu trennen.
Araber als Vor- und Ebenbild der Germanen
In der Beschäftigung mit arabischer Kultur und Islam erlebte Hunke von den Sechzigern an ihre größten Erfolge. Bis in die frühen Neunziger brachte sie eine Reihe von Schriften heraus, die Islam und Araber glorifizierten, angefangen mit »Allahs Sonne über dem Abendland« (1960), erschienen zunächst bei der Deutschen Verlagsanstalt. Dieses Buch war ein bedeutender Erfolg, erlebte bis 2009 immer wieder neue Auflagen im Fischer-Verlag und wurde in verschiedene Sprachen – unter anderem ins Arabische – übersetzt. Die Bundeszentrale für politische Bildung empfahl es noch 2006 als Schullektüre.
Christentum und »hurritischer Geist« bilden hier den Kontrast zur arabischen Hochkultur, deren Einfluss auch gegen den der Griechen und Römer betont wird. Die Araber erscheinen bei Hunke als Vor- und Ebenbild der Germanen, als erfolgreiche Volksgemeinschaft: ein Volk der Tat, dem es gelungen sei, seine Kultur lange vor Überfremdung zu bewahren, und das einer rassegemäßen Religion angehangen habe, die angeblich in ihrer Frühphase Geschlechtergleichheit gepredigt habe.
Letztlich hätten aber »artfremde« Einflüsse der Iraner, Mongolen, Turkvölker und nicht zuletzt der europäischen Kolonialisten dieser Blüte ein Ende bereitet. Hunke sympathisierte konsequenterweise mit arabischem Nationalismus und am Rande auch mit dem saudi-arabischen Wahhabismus, den sie als eine artgemäße Erneuerungsbewegung verstand. Feindlich gesinnt war sie – als völkische Frauenrechtlerin – dem Kopftuch und der Islamischen Republik Iran.
Treffen mit Nasser
Mit ihrer Glorifizierung einer toleranten, homogenen arabischen Hochkultur stieß sie gerade zur Hochzeit des Panarabismus im Nahen Osten auf ein mehr als nur interessiertes Publikum. Immer wieder reiste sie auf Einladung einzelner Regierungen oder der Arabischen Liga zu ausgedehnten Lese- und Vortragstouren in den Nahen Osten und nach Nordafrika – zumeist mit ihrem Mann, der vom Reichssicherheitshauptamt ins Bundespresseamt gewechselt war.
Hier erhielt sie höchste Ehrungen und traf unter anderem den ägyptischen Präsidenten Gamal Abd al-Nasser. Wie umfangreiche Aktenbestände im Bundesarchiv und Auswärtigen Amt zeigen, wussten auch offizielle Stellen der Bundesrepublik diese Beliebtheit zu nutzen. Deutsche Diplomaten verteilten großzügig Hunkes Buch, das in Hunderten Exemplaren zu diesem Zweck angekauft wurde, an arabische Kollegen und man entsandte Hunke selbst ab 1968 auf eine Art von Goodwill-Tour, um nach dem Sechstagekrieg Werbung für die Bundesrepublik in der arabischen Welt zu machen. In diesem Kontext trat sie auch in Westdeutschland auf, so bei einer Kundgebung der Deutsch-Jordanischen Gesellschaft 1968 in Bonn.
Das Beispiel Hunkes zeigt eindrücklich das Fortwirken nationalsozialistischer Rasseideologie in der »Neuen« Rechten und die Faszination, die solche Erzählungen entfalten können – und das weit über den deutschen Kontext hinaus. Hunkes guter Ruf in der arabischen Welt ist ungebrochen und es erscheinen immer noch neue Auflagen ihrer Werke – und auch Jürgen Todenhöfer empfahl sie 2015 seinen Anhängern zur Lektüre.