Jungle+ Artikel 20.02.2025
Auszug aus dem Buch »Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft«

Augen des Apparats

Mit der Dominanz der sozialen Medien und Streaming-Dienste wird der Kinofilm allmählich zum Produkt einer neuartigen sozialen Kybernetik, die einem radikal veränderten Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft entspricht. Der Blick richtet sich nicht mehr mit Neugier oder Erkenntnisinteresse auf eine äußere Wirklichkeit, sondern auf einen Fundus überlieferter Bilder, die ihre historische und gesellschaftliche Bedeutung verloren haben. Kino, das der Gesellschaft eine Zeitlang die Möglichkeit geboten hatte, durch den Schock technisch vermittelter Erfahrung sich und das Andere zu betrachten, verwandelt sich zum bloßen Spiegel des Selbst, zur Erlebnismaterie einer narzisstischen Gesellschaft. Auszug aus dem ersten Kapitel von »Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft«.

Am Anfang des Kinos stand das Staunen, das technische Bilder in die Gesellschaft brachten, die sich auf einmal den Apparaten anpassen musste, die sie selbst hervorgebracht hatte, brüske Erkenntnis, dass die Welt auf einmal nicht nur aus Gedanken über Wirklichkeit bestand, sondern aus neuartigen Wahrnehmungen von Wirklichkeit. Am Anfang des Kinos stand das Staunen, dass uns fremd wurde, was uns vertraut erschien – durch technische Bilder, die für uns die Augen gegenüber der Welt aufschlugen. Johnny Weissmullers vormals nie gehörter Schrei in »Tarzan, the Ape Man« (1932) war, wie wir heute wissen, Effekt einer hochgradig technischen Verfremdung und zugleich von Hollywoods Publicity zur kulturellen Abstammung des staatenlosen Schauspielers, der die Rolle erstmals übernahm. Der Dschungel im Film bezeichnet einen fremdartigen Raum, der das Kino selbst ist, eine Grenze des Verständnisses, die Faszination des Ungedachten ebenso wie die Exotik einer Ware.

Das neorealistische Kino nach dem Zweiten Weltkrieg legte diese Erfahrung erneut frei, ein emphatisches Verständnis von gesellschaftlicher Teilhabe, das sich gleichermaßen im Film wie im Verständnis von Kino zeigte. Das Kino reklamierte nicht nur die Aufmerksamkeit für soziale Realität, sondern auch die kollektive Gestaltung von Gesellschaft. Das Aufkommen von universalistisch agierenden Instanzen der Gesellschaft, wie etwa Filmfestivals, war Ausdruck dieser Entwicklung und kulturhistorisch vollkommen neu. Filmfestivals sollten die Wirkung des Kinos auf die Gesellschaft noch verstärken und im Sinne eines kulturellen Verständigungsanspruchs gleichsam universal manifestieren, einen »Weg zum Nachbarn«, wie das Kurzfilmfestival in Oberhausen sich als Motto gab.

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