20.02.2025
Höllentrip eines Angstpatienten: Heinz Strunks großartiger Roman »Zauberberg 2«

Sanierungsstau am Zauberberg

Heinz Strunks neuer Roman »Zauberberg 2« ist trotz einschlägiger Anleihen ein eigenständiger satirischer Roman, der mit abgebrühtem Humor seelische und körperliche Ausnahmezustände schildert, ohne dass es jemals peinlich wird.

Der Plot ist nicht wirklich originell, was Heinz Strunk daraus macht, ist es schon. Jonas Heidbrink, 38, ein von Ängsten geplagter Privatier, checkt in einer psychosomatischen Klinik ein und verbringt dort seine Zeit mit Muskelentspannung, Malen und Musiktherapie im Kreis zumeist schrulliger Leidensgenossen. Da ist zum Beispiel der 70jährige Klaus, ein von seinem Nazi-Vater und vielen Schicksalsschlägen zugerichteter Starkraucher mit grausam analfixierten Sprüchen.

Es gibt nicht die in solchen Einrichtungen übliche Frischkost, sondern Nackenbraten, Rinderrouladen, Wurstgulasch, serviert von einem aus der Zeit gefallenen Oberkellner.

Klaus ist nicht unbedingt der typische Patient einer Privatklinik mit einem Tagessatz von 800 Euro, aber eine schräge Figur, die das Panoptikum der Gestörten bereichert. Je länger sich Jonas’ Reha in der mecklenburgischen Provinz hinzieht, desto fragwürdiger erscheint ihm das ganze Unterfangen – und die Klinik sowieso. Mit Psychopharmaka werfen die Ärzte nur so um sich, Diagnosen schießen sie locker aus der Hüfte.

Zu den Merkwürdigkeiten der in einem alten Schloss mit hohem energetischen Sanierungsbedarf untergebrachten Klinik gehört auch die fleisch- und wurstlastige Küche. Es gibt nicht die in solchen Einrichtungen übliche Frischkost, sondern Nackenbraten, Rinderrouladen, Wurstgulasch, serviert von einem aus der Zeit gefallenen Oberkellner – Reminiszenzen an Strunks Debütroman (»Fleisch ist mein Gemüse«) und Thomas Manns »Zauberberg« mit seinen komödiantischen Speisesaalszenen.

Heinz Strunk, 2024. »An den Baulärm, der bis in den hintersten Winkel des Schlossparks dringt, hat er sich gewöhnt« (»Zauberberg 2«)

Heinz Strunk, 2024. »An den Baulärm, der bis in den hintersten Winkel des Schlossparks dringt, hat er sich gewöhnt« (»Zauberberg 2«)

Bild:
Dennis Dirksen

»Zauberberg 2«, wie Strunk sein Buch selbstbewusst nennt, ist trotz einschlägiger Anleihen ein eigenständiger satirischer Roman, der mit abgebrühtem Humor seelische und körperliche Ausnahmezustände schildert, ohne dass es jemals peinlich wird. Geheilt wird niemand, alle haben zu kämpfen, auch die Klinik, die sich im Strukturwandel behaupten muss. Irgendwann steht der Patient hier verloren vor einem Getränkeautomaten und muss sehen, wie er klarkommt. Das liest sich komisch, ergreifend und wirklich niederschmetternd.


Buchcover

Heinz Strunk: Zauberberg 2. Rowohlt, Hamburg 2024, 288 Seiten, 25 Euro