25.02.2025
Der Musiker Christopher Owens musste eine Menge an Schicksalsschlägen hinnehmen

Leidenschaftliche Gegenwärtigkeit

Dem US-amerikanischen Songwriter Christopher Owens ist mit seinem vierten Soloalbum »I Wanna Run Barefoot Through Your Hair« nach längerer Krise ein persönlicher und musikalischer Befreiungsschlag gelungen.

»Wenn Du es wirklich wissen möchtest: Ich schaffe es kaum durch den Tag. / Die Menschen kommen und gehen, aber die Einsamkeit ist immer die Gleiche.« Auf dem neuen Album »I Wanna Run Barefoot Through Your Hair« von Christopher Owens ist es der End- und Höhepunkt zugleich, wenn der inzwischen 45jährige Singer/Songwriter mit diesen Worten zum herzzerreißenden Refrain des epischen Abschlusslieds »Do You Need a Friend« anhebt und diesen immer weiter wiederholt, bis die Chöre einstimmen, minutenlang: »If you really wanna know, I’m barely making it through the day. / People come and people go, but the loneliness is always the same.« Im Hintergrund knirscht die verzerrte Drone-Gitarre, umspielt von Pianoklängen, während das majestätische Schlagzeug den getragenen Rhythmus vorgibt.

Zuvor zitierte Owens in der Strophe bereits den Achtziger-Hit »It Must Have Been Love« von Roxette und umschreibt den Verlust der Liebe, die einer Beziehung, aber ebenso gut einer engen Freundschaft gegolten haben könnte. Beides ist ihm in den vergangenen Jahren widerfahren, nämlich eine harte Trennung und der Tod eines Freundes. Es wirkt, als rede Owens hier auch mit sich selbst, wenn er singt, dass man sich bemühen sollte zu lernen, Liebe wieder zuzulassen. So steigert sich der Song langsam entlang leise gezupfter Gitarren- und sanft gespielter Klavierakkorde. Weitere Instrumente stoßen hinzu, und der Gesang trägt Hoffnung in sich, bis der atmosphärische Bruch einsetzt, eine Steigerung durch Verlangsamung; schließlich folgt der Rückfall in die eigene Verlorenheit und Verzweiflung, mit der eingangs zitierten, wunderschönen wie bedrückenden Klimax.

Es gibt nicht viele Gruppen oder Songwriter wie Christopher Owens, die ausufernde Pop-Epen von mehr als sechs Minuten Länge schreiben und realisieren können.

Es gibt nicht viele Gruppen oder Songwriter, die solch ausufernde Pop-Epen von mehr als sechs Minuten Länge schreiben und realisieren können. Bands wie Pulp mit »This Is Hardcore« oder Spiritualized mit »I Think I’m in Love« kommen in den Sinn. Aufgrund der Songlänge und der vermuteten allzu kurzen Aufmerksamkeitspanne der Hörerschaft werden solche Stücke zudem kaum im Radio gespielt und entsprechend in aller Regel keine großen Hits, mit Ausnahme von »Bohemian Rhapsody« von Queen vielleicht. Owens ist ein Meister genau dieser Art der Liedkomposition. Einige der bezauberndsten Songs seiner früheren Band Girls – zugegeben, ein ziemlich doofer Name für eine Jungsband – waren solche Pop-Rhapsodien, die eben auch die übliche Struktur eines wiederholten Wechsels von Strophe und Refrain transzendieren: »Hellhole Ratrace« vom Debüt »Album« (2009), »Carolina« von der EP »Broken Dreams Club« (2010) sowie »Vomit« von der zweiten und jüngsten LP »Father, Son, Holy Ghost« (2011).

Owens gründete Girls 2007 in San Francisco mit Chet »JR« White, der am Bass und insbesondere als Toningenieur den Sound der Band mitprägte. Sie bewegten sich zwar im Zeitgeist der um 2010 blühenden Indie-Szene Kaliforniens, vom schrammeligen Surfpunk der Wavves oder des Duos Best Coast über den Garage-Rock von Thee Oh Sees (heute nur noch Osees) bis zum elaborierten Lo-Fi-Pop des mittlerweile politisch in Verruf geratenen Ariel Pink. Allerdings waren die Einflüsse der Girls viel zeitloser: Rock ’n’ Roll und Surf-Gitarren, Sixties Psych- und Seventies Softrock, Beach Boys und Gospel. Daneben orientiert sich Owens stark am britischen Indie-Pop mit seinen Jangle-Gitarren und markanten Sängern wie Brett Anderson (von Suede) und Lawrence Hayward (von Felt). Nicht zuletzt diese eklektischen Anleihen aus der Popgeschichte verleihen der Musik einen nostalgischen Charakter, bei aller leidenschaftlichen Gegenwärtigkeit, die gleichzeitig zum Ausdruck kommt – eine Eigenart vieler der genannten Gruppen.

Nahtloser Wechsel zwischen Euphorie und Melancholie

Owens betrachtete seine Band nicht als Duo, doch die weiteren Girls-Mitstreiter an Schlagzeug, Orgel und zweiter Gitarre wechselten ständig, was für ihn am Ende ein entscheidender Grund wurde, die Formation nach nur zwei Alben 2012 aufzulösen und stattdessen eine Solokarriere anzustreben. Der nahtlose Wechsel zwischen Euphorie und Melancholie, high und low, gerne drogeninduziert, war von Beginn an ein Markenzeichen der Band und ebenso von Owens’ Songwriting.

Im Video zur frühen Girls-Single »Hellhole Ratrace« sieht man denn auch in Zeitlupe White und Owens mit ihrem Freundeskreis bei der überschwänglichen, wilden Abendgestaltung: beim Trinken, Kuscheln und Tanzen, beim Lachen, Rauchen und Knutschen, mit glasigen Augen und erweiterten Pupillen, beim Late-Night-Shoppen mit Ladendiebstahl, Late-Night-Snacken im Diner, und schließlich dabei, wie sie bis zum Sonnenaufgang auf einem Hügel über San Francisco und die Bay Area blicken, die nächtlichen Lichter der Stadt genießen und vor allem sich selbst genug sind. Diese Intensität findet im fast siebenminütigen Song ihre musikalische Entsprechung; Owens singt zunächst nachdenklich, dann entschlossen darüber, dass er nicht sterben möchte, ohne vorher sein Leben zumindest nach Kräften ausgekostet zu haben.

Dieser existentielle Hedonismus kann aber seine Schattenseiten entwickeln, je nachdem welche Substanzen dabei wie oft zum Einsatz kommen und mit welchem selbstzerstörerischen Verhalten dies unter Umständen einhergeht. Tatsächlich war der Drogenkonsum der beiden Musiker so ausgeprägt, dass Owens erst 2014 einen Schlussstrich ziehen konnte, während der Lebensstil bei White letztlich auch eine Reunion der alten Band verhinderte, da er körperlich schlichtweg nicht in der Verfassung war, zu proben und konzentriert zu arbeiten. Schlimmer noch, Owens verlor seinen Freund und Mitstreiter JR White, als dieser 2020 mit nur 40 Jahren an einem Herzstillstand starb. Dieses Unglück war allerdings nur der Tiefpunkt einer ganzen Reihe von persönlichen Schlägen, die Owens in den vorherigen Jahren erfahren hatte.

Klischee eines Abstiegs vor dem Hintergrund der miserablen US-Sozialsysteme

Er berichtete darüber vergangenen Sommer in einem ausführlichen Interview mit dem britischen Guardian. Nachdem seine Solokarriere nicht so glücklich verlaufen war – seine drei soliden, countryesken Alben zwischen 2013 und 2015 stießen auf abnehmendes Publikumsinteresse –, standen die Dinge ansonsten nicht so schlecht: Owens jobbte, hatte seine Süchte überwunden, schrieb weiter Songs und war verlobt. Was dann folgte, klingt wie das Klischee eines Abstiegs vor dem Hintergrund der miserablen Sozialsysteme in den USA: 2017 hatte er einen Motorradunfall – unverschuldet, selbst wenn das nicht relevant sein sollte. Er unterschätzte seine Verletzungen und hatte außerdem Angst vor den horrenden Kosten, so dass er sich nicht richtig behandeln ließ – welcher US-Musiker besitzt schon eine vernünftige und verlässliche Krankenversicherung?

Deshalb konnte Owens kaum laufen, nicht arbeiten und verlor seinen Job. Außerdem trennte sich seine langjährige Partnerin von ihm, und angesichts der extremen Gentrifizierung plus Wohnungsmangel fand er in und um San Francisco keine neue Bleibe. Viele Freund:innen waren bereits weggezogen, andere Freundschaften erwiesen sich als nicht beständig, zumal in einer solchen Notlage. Zunächst lebte er in seinem Auto mit Wohnanhänger, bis dieser ihm gestohlen wurde – mit seiner Katze und seiner Lieblingsgitarre darin. Und als die Covid-19-Pandemie begann, wohnte Owens immer noch in seinem Auto, wenn er nicht gerade bei Bekannten unterkam. Langsam kam er zwar wieder auf die Beine, doch auch die naheliegende Idee einer Girls-Reunion mit JR White scheiterte, bevor dieser wenig später starb.

Zunächst lebte er in seinem Auto mit Wohnanhänger, bis dieser ihm gestohlen wurde – mit seiner Katze und seiner Lieblingsgitarre darin. Und als die Covid-19-Pandemie begann, wohnte Owens immer noch in seinem Auto.

Auf familiären Rückhalt konnte Owens, der mit seinen Eltern als Mitglied der Sekte Children of God aufgewachsen war, nicht hoffen. Im Podcast »A Deeper Listen« des Radiosenders KEXP erläuterte er kürzlich, wie er es mit 16 Jahren geschafft hatte, den christlich inspirierten hippie cult zu verlassen, aber fortan eben auf sich allein gestellt war und Anschluss in der lokalen Punkszene in Amarillo, Texas, fand, wohin er seiner älteren Schwester gefolgt war, die indessen schnell weiterzog. Und wie er die Erlebnisse als Heranwachsender in der berüchtigten Sekte fortan lieber zu verdrängen versuchte, die ihn gleichwohl bis heute verfolgen.

Gute Kunst sollte immer auch für sich alleine stehen können und aus sich selbst heraus wirken, Bedeutung und Ausdruck entfalten, Resonanz und Einfühlung erzeugen, ohne allzu viel Wissen über ihre Entstehung und die Biographie oder vermeintliche Intention des Künstlers oder der Künstlerin vorauszusetzen. Den zehn Songs auf »I Wanna Run Barefoot Through Your Hair« gelingt dies in jedem Fall, allerdings schadet es nichts, sich die Umstände vor Augen zu führen, die Christopher Owens dazu geführt haben, seine leicht lädierten, aber letztlich lebensbejahenden Lieder zu singen.

Christopher Owens: I Wanna Run Barefoot Through Your Hair (True Panther)