Labern als Tugend
Das Fabulieren steht unter Verdacht. Eine Welt voller Fake News und Bullshitting, voller Verschwörungsgläubiger und Esoteriker:innen verlangt, so scheint’s, nicht nach unzuverlässigem Erzählen. Stattdessen bedient der Trend der Autofiktion das Bedürfnis nach Authentizität. Dieser Primat des autobiographisch Verbürgten in der Literatur ist ebenso wie der mittlerweile allgegenwärtige Faktencheck Ausdruck des Wunschs nach festem Boden unter den Füßen.
Dieser feste Boden ist Sven Pfizenmaiers Sache nicht. Schon der erste Satz seines Romans »Schwätzer« beschreibt den nächtlichen Himmel über Berlin-Neukölln, und auch sonst schweift der Blick zumeist weg von der Erde: »Ich habe ständig das Bedürfnis, nach dem Mond zu sehen«, offenbart Meikel, die Hauptfigur des Romans, an einer Stelle seinem Date.
Überhaupt spielt der Roman vor allem nachts. Das liegt an der lähmenden, von keinem Regen gemilderten Hitze des Berliner Sommers. Es liegt aber auch daran, dass die nächtliche Dunkelheit Bühne des Rauschs und Hort der Ängste und Träume ist. In ihr verliert die Realität ihre klaren Konturen und wird durchlässig für die Phantasie. Bei Pfizenmaier bricht das Phantastische im Stil von surrealistischen Glitches immer wieder ins Alltägliche ein: Ein Mistkäfer sitzt am Tresen einer Bar und bestellt einen Longdrink; ein Waschbär bittet eine Mülltonne, ihm noch einen Kaffee zu machen.
Zentraler Ort der Handlung ist Neukölln, wo man »Hakenkreuze an Schawarmaläden geschmiert und Scheiben von Baklavabäckereien eingeworfen hat, wo man Israel-Flaggen in Brand gesetzt und schwule Pärchen angespuckt hat«.
Dass dieses Berlin aber auch ein ganz reales, gegenwärtiges ist, wird schnell klar. Es ist ein Berlin der Gentrifizierung und des Clubsterbens, der Wohnungsnot und des Drogenkonsums. Zentraler Ort der Handlung ist Neukölln mit seiner Sonnenallee, wo man »Hakenkreuze an Schawarmaläden geschmiert und Scheiben von Baklavabäckereien eingeworfen hat, wo man Israel-Flaggen in Brand gesetzt und schwule Pärchen angespuckt hat«. Auch die Songzitate, die den Text rahmen und durchziehen, sind äußerst frisch – von International Music über Fuffifufzich und Haiyti bis zu Dagobert.
In diesem Berlin der Gegenwart lässt Pfizenmaier – ähnlich wie in seinem grandiosen Debüt »Draußen feiern die Leute« von 2022 – eine kleine Schar von so liebenswerten wie beschädigten Figuren auftreten: Da ist der bereits erwähnte Meikel, der heroinsüchtig war und nun viel Kraft aufwenden muss, um nicht rückfällig zu werden. Gesellschaft erhält er von seinem ehemaligen Konsumpartner Eddi, der eines Abends unvermittelt und mit einer bizarren Geschichte im Gepäck bei ihm aufschlägt. Außerdem ist da Farina, die um ihren Club trauert, der schließen musste, und um ihre Freundin Alva, die sich kurz darauf das Leben genommen hat. Und schließlich begegnet einem noch Heinrich, ein Kindheitsfreund von Meikel und mäßig erfolgreicher Start-up-Bro, der nun in den ehemaligen Räumen des Clubs ein Fitnessstudio eröffnen will.
Man spürt den Einfluss von Videospielästhetik und -dramaturgie
Eddis Geschichte setzt die Handlung in Gang und die vier Figuren miteinander in Beziehung. Denn Eddi will mit Meikel in Brandenburg einen abgestürzten Meteoriten suchen, den er, so seine aberwitzige Erklärung, einem Usedomer Zahnarzt abliefern soll, damit sein Vermieter, das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, ihn nicht aus seiner Wohnung schmeißt. Auch Heinrich bittet um Meikels Hilfe, nämlich um zu klären, ob es in den ehemaligen Räumen des Clubs spukt. Denn nicht nur Alva, auch Heinrichs Praktikant Pablo hat sich nach einer Besichtigung des Orts umgebracht. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass Eddis drohende Kündigung und die Schließung von Farinas Club miteinander zusammenhängen.
Die beiden quests – man spürt den Einfluss von Videospielästhetik und -dramaturgie – bieten Anlass für skurrile, bisweilen an Genrefilmparodien erinnernde Szenen und für so lustige wie pointierte Dialoge. Von großer Komik sind auch die schrägen Nebenfiguren: etwa Farinas Freund Leif, dem, weil er aus einer Familie von Pechvögeln stammt, laufend groteske Unglücke passieren; zwei strahlend blonde Zahnärzte, die Eddi mit einem Rosenbohrer über die Sonnenallee jagen; Farinas Mitbewohnerinnen Lea und Svea, die beim Bundesministerium für Irreales in der Abteilung »Fiktionalliquidierung« arbeiten; oder der »Meteoritenfreund« Aziz, der ohne eigenes Zutun in Sekundenschnelle sein Outfit wechselt, wenn sein Gegenüber ihn einmal nicht beachtet.
Schon an diesen Figuren erweist sich der Titel des Romans als Programm. Und es ist sicher kein Zufall, dass unklar bleibt, ob er im Singular oder im Plural steht. Als »Schwätzer« wird zunächst Eddi vorgestellt: »Menschen, die es gut mit ihm meinen, attestieren ihm eine blühende Fantasie, die anderen halten ihn einfach für einen notorischen Lügner und liegen damit vollkommen richtig.« Doch auch der schweigsame Meikel war einmal als Schwätzer bekannt, erfährt man.
Die Unmöglichkeit von Verständigung
Und ist nicht der Erzähler der größte Schwätzer? Denn was als auktoriale Erzählinstanz anhebt, die souverän über die Figuren und ihre Gedanken verfügt, entpuppt sich schon bald als ein fabulierendes Ich, das selbst Zweifel an seiner Zuverlässigkeit durch unvermittelte Einschübe sät (»so stelle ich es mir vor«). Nach etwa zwei Dritteln des Romans eignet sich der Ich-Erzähler, der sich als Mitglied des kauzigen Vereins »Meteoritenfreunde e. V.« erweist, die Geschichte gar gänzlich an, wird vom beiläufig eingestreuten Personalpronomen zur Hauptfigur und damit zum fünften, aber entscheidenden Rad am Wagen der Figurenkonstellation.
Wenn dieser Erzähler, dessen sprechender Name erst gegen Ende des Romans fällt, über die Unmöglichkeit von Verständigung reflektiert und bekennt, sich »anhand der Informationen, die andere Menschen von sich preisgeben, Geschichten auszudenken«, dann offenbart er zudem den ästhetischen Kern des Buchs. Die Handlung, die auch mal abschweifen oder ins Leere laufen kann, tritt zurück hinter den Akt des Erzählens und die Beziehungen, die er herstellt. Nicht zuletzt erweist sich das Schwätzen als lebensnotwendige Strategie zur Bewältigung von familiär weitergegebener Angst: »Wenn die Angst nicht mehr unter Kontrolle zu kriegen war, sie jede Empfindung schluckte, dann brauchte ich einen Menschen bei mir, um zu schwatzen, doch ich kannte hier niemanden, und wenn mir irgendjemand vorher gesagt hätte, wie einsam diese Stadt ist, dann wäre ich wahrscheinlich nicht gekommen.«
Was da spukt, sind keine Geister, sondern verschüttete Utopien, es ist die schreckliche Leere, die die spätkapitalistische Gesellschaft im selben Ausmaß produziert wie Konsumartikel.
Der Roman erhebt so das Fabulieren, das Spinnen, das Labern zur Tugend. Um als »Feier der Fantasie« gelten zu können, als die Pfizenmaiers Debüt gelobt wurde, ist der Text aber zu sehr von Traurigkeit durchzogen. Die Figuren sind Einsame und Suchende, die seit Jahren nicht mehr »aktiv eine Freundschaft geknüpft« haben, die ständig in Sorge sind, etwas falsch gemacht zu haben, und die aus Unsicherheit oder Scham entweder gar nicht oder zu viel reden. Was sie eint, ist der Wunsch nach glückenden Beziehungen und das Gefühl, dass etwas fehlt.
Es ist kein Zufall, dass einem bei der Lektüre Mark Fishers Buch »The Weird and the Eerie« (»Das Seltsame und das Gespenstische«) in den Sinn kommt. Wenn Farina auf einem unbelebten Platz die »Abwesenheit von etwas, das hätte da sein sollen«, spürt, wird Fishers Bestimmung des Gespenstischen fast wörtlich zitiert. Ein gespenstischer Ort in diesem Sinne ist vor allem die Clubruine, die von den uneingelösten Versprechen heimgesucht wird, die sie einmal barg. Was da spukt, sind keine Geister, sondern verschüttete Utopien, es ist die schreckliche Leere, die die spätkapitalistische Gesellschaft im selben Ausmaß produziert wie Konsumartikel.
Darauf, dass wenigstens der Himmel nicht leer sei, richtet sich die Hoffnung der Meteoritensucher. Anders als Sterne und andere Himmelskörper, die mit ihren gesetzmäßigen Bahnen als Projektionsfläche für Wünsche nach Ordnung und Sinnhaftigkeit dienen, sind Meteoriten vergänglich und unkalkulierbar. Vielleicht aber ist genau das der Grund, weshalb ein Meteorit einen, wie es an einer Stelle heißt, »an die Möglichkeit eines besseren, wenigstens anderen Lebens« erinnert. Nur selten und mit viel Glück ist ein Meteorit auf der Erde zu finden; noch seltener trägt er die Gestalt eines Romans. »Schwätzer« ist so ein Meteorit.
Sven Pfizenmaier: Schwätzer. Kein & Aber, Zürich 2024, 288 Seiten, 22 Euro
