Immerhin ein kleiner Aufschrei
Das Blut des niedergestochenen spanischen Touristen hat die Feuerwehr längst aufgewischt, weder Blumen noch Kerzen sind zu sehen. Gut eine Woche nach dem mutmaßlich antisemitisch und islamistisch motivierten Messerangriff am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin erinnert nichts mehr an die Tat. Ein Aufschrei blieb aus, selbst aus den Medien ist der Fall beunruhigend schnell wieder verschwunden.
»Es ist total erschreckend, dass ein antisemitischer Mordversuch nicht viel mehr thematisiert wird«, zeigte sich ein Sprecher der Antifa Berlin irritiert. Am Sonntag organisierte die Gruppe deshalb eine Kundgebung unter dem Titel »Islamismus tötet. Überall« in der Nähe des Tatorts. Der war nach Einschätzung der Polizei mit Bedacht gewählt.
Der Verdächtige sagte der Polizei, in ihm sei seit einigen Wochen der Plan gereift, »Juden zu töten«; das Opfer, einen 30jährigen spanischen Touristen, hielt er für einen.
Demnach sagte der Verdächtige der Polizei noch in der Tatnacht, in ihm sei seit einigen Wochen der Plan gereift, »Juden zu töten«; das Opfer, den 30jährigen spanischen Touristen, hielt er für einen. Jüngsten Ermittlungen zufolge hatte er seine Tat außerdem zumindest indirekt angekündigt. In einem Chat schrieb er demnach an einen Freund, dass er »etwas vorhat und nach Berlin fährt«. Bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen anerkannten 19jährigen Flüchtling aus Syrien, der in Leipzig lebt. Den Ermittlungen zufolge teilt er die Ideologie des »Islamischen Staats« (IS).
Etwa 150 Personen folgten dem Aufruf der Antifa Berlin. »Immerhin etwas«, »besser als gar nichts«, »wenigstens ein Zeichen« – das war der Tenor der Besucher der Veranstaltung. Nach 16 Monaten im Kampf gegen den globalen antisemitischen Wahn seien viele vielleicht einfach müde, spekulierte man an diesem Sonntag.
»Bewaffneter Arm der Genozidschwurbler«
Gar nicht müde, sondern kämpferisch traten die Redner der Veranstaltung auf. Sie nutzten die Kundgebung vor allem, um mit jenen Linken abzurechnen, die ihrer Ansicht nach beim Thema Antisemitismus und Islamismus versagen. Einige davon könnten die »Emanzipation der Menschheit inzwischen nur noch als Endlösung der Judenfrage« denken, klagte ein Vertreter der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) an. Der Messerangriff sei vom »bewaffneten Arm der Genozidschwurbler«, also jenen, die Israel einen Völkermord unterstellen, ausgeführt worden, die Tat stelle das Ergebnis des weltweit hallenden Rufs nach einer »globalisierten Intifada« dar. Immer wieder sind auf israelfeindlichen Demonstrationen hierzulande positive Bezüge zur Intifada zu hören.
Der Redner stellte die Tat in eine Linie mit der sogenannten Messer-Intifada in Israel, bei der es zwischen 2015 und 2016 vermehrt zu Messerattacken gegen Israelis kam, mit islamistischen Terrorakten, aber auch mit antisemitischen Taten von Linken. Er erinnerte an die Tupamaros West-Berlin, die 1969 versuchten, mit einer Bombe das jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße im Berliner Westen in die Luft zu jagen, was misslang, da der Zünder defekt war. Mehr »Erfolg« hingegen hätten »terroraffine Genossen« 1970 in München gehabt, die bei einem Brandanschlag sieben Bewohner eines jüdischen Altenheims töteten.
Menschen suchen in Deutschland Schutz vor islamistischer Verfolgung
Auch ein ganz aktuelles Beispiel für Antisemitismus nannte er. Im Weißen Haus habe der US-amerikanische Präsident Donald Trump bei der Maßregelung des jüdischen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, das »antisemitische Stereotyp der Kriegstreiberei der Juden« bedient und ihm die Schuld daran gegeben, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine noch immer anhalte.
»Wer über Islamismus nicht reden will, soll von Antisemitismus und den deutschen Rechten gar nicht reden – weil es zu peinlich ist«, schloss der Vertreter der VVN-BdA seine Rede. Ähnlich betonten andere Redner, dass der Einspruch gegen den Islamismus nicht den Rechten überlassen werden dürfe, denen als Antwort außer Abschiebungen nichts einfalle. Man dürfe nicht vergessen, dass Menschen in Deutschland Schutz vor islamistischer Verfolgung suchten.
»Wenn die Linke bei der Rückkehr des Antisemitismus nichts mehr spürt, ist sie tot«, sagte Klaus Lederer in seinem Redebeitrag. Der ehemalige Berliner Kultursenator ist im Oktober mit anderen Parteimitgliedern aus Kritik am Umgang mit Antisemitismus aus der Linkspartei ausgetreten. »Wir müssen laut sein, auch wenn wir wenige sind.«