»Der Sexismus in Japan ist das Problem«
Im Oktober haben Sie auf der Plattform Fair Planet einen Artikel zu Sexismus in Manga und Anime veröffentlicht. Was hat Ihr Interesse an dem Thema geweckt?
Ich würde mit der Tatsache beginnen, dass es mit der Gleichstellung der Geschlechter in Japan – der viertgrößten Nationalökonomie der Welt – nicht weit her ist. Das finde ich schockierend. Und Manga, der absolute Kulturexportschlager aus Japan, sind ein Spiegelbild dessen. Mein Interesse an dem Thema hat aber sicherlich auch mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun und damit, wie ich aufgewachsen bin.
Sie sind in Hongkong aufgewachsen. Wie populär sind Manga und Anime dort und wie hat Sie das als heranwachsendes Mädchen beeinflusst?
Ein sehr bekannter Anime aus meiner Jugend, der, glaube ich, heute noch ausgestrahlt wird, ist »Doraemon«. Der Protagonist im Grundschulalter versucht ständig, dem Mädchen, in das er verliebt ist, beim Duschen zuzuschauen, und es gelingt ihm auch immer mal wieder. Als ich ein Kind war, fand ich das harmlos, weil ich noch nicht wusste, dass das ein problematisches Verhalten ist, das eigentlich sogar an eine Straftat grenzt. In der Serie wird das als eine Art romantischen Interesses dargestellt. Auch aus anderen Anime-Serien kennt man solches Verhalten. So bekommen die jungen Zuschauer den Eindruck, dass es in Ordnung sei, Mädchen nachzustellen und sie zu belästigen. Ich denke, das ist ein großes Problem.
»Die jungen Zuschauer mancher Anime-Serien bekommen den Eindruck, dass es in Ordnung sei, Mädchen nachzustellen und sie zu belästigen.«
In Ihrem Artikel problematisieren Sie in mancher Hinsicht die Darstellungen der minderjährigen Protagonistinnen in Manga sowie die Reproduktion sexistischer Idealbilder. Können Sie das erläutern?
Manga haben meist sehr junge Protagonisten. Und in einigen Manga werden diese Minderjährigen auf eine Art und Weise dargestellt, die wirklich unrealistisch ist, sowohl was die Persönlichkeit als auch die Körperlichkeit angeht. Die Zeichnungen sehen aus, als ob sie Kinder zeigten, die aber zum Teil riesige Brüste haben. Das entspricht auch den Idealen der Unterhaltungsindustrie in Japan, in der ein extremes Jugendlichkeitsideal gilt.
Der MDR hatte anlässlich der Leipziger Buchmesse 2023 einen kritischen Artikel zu sexuellen oder pornographischen Inhalten in Manga publiziert. Daraufhin hagelte es harsche Kritik. Man warf den Journalisten Einseitigkeit und mangelnde kulturelle Sensibilität vor. Haben Sie Reaktionen auf Ihren Artikel bekommen?
Mein Artikel ist einer der meistgelesenen auf der Website von Fair Planet, das hätte ich bei der Recherche nicht erwartet. Was ich außerdem nicht erwartet habe: Obwohl Manga und Anime weltweit beliebt und einflussreich sind, gibt es zum Thema Sexismus und Manga sehr wenige Arbeiten.
Kritiker des MDR-Beitrags waren der Meinung, dass der Artikel die Problematik der pornographischen Inhalte unzulässig auf Manga und Anime im Allgemeinen beziehe, obwohl das ausschließlich ein Problem der als Randphänomene dargestellten Genres Etchi oder Hentai sei, in denen explizit sexuelle Handlungen dargestellt werden. Was ist Ihre Meinung?
Es gibt sehr sexistische Genres, wo auch der ganze Plot davon überlagert wird. Aber ich denke, in vielen Geschichten ist der Sexismus eher versteckt. Das ist aber nicht unbedingt harmloser. Diese Cartoons kommen als nette Erzählungen daher, aber propagieren enorm sexistische Rollenstereotype, die dann durch ihre Beigabe in Unterhaltungsformaten verinnerlicht werden. Eine Studie von 2017 konnte einen Zusammenhang zwischen sexistischen Einstellungen und Anime-Konsum aufzeigen.
Gegen die Kritik an sexistischen Manga wird von Fans auch oft das Shōjo-Genre angeführt, dass sich spezifisch an ein junges weibliches Publikum richtet. Für wie progressiv halten Sie dieses Genre?
Im Shōjo-Genre geht es um High-School-Romanzen. Der Weg der weiblichen Protagonisten besteht auch hier meistens darin, sich die Liebe des idealen Manns zu sichern. Eifersucht und missbräuchliches Verhalten von Männern oder Teenagern werden oft mit romantischen Gefühlen gerechtfertigt und haben in solchen Plots wenig bis keine Konsequenzen. Wissenschaftler argumentierten, dass selbst in Comicreihen mit starken weiblichen Protagonisten wie »Sailor Moon« traditionelle japanische Geschlechterrollen eingeschrieben sind.
»Eine Studie von 2017 konnte einen Zusammenhang zwischen sexistischen Einstellungen und Anime-Konsum aufzeigen.«
Kritiker von Sexismus in Manga müssen sich des Vorwurfs erwehren, einen ignoranten, »westlichen« Blick auf die ostasiatische Kultur zu haben. Sehen Sie diese Gefahr?
Ich denke, dass in den Gesellschaften Ostasiens eine Menge sexistischer Bräuche und Mentalitäten noch sehr verwurzelt sind und dass diese sich in vermeintlich harmlosen Cartoons stark ausdrücken. Das Ganze hat aber noch eine andere Dimension: In meiner Recherche stieß ich auf Artikel, die entweder von asiatischen Studentinnen oder asiatischen US-Amerikanerinnen oder Asiatinnen, die in westlichen Gesellschaften aufgewachsen sind, geschrieben wurden. Im Allgemeinen habe ich diesen Artikeln entnommen, dass sie der Meinung sind, dass die extreme Sexualisierung von asiatischen Frauen in Manga, Anime und Spielen, die auf Anime basieren, sich auf das wirkliche Leben auswirke. So verbreiten sich rassistische Vorstellungen, asiatische Frauen seien unterwürfig, schüchtern oder besonders offen für beziehungsweise gefügig bei sexueller Kontaktanbahnung.
Sie äußerten in Ihrem Artikel die Hoffnung, dass sich am Sexismus in Manga etwas ändert. Wo sehen Sie Veränderungspotential?
Zunächst einmal glaube ich nicht, dass das Genre selbst das Problem ist, sondern vielmehr der Sexismus der japanischen Gesellschaft. Und die Experten, mit denen ich gesprochen habe, sehen Anlass, auf Veränderung zu hoffen, weil immer mehr Frauen als Autorinnen im Manga und Anime mitmischen. In meinem Artikel weise ich außerdem auf eine sehr beliebte Publikation aus dem Jahr 2022 hin. Der Manga »Girls Places« thematisiert die Lebensbedingungen von Frauen in Japan, Saudi-Arabien, Marokko, Indien und Afghanistan aus der Perspektive einer Zehnjährigen.
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