Johannes Agnoli oder Subversion als Wissenschaft
Politikwissenschaft im Westen – das Otto-Suhr-Institut
Vom Ruf einer »roten Kaderschmiede«, den das Otto-Suhr-Institut (OSI) ab den späten sechziger Jahren haben sollte, war noch nicht viel zu spüren, als Johannes Agnoli 1962 Assistent bei Ossip K. Flechtheim wurde. Das Institut war erst drei Jahre zuvor im Zuge der Integration der Deutschen Hochschule für Politik in die Freie Universität Berlin (FU) gegründet worden. Wie sich zeigen sollte, waren die Voraussetzungen, sich zu einem Ort emanzipativer Theoriebildung zu entwickeln, am OSI vergleichsweise gut. Die Deutsche Hochschule für Politik, 1920 auf Initiative von Friedrich Naumann als private Hochschule entstanden und unter den Nazis 1940 in die neu gegründete Auslandswissenschaftliche Fakultät integriert, war 1948 unter dem späteren SPD-Bürgermeister Otto Suhr wiedergegründet worden. Anfangs lehrten dort mehrheitlich Sozialdemokrat:innen, aber auch andere Gegner:innen des Nationalsozialismus, die während der NS-Zeit Deutschland nicht verlassen hatten. Später kamen die jüdischen Remigranten Ossip K. Flechtheim, Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal hinzu.
Die FU war zwar als Gegengründung zur im sowjetischen Einflussbereich liegenden Berliner Universität (seit 1949 Humboldt-Universität) von einem antikommunistischen Grundkonsens geprägt, hatte aber als Neugründung und Reformuniversität nicht allzu viele NS-Professor:innen in ihren Reihen. Zudem verfügte die FU über demokratischere Strukturen mit mehr studentischer Mitbestimmung, als es an den ohne institutionellen Bruch wieder eröffneten Ordinarienuniversitäten in anderen westdeutschen Städten der Fall war – eine Besonderheit, die als »Berliner Modell« bekannt wurde. Zu einer antikapitalistischen Suchbewegung, wie sie von dem Politologen und maßgeblichen Organisator der Gründung der FU, Franz L. Neumann, akademisch und politisch erhofft wurde, kam es jedoch auf breiter Front nicht.
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