Jungle+ Artikel 27.03.2025
Eine biographische Miniatur zum 100. Geburtstag des deutsch-italienischen Politikwissenschaftlers

Johannes Agnoli oder Subversion als Wissenschaft

Am 22. Februar 1925, vor 100 Jahren, wurde Johannes Agnoli geboren. Sein 1967 erschienenes Buch »Die Transformation der Demokratie« gilt als eine der bedeutendsten parlamentarismuskritischen Schriften der Nachkriegszeit. »Keine Freiheit für den, der von ihr Gebrauch macht«, fasste der Publizist Sebastian Haffner 1967 Agnolis Analyse der Herrschaftstechniken gegenüber »Subversiven« in einer Rezension zusammen. Die Verfassung der Bundesrepublik interpretierte Agnoli als Klassenkompromiss, der hauptsächlich dazu gedacht war, die Massen von der Macht fernzuhalten. In seiner biographischen Miniatur »Johannes Agnoli oder Subversion als Wissenschaft«, erschienen im Berliner Dietz-Verlag, gibt Michael Hewener Einblick in Agnolis Leben und Denken. Ein Auszug.

Politikwissenschaft im Westen – das Otto-Suhr-Institut

Vom Ruf einer »roten Kaderschmiede«, den das Otto-Suhr-Institut (OSI) ab den späten sechziger Jahren haben sollte, war noch nicht viel zu spüren, als Johannes Agnoli 1962 Assistent bei Ossip K. Flechtheim wurde. Das Institut war erst drei Jahre zuvor im Zuge der Integration der Deutschen Hochschule für Politik in die Freie Universität Berlin (FU) gegründet worden. Wie sich zeigen sollte, waren die Voraussetzungen, sich zu einem Ort emanzipativer Theoriebildung zu entwickeln, am OSI vergleichsweise gut. Die Deutsche Hochschule für Politik, 1920 auf Initiative von Friedrich Naumann als private Hochschule entstanden und unter den Nazis 1940 in die neu gegründete Auslandswissenschaftliche Fakultät integriert, war 1948 unter dem späteren SPD-Bürgermeister Otto Suhr wiedergegründet worden. Anfangs lehrten dort mehrheitlich Sozialdemokrat:innen, aber auch andere Gegner:innen des Nationalsozialismus, die während der NS-Zeit Deutschland nicht verlassen hatten. Später kamen die jüdischen Remigranten Ossip K. Flechtheim, Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal hinzu.

Die FU war zwar als Gegengründung zur im sowjetischen Einflussbereich liegenden Berliner Universität (seit 1949 Humboldt-Universität) von einem antikommunistischen Grundkonsens geprägt, hatte aber als Neugründung und Reformuniversität nicht allzu viele NS-Professor:in­nen in ihren Reihen. Zudem verfügte die FU über demokratischere Strukturen mit mehr studentischer Mitbestimmung, als es an den ohne institutionellen Bruch wieder eröffneten Ordinarienuniversitäten in anderen westdeutschen Städten der Fall war – eine Besonderheit, die als »Berliner Modell« bekannt wurde. Zu einer antikapitalistischen Suchbewegung, wie sie von dem Politologen und maßgeblichen Organisator der Gründung der FU, Franz L. Neumann, akademisch und politisch erhofft wurde, kam es jedoch auf breiter Front nicht.

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