Kürzel-Culture
Der Fimmel für Akronyme erschien Victor Klemperer derart charakteristisch für die Sprache der Nazis, dass er sie sarkastisch als »LTI« bezeichnete (was für lingua tertii imperii steht, Sprache des Dritten Reiches). Die Spatzenhirne twittern es von den Dächern, dass die Faschisten einfach ihrer Zeit voraus waren – wie diese sich selbst ja auch als topmoderne Avantgarde verstanden.
Ein Anwendungsbereich für Akronyme wurde in den USA erschlossen, wo man den Namen des Präsidenten zu FDR verkürzelte.
Zwar kennt man HJ, BDM, KdF, Gestapo und SD nur noch aus dem Geschichtsbuch, doch Kürzel jeder Art sind derart verbreitet, dass wir Heutigen kaum noch nachvollziehen können, was Klemperer an ihrem Gebrauch im NS so auffällig fand. NS steht hier übrigens für Nationalsozialismus und nicht etwa für Natursekt; auch nicht, analog zu NRW und MV, für Niedersachsen. Dasselbe Akronym kann eben für ganz Verschiedenes stehen. Je eifriger Kürzel gebraucht werden, desto deutlicher fungieren sie als Insider-Sprache, die die Uneingeweihten ausschließt.
Ein Anwendungsbereich für Akronyme wurde damals allerdings in den USA erschlossen, wo man den Namen des Präsidenten zu FDR verkürzelte. Derlei kam für die Nazis nicht in Frage, weil es nicht zu der pompösen, auratischen Autorität passt, auf die der Führerstaat aufbaut.
In der Tat könnte es verwundern, dass man einen Politiker wie ein Elektrogerät oder eine Behörde bezeichnet, doch dienen solche Kürzel als Spitznamen, denen durchaus ein populärer, vertraulicher Charakter eignet.
In Deutschland lief es bisher nicht so gut
In Demokratien sind sie daher der PR des Bezeichneten förderlich und entsprechend beliebt: Allein im Amt des Potus folgten JFK, LBJ, R. N., JEC, RWR und natürlich W. Hingegen wird Trump kaum je DJT genannt, dafür aber sein Geherda JD.
Auch international haben sich Namenskürzel verbreitet: Zum Beispiel gibt oder gab es Amlo in Mexiko, IDS in Großbritannien, DSK und BHL in Frankreich, JMS in Uruguay, IBK und ATT in Mali, DGB und NNG in Botswana, MBS in Saudi-Arabien, MBS in Nepal und noch einen MBS bei der FIA.
In Deutschland lief es bisher nicht so gut – TSG verschwand bald in der Versenkung, ebenso wie KT, obwohl es doch zu schön ist, dass Karl-Theodor zu Guttenberg genauso abgekürzt wird wie das Kreide-Tertiär-Ereignis, jener Meteoriteneinschlag, der vor 66 Millionen Jahren drei Viertel aller damals lebenden Spezies schneller dahinraffte, als ein T-Rex »OMG! WTF?« ins Handy tippen kann.
Jedenfalls bräuchte es neben dem auch schon wieder veraltenden tl;dr (too long; didn’t read) dringend ein ts;du (too short; didn’t understand).