23.04.2025
Das Gedenken an die Jüdische Brigade sorgt für Konflikte am italienischen Tag der Befreiung

Juden unerwünscht

An der Befreiung Italiens vom Faschismus hat auch eine Gruppe jüdischer Kämpfer aus dem Mandatsgebiet Palästina mitgewirkt. Einen Platz im Gedenken wollen antizionistische Linke in Italien der Jüdischen Brigade nicht zubilligen.

Wer sich heute in Italien antifaschistisch nennen darf, ist jedes Jahr vor dem 25. April aufs Neue Gegenstand kontroverser Debatten. Der Tag ist dem Gedenken an die Befreiung Italiens vom Faschismus gewidmet. Seit dem Wahlsieg der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia unter der heutigen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Jahr 2022 hat sich die Diskussion weiter zugespitzt.

Während linke Parlamentarier von der Regierung ein klares Bekenntnis zum Antifaschismus fordern, der in Italien als Staatsräson gilt, sorgt die Teilnahme einer kleinen Gruppe bei den Gedenkveranstaltungen seit Jahren für Spannungen – vor allem innerhalb der radikalen Linken: Es geht um die Jüdische Brigade, die Brigata Ebraica.

Die Brigade war eine militärische Einheit aus dem Mandatsgebiet Palästina, die unter britischem Oberbefehl in Europa gegen die Wehrmacht kämpfte. Sie bestand aus rund 5.000 Freiwilligen. Die meisten Kämpfer kamen aus der Haganah, der jüdischen Untergrundorganisation, aber auch Juden aus dem britischen Commonwealth schlossen sich an. Ihr Kommandeur, der Brigadegeneral Ernest Frank Benjamin, war Kanadier.

»Wir leiden jeden Tag unter Anti­semitismus. Es ist sinnlos, einmal im Jahr toter Juden zu gedenken und die lebenden nicht zu ver­teidigen.« Walker Meghnagi, Sprecher der Jüdischen Gemeinde Mailand

Die Jüdische Brigade gründete sich im September 1944, als das ganze Ausmaß der Shoah deutlich wurde. Italien war damals ein geteiltes Land. Nach der Landung alliierter Truppen auf Sizilien und dem Waffenstillstand von Cassibile im September 1943 zwischen dem Königreich Italien und den USA sowie Großbritannien stand Süditalien unter Kontrolle der Alliierten, während deutsche Truppen den Norden und die Mitte des Landes besetzten. Die Jüdische Brigade wurde an der Front, entlang der sogenannten Gotenstellung, in Mittel­italien eingesetzt – an der Seite der Alliierten und der italienischen Partisanen.

Nach dem Krieg blieb sie über ein Jahr lang in Europa. Zunächst war sie an der italienischen Grenze zu Österreich und Jugoslawien stationiert, später in Belgien und den Niederlanden. Mitglieder der Brigade organisierten Hilfseinsätze für jüdische Überlebende der Konzentrationslager, halfen bei der Einrichtung von Vertriebenenlagern und engagierten sich bei der Fluchthilfe für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, die nach Palästina gelangen wollten. Einzelne Soldaten beschafften Waffen für die Haganah. Im Sommer 1946 löste die britische Armee die Brigade auf.

Verengung des öffentlichen Erinnerns

Dass auch jüdische Soldaten einen Beitrag zur Befreiung Italiens vom Faschismus geleistet haben, ist vielen Italienern bis heute kaum bekannt. Das liegt unter anderem an einer Verengung des öffentlichen Erinnerns, denn die offizielle Nachkriegserzählung konzentrierte sich fast ausschließlich auf die italienischen Partisanen.

Erst mehr als 70 Jahre nach Kriegsende wurde der Beitrag der Brigade offiziell gewürdigt: 2018 verlieh die italienische Regierung der 7. Panzerbrigade der Israelischen Streitkräfte, die sich in der Tradition der Jüdischen Brigade sieht, die Goldmedaille für militärische Tapferkeit.

2004 wurde bei der Parade zum 25. April in Mailand erstmals die Fahne der Brigade gehisst: drei horizontale Streifen, zwei blaue, ein weißer, mit einem Davidstern in der Mitte. Seither werden Personen, die dieses Symbol zeigen, regelmäßig beschimpft und bedroht. Dabei handelt es sich nicht um die israelische Staatsflagge – Israel existierte 1944 noch nicht. Doch so genau nehmen es antizionistische Gruppen linksradikaler Provenienz nicht. Jeder Bezug auf das Judentum wird als Unterstützung der Politik Israels behandelt – insbesondere seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023.

Spannungen auch in der jüdischen Gemeinde Italiens

Seitdem haben die antizionistischen Gruppen in der italienischen Öffentlichkeit durch Universitätsbesetzungen, Demonstrationen und Kampagnen auf Social Media viel Aufmerksamkeit errungen. Auch die Gedenkveranstaltungen zum 25. April 2024 in Rom und Mailand dienten dieser Stimmungsmache. »Propalästinensische« Aktivisten lieferten sich teils handgreifliche Auseinandersetzungen mit Vertretern der Jüdischen Brigade. Buhrufe und Beleidigungen waren zu hören, es wurden auch Feuerwerkskörper und Steine geworfen.

Das aufgeheizte Klima hat in den vergangenen zwei Jahren auch in der jüdischen Gemeinde Italiens zu Spannungen geführt. Kurz vor den Gedenkfeiern zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2025 kündigte Walker Meghnagi, der Sprecher der jüdischen Gemeinde Mailands, an, aus Protest nicht an den offiziellen Veranstaltungen teilzunehmen. Seine Kritik richtete sich vor allem gegen die ANPI, die Nationale Vereinigung der Partisanen Italiens.

Auslöser war, dass die ANPI einen Waffenstillstand im Gaza-Streifen forderte, mit der Begründung, Israel begehe dort einen Genozid. »Wir leiden jeden Tag unter Antisemitismus. Es ist daher sinnlos, einmal im Jahr toter Juden zu gedenken und die lebenden nicht zu verteidigen«, so Meghnagi.

Der 80. Jahrestag soll ein Zeichen der Geschlossenheit setzen

Unterstützung bekam er von Davide Romano, dem Direktor des Museums der Jüdischen Brigade in Mailand: »Wenn es problematisch wird, am Gedenktag oder am 25. April mit dem Abzeichen der Jüdischen Brigade teilzunehmen, dann ist klar, dass sich auch in der italienischen Gesellschaft etwas Beunruhigendes zusammenbraut.«

Doch nicht alle teilen diese Einschätzung. Der jüdische Journalist Gad Lerner bezeichnete Meghnagis Entscheidung als falsch und betonte, sie spiegle weder die Werte des italienischen Judentums noch die Erinnerung an jüdische Partisanen wider. Auch Luciano Belli Paci, Sohn der Holocaust-Überlebenden und Senatorin Liliana Segre, kritisierte die Haltung der Mailänder Gemeinde als »selbstschädigend«. Die Mailänder Sektion der ANPI, seit dem Rücktritt Roberto Cenatis im Frühjahr 2024 unter Leitung von Primo Minelli, betonte unterdessen den inklusiven Charakter des Gedenkens. Die Jüdische Brigade sei ein »integraler Bestandteil der Kräfte, die den Faschismus bekämpft haben«, so Minelli.

Der 80. Jahrestag der Befreiung soll ein Zeichen der Geschlossenheit setzen. »Wir rechnen mit einem Tag ohne Spaltungen und Streit«, sagte Minelli vor dem diesjährigen Gedenken. Doch wird das gelingen?

Der 25. April spaltet ausgerechnet jene politischen Kräfte, für die das antifaschistische Erbe – mit dem Kampf gegen Antisemitismus als essentiellem Bestandteil – eigentlich verbindend wirken sollte. 

In Mailand zum Beispiel wird zwar auch die jüdische Gemeinde erneut teilnehmen, wie Romano der Tageszeitung Corriere della Sera bestätigte – doch nur wenige Tage zuvor hatte eine antiisraelische Demonstration, zu der auch einzelne ANPI-Sektionen aufgerufen hatten, einen wenig friedlichen Eindruck erweckt und in der Stadt randaliert.

In Rom wiederum rufen linke Gruppen zu einer zweiten Kundgebung neben der traditionellen ANPI-Demonstration am Nachmittag auf. Ihr Motto: »Gegen Krieg, gegen Aufrüstung« – mit einem zentralen Bezug zum »Genozid in Palästina«.

Der 25. April spaltet damit ausgerechnet jene politischen Kräfte, für die das antifaschistische Erbe – mit dem Kampf gegen Antisemitismus als essentiellem Bestandteil – eigentlich verbindend wirken sollte. Die antiisraelischen linken Gruppen versuchen, diesen Tag zu kapern. Und das in einem Land, das derzeit von einer postfaschistischen Partei regiert wird.