01.05.2025
Nach einem Anschlag in Kaschmir flammt der Konflikt zwischen Indien und Pakistan wieder auf

Massaker im Himalaya

Ein Anschlag auf Urlauber in der umstrittenen Region Kaschmir droht, den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen den beiden Nachbarstaaten Indien und Pakistan zu eskalieren.

Es sei »viel größer als alles, was wir in jüngeren Jahren an Attacken gegen Zivilisten erlebt haben«, sagte Omar Abdullah, der Chief Minister von Jammu und Kaschmir, zu dem Anschlag am Dienstag vergangener Woche. Bewaffnete Männer erschossen 26 Touristen am Rande des abgelegenen Ferienorts Pahalgam knapp 90 Kilometer östlich der Regionalhauptstadt Srinagar des indisch verwalteten Kaschmir. Die Region im Himalaja ist seit Jahrzehnten durch gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Atommächten Indien und Pakistan geprägt. Das Bergpanorama in Pahalgam ist bei Urlaubern beliebt und diente unzähligen Bollywood-Filmen als Kulisse.

Kein anderer Landstrich Indiens ist so stark militarisiert wie Jammu und Kaschmir. Kontrollposten wurden umgehend verstärkt und neue eingerichtet, um auf der Suche nach den Tätern auch die großen Ausfallstraßen im Umkreis zu überwachen. Einheiten von Armee, Polizei, paramilitärischen Hilfstruppen und Spezialkräften durchkämmten das Gebiet um Pahalgam.

Der indische Innenminister Amit Shah, ein enger Vertrauter von Premierminister Narendra Modi, traf sich mit Überlebenden und Angehörigen. Modi brach seinen Staatsbesuch in Saudi-Arabien vorzeitig ab und schwor, die Angreifer »bis ans Ende der Welt« zu verfolgen. Die Polizei von Kaschmir hat schnell drei Tatverdächtige zur Fahndung ausgeschrieben, die pakistanische Staatsangehörige sein sollen. Pakistan hat den Anschlag verurteilt und mitgeteilt, nichts damit zu tun zu haben.

Premierminister Narendra Modi schwor, die Angreifer »bis ans Ende der Welt« zu verfolgen.

Dazu bekannt hat sich in den sozialen Medien zunächst The Resistance Front (TRF), Indien zufolge ein bisher wenig bekannter Ableger der verbotenen pakistanischen islamistischen und salafistischen Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (Armee der Gerechten, LeT). Seit Jahrzehnten bekämpft eine Fülle militanter Gruppierungen in Jammu und Kaschmir die indische Herrschaft mit Gewalt, sie fordern entweder die Unabhängigkeit Kaschmirs oder die Angliederung an Pakistan. Die LeT, von pakistanischem Gebiet aus operierend, ist die größte, bestorganisierte und brutalste unter ihnen. Die Gruppe gilt auch als Drahtzieher der Terroranschläge in Mumbai 2006 sowie 2008, bei denen insgesamt über 350 Menschen starben. Die TRF hat ihre Beteiligung am Anschlag in Pahalgam allerdings wieder dementiert.

Indien wirft Pakistan vor, die bewaffneten Aufstände in Kaschmir zu unterstützen – was Pakistan bestreitet. Die Region wird sowohl von Indien als auch von Pakistan in vollem Umfang beansprucht. Die Ursprünge des Konflikts gehen auf 1947 zurück, als das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erlangten. Maharaja Hari Singh, der damalige hinduistische Herrscher des Fürstentums Jammu und Kaschmir, in dem die Bevölkerungsmehrheit muslimisch war, strebte zunächst an, Kaschmir als unabhängigen Staat zu erhalten. Nach Angriffen paramilitärischer Gruppen aus Pakistan bat Singh Indien um militärische Unterstützung und stimmte im Gegenzug zu, dass Kaschmir Teil der Indischen Union wird. Dies führte im Oktober 1947 zum ersten von bislang drei indisch-pakistanischen Kriegen um dieses Gebiet, deren jüngster 1999 stattfand, und nach dem Waffenstillstand 1949 unter der Aufsicht der Vereinten Nationen zur Aufteilung Kaschmirs.

Pakistan kontrolliert ein Drittel der Region, das nordwestliche Gilgit-Baltistan und Asad Kaschmir, in weiteren Territorialkonflikten hat China 1962 die Kontrolle über den nordöstlichen Teil Aksai Chin und den Trans-Karakoram-Trakt gewonnen. Die zentralen und südlichen Teile Jammu und Kaschmir sowie Ladakh kontrolliert Indien. Deren verfassungsmäßige Autonomie hob Modis hindunationalistische Regierung 2019 auf, er löste damit ein Wahlversprechen seiner Bharatiya Janata Party (BJP) ein, und unterstellte sie direkter zentralstaatlicher Kontrolle.

Öffentliches Leben kam nach dem Anschlag zum Erliegen

In Srinagar kam das öffentliche Leben nach dem Anschlag zum Erliegen – so umfassend sei die Schließung von Behörden und Geschäften in den vergangenen 35 Jahren nie gewesen, hieß es in mehreren Berichten. Der Anschlag fand während eines Besuchs des US-Vizepräsidenten J. D. Vance in Indien statt.

Schon im März 2000, einen Tag vor der Ankunft des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton in Indien, wurden in Chittisinghpora 36 Sikh-Dorfbewohner massakriert; während des Besuchs der stellvertretenden US-Außenministerin Christina Rocca im Mai 2002 erschossen Bewaffnete 23 Menschen in einem zivilen Bus und Familienquartieren der Armee in Kaluchak.

Die abermals von Indien erneuerten Vorwürfe, Pakistan unterstütze den Terror, haben zur größten Krise zwischen beiden Staaten seit der Jahrtausendwende geführt: Die indische Regierung wies mit Frist bis Dienstag alle pakistanischen Staatsbürger aus. Im Gegenzug rief Pakistan indische Bürger zum Verlassen des Landes auf, wies indische Diplomaten aus, setzte den Handel aus und sperrte seinen Luftraum für Flugzeuge aus Indien.

Erstmals überhaupt hat Indien das Indus-Abkommen von 1960 zur gemeinsamen Nutzung des Wassers aus dem Flusssystem ausgesetzt. Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif warnte Indien davor, den Wasserlauf des Indus umzuleiten oder zu blockieren, das werde als »Akt des Krieges« gewertet. »Niemand sollte sich über Pakistans Entschlossenheit in dieser Angelegenheit Illusionen machen«, sagte Sharif. Am Wochenende kam es zwischen indischen und pakistanischen Soldaten in der Grenzregion zu Schusswechseln. Der Sprecher des UN-Generalsekretärs, Stéphane Dujarric, hat beide Seiten zu »maximaler Zurückhaltung« gemahnt.