Das disruptive Leben
Emil, der charmante Protagonist in Mario Wurmitzers satirischem Roman »Tiny House«, lebt in Österreich in einer Musterhaussiedlung in einem Winzling von Haus. Rund um die Uhr wird sein Alltag in einem Livestream übertragen.
Eigentlich schreibt er an einem Buch über Rainald Goetz, nebenbei brutzelt er Gemüselasagne und genehmigt sich auch mal eine Flasche Rum – ein Geschenk der Marketing-Chefin zur Aufheiterung, schließlich soll Emil in den sozialen Medien gute Stimmung verbreiten.
Ganz mühelos avanciert er zum Social-Media-Star. Leider brennt es dauernd in der Siedlung, irgendwann steht auch Emils Behausung im Flammen und der schöne Job als Tiny-House-Influencer ist passé.
Mit leichter Hand verwebt der Autor den Handlungsstrang mit Anekdoten aus der österreichischen Politik und dem Scheitern milliardenschwerer Hochstapler wie René Benko und Jan Marsalek, es geht um Erinnerungslücken und Vernetzungstreffen von Rechtsextremen.
Ein ehemaliger Schulkollege wird auf ihn aufmerksam: Martin ist mit seinem globalen Zahlungsdienstleister Paynice der hippe Shooting Star der Börsen. Bald bekommt das Unternehmen Probleme mit der Finanzmarktaufsicht, es wird verdächtigt, seine Bilanzen zu manipulieren. Emil soll als neu berufener Social-Media-Manager das Image der Bude aufpolieren. Absurdität und Dramatik nehmen zu.
Mit leichter Hand verwebt der Autor den Handlungsstrang mit Anekdoten aus der österreichischen Politik und dem Scheitern milliardenschwerer Hochstapler wie René Benko und Jan Marsalek, es geht um Erinnerungslücken und Vernetzungstreffen von Rechtsextremen. Emil, der zwischen Verweigerung und Anpassung schwankt, greift zur Beruhigung zu den Gedichten von Friederike Mayröcker. Aber das hilft auch nicht, die Behörde ist der Firma auf der Spur und bald ist auch hier schon wieder Schluss.
Nach dem Konkurs versucht sich Emil als Theaterautor, trifft auf eine Schnorrer-Community, plündert auf Vernissagen hemmungslos Buffets und endet schließlich im Schuldienst, wo Schüler Traubenzucker zerstampfen, um Säckchen weißen Pulvers zu Wucherpreisen zu verkaufen.
Das alles ist ausgesprochen witzig erzählt, auch wenn einem zwischendurch das Lachen im Hals stecken bleibt. Denn die Erzählung kommt der österreichischen Wirklichkeit und den Absurditäten des Digitalzeitalters dann doch beklemmend nah.
Mario Wurmitzer: Tiny House. Aufbau-Verlag, Berlin 2025, 221 Seiten, 22 Euro
