Puzzeln für Love, Peace & Happiness
Wer die Ausstellung »Dream Together« in der Neuen Nationalgalerie betritt, unternimmt eine Reise zurück in die Zeit von »Love & Peace«. Die Installation »Sky/Water« (1999) besteht aus von der Decke baumelnden Soldatenhelmen, in denen blau-weiße Teile eines Puzzles liegen, die zusammen einen Himmel ergeben. Jeder Besucher soll sich einen Teil des Himmels mit nach Hause nehmen.
Die Arbeit »Cleaning Piece« (1996) fordert den Besucher dazu auf, Flusskiesel zu sortieren und dabei über die eigenen Freuden und Sorgen zu meditieren. Es folgt eine Instruktion zum Falten von Papierkranichen, die nach und nach den Ausstellungsraum füllen sollen. In »Mend Piece« (1966) beteiligt sich das Publikum an einer Reparatur: Hier können zerbrochene tönerne Tassen zusammengefügt und mit »Weisheit und Liebe wiederhergestellt« werden. Wer glaubt, dass heute niemand mehr auf solcherart Kitsch anspringt, irrt sich gewaltig. Eifrig wird getöpfert und geklebt. Alles für den Frieden.
Wer glaubt, dass heute niemand mehr auf solcherart Kitsch anspringt, irrt sich gewaltig. Eifrig wird getöpfert und geklebt. Alles für den Frieden.
Um Frieden geht es auch in der ästhetisch ansprechenden Installation »Play It by Trust« (1966/1991). Das Werk besteht aus einem großen Schachtisch, an dem sich bis zu 20 Spieler gemeinsam der fast unmöglichen Aufgabe widmen können, mit ausschließlich weißen Schachfiguren eine Partie zu spielen. Laut Anweisung dauert die Partie so lange, wie die Spieler noch wissen, »wo die eigenen Figuren stehen«. Ziel des Spiels ist es aber, zu vergessen, »wer Freund und wer Feind ist«. Hat man die derzeit häufig bemühte Metapher vom Schachspieler Putin dabei im Hinterkopf, verleiht das der Spielanweisung ungewollt eine leicht zynische Note.
»Dream Together« in der Neuen Nationalgalerie ergänzt die gleichzeitig gezeigte große Ausstellung »Yoko Ono: Music of the Mind«. Die Überblicksschau im Martin-Gropius-Bau mit mehr als 200 Arbeiten aus sieben Jahrzehnten stellt den partizipativen Ansatz der Künstlerin heraus. So sind die Besucher bei »Painting to Shake Hands« (1961/2025) dazu eingeladen, anderen Menschen die Hand zu schütteln. Weniger pädagogisch kommt die Arbeit »Shadow Piece« daher, in der der eigene Schatten Teil des Kunstwerks ist.
Manche Arbeiten zeugen von dem damals neuen Blick auf den Körper und von der Lust am Experiment, der die Kunst in den sechziger und siebziger Jahren prägte. In ihren »Handlungsanweisungen«, so lautet der Titel einer Werkreihe, fordert Ono: »Smoke everything you can. Including your pubic hair« (1964). Es gibt auch Kunstobjekte, auf die man treten soll, und ein halbes Wohnzimmer, bei dem man sich angesichts der säuberlich halbierten, zersägten Möbel den zweiten Teil »hinzudenken« soll.
Für ihren Film »Bottoms« (1966/67) hat Yoko Ono 200 Hintern von Leuten aus der Londoner Kunstszene gefilmt, eine witzige künstlerische Arbeit. Die dazugehörige Anleitung trägt dann aber wieder eindeutig die Handschrift der Friedensaktivistin: »Reihe als Friedenspetition Hintern statt Unterschriften aneinander.«
Um Frieden geht es auch in dem bekannten Film »Mr. & Mrs. Lennon’s Honeymoon« (1969). Nach ihrer Heirat hatten John Lennon und Yoko Ono in Montreal und Amsterdam je einwöchige Bed-ins veranstaltet, um gegen den Vietnam-Krieg zu demonstrieren. Dazu wurden die Presse und eine Vielzahl von Friedensaktivisten geladen. Yoko Ono erklärte das Spektakel mit den Worten: »Wir setzen unser Geld ein, um für unsere Ideen zu werben, damit der Frieden die gleiche Macht hat wie die Fieslinge, die mit ihrem Geld den Krieg unterstützen.« Ono verwendet das Wort »meanies«, eine kindische Verharmlosung kriegsführender Regime.
Die eigene Kriegserfahrung nie zum Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung gemacht
Die Kindheit der 1933 in Tokio geborenen Ono war stark von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs geprägt. Als Zwölfjährige überlebte sie die Bombardierung Tokios und floh mit der Mutter und den Geschwistern aufs Land. Bei dem Angriff der US-Luftwaffe auf die japanische Hauptstadt starben 90.000 Menschen. Ono hat die eigene Kriegserfahrung nie zum Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung gemacht, sich stattdessen als Aktivistin betätigt und dabei oft formelhafte Großansprachen oder Kitsch produziert.
Insgesamt scheint die Friedensaktivistin, als die Yoko Ono eher zu bezeichnen ist denn als Bildende Künstlerin, ein paternalistisches Verständnis von Kunstvermittlung zu haben – ihre fast immer belehren ihre Werke das Publikum oder präsentieren höhere Weisheiten im Stil von Geboten. Nach dem Besuch der Ausstellungen meint man, verstehen zu können, warum die drei anderen Beatles von John Lennons zweiter Ehefrau genervt waren.
Berlin hingegen scheint Yoko Ono zu mögen. Nachdem im September 2024 das Billboard mit der Aufschrift »Fly« den Auftakt zur Berlin Art Week bildete, prangt nun ein weiteres Spruchband Onos für sechs Monate im öffentlichen Raum. »Touch« lautet die Botschaft auf der an der Kreuzung Friedrichstraße/Torstraße gezeigten Tafel. Vor 15 Jahren war in der deutschen Hauptstadt die Ausstellung »Gift« (Gift/Geschenk) in der Galerie »Haunch of Venison« zu sehen. Es ging um Gewalt, Frieden und Liebe. Wer wollte, konnte sich am Ende fotografieren lassen und somit Teil einer Kollektivarbeit mit dem Titel »Berlin Smile« werden.
Bis nach Moskau hat es Yoko Onos Friedensappell nicht geschafft.
Schon 1969 hatte Yoko Ono Berlin, damals den Westteil der Stadt, besucht. Gemeinsam mit John Lennon hatte sie am 15. Dezember 1969 das Billboard »WAR IS OVER! If you want it« direkt an der Berliner Mauer ausgestellt.
Ähnlich plakativ fiel die Botschaft Onos nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine aus. »Imagine Peace« leuchtete im März 2022 in Städten wie New York, London, Rom, Melbourne und Tokio auf. Auch diese Aktionen sind Teil der Berliner Ausstellung. Bis nach Moskau hat es Yoko Onos Friedensappell allerdings nicht geschafft.
»Yoko Ono: Music of the Mind«. Gropius-Bau, Berlin, bis 31. August
»Yoko Ono: Dream Together«. Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 14. September
Yoko Onos Werk »Touch« ist im Rahmen der Reihe »n.b.k. Billboard« in Berlin-Kreuzung an der Ecke Friedrichstraße/Torstraße bis 31. August öffentlich zugänglich.