Gegen den Kita-Kollaps
Die Beschäftigten von mehr als 150 brandenburgischen Kindertagesstätten machten am 15. Mai klar: So geht es nicht weiter. In Potsdam und Cottbus zogen sie gemeinsam mit Eltern durch die Stadt, warnten vor einem »Kita-Kollaps« und wiesen auf die Arbeitsbelastung und unzureichende Personalausstattung hin. Organisiert wurde dies von einem Bündnis aus Elternvertretungen, Wohlfahrtsverbänden und Gewerkschaften.
»Es war toll, über den Tag haben sich in Potsdam 1.500 Menschen an den Veranstaltungen im Rahmen des Aktionstages beteiligt«, berichtet Robert Witzsche aus Potsdam, Mitgründer des Aktionsbündnisses Kita-Kollaps, der Jungle World. Das Aktionsbündnis hat sich im Sommer 2023 gegründet und dient als Anlaufstelle für alle: Eltern, Kita-Beschäftigte und Träger. Denn der Zustand der Kitas betrifft sie alle. Die Demonstrationsroute, so Witzsche, habe daher an allen Stellen vorbeigeführt, »die Einfluss auf die Situation in Brandenburg haben«: vom Städte- und Gemeindebund über das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und den Landtag bis hin zum Landkreistag.
»Vor- und Nachbereitungszeiten, Urlaub, Fortbildungen und Ausfälle durch Krankheit sind im Personalschlüssel nicht berücksichtigt.« Robert Witzsche, Aktionsbündnis Kita-Kollaps
»Im Kern«, so Witzsche, »dreht sich alles um die Forderung nach einem neuen, zukunftsorientierten Kita-Gesetz für Brandenburg.« Denn die bisherige Regelung stammt von Anfang der neunziger Jahre, als das in der DDR aufgebaute Kinderbetreuungssystem in einen neuen ökonomischen, organisatorischen und gesetzlichen Rahmen überführt wurde.
Vor allem geht es um die personelle Ausstattung der Kindertagesstätten. »Wir haben einen Personalschlüssel, der eigentlich ein Finanzierungsschlüssel ist«, konstatiert Witzsche. Vorgesehen ist demnach, dass bei Kindern unter drei Jahren eine Erzieherin auf etwas mehr als vier Kinder kommt. »Vor- und Nachbereitungszeiten, Urlaub, Fortbildungen und Ausfälle durch Krankheit sind in diesem Schlüssel nicht berücksichtigt.« In der Realität sei das Verhältnis deshalb eher bei eins zu acht.
In den Einrichtungen bedeutet das erhöhten Stress für die Beschäftigten, gute pädagogische Angebote sind häufig unmöglich, und es besteht das Risiko, dass in Gefahrensituationen nicht schnell genug eingeschritten werden kann. Angesichts dessen ist es bemerkenswert, dass sich nur relativ wenige Eltern an den Veranstaltungen des Aktionstags beteiligten.
»Es ist für uns immer wieder eine Herausforderung, Eltern zur Teilnahme an den Aktionen zu mobilisieren«, räumt Witzsche ein. Durch Arbeit und Kindererziehung, so meint er, stünden die häufig selbst unter hohem Druck, der wenig Raum lasse, sich für die eigenen Interessen einzusetzen. Nötig wäre es jedoch. Im Rahmen der derzeitigen Haushaltsdiskussionen erwägt die Landesregierung aus SPD und BSW, trotz gegenteiliger Wahlversprechen im Kita-Bereich zu sparen.
Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie
Eine gute Kinderbetreuung ist für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie zentral, was vor allem für Frauen entscheidend ist; gerade in einem ostdeutschen Flächenland, in dem viele Eltern pendeln und zur regulären Arbeitszeit noch lange Fahrtzeiten hinzukommen. Sollten Haushaltsmittel gestrichen werden, könnte sich das auf die Öffnungszeiten auswirken, so dass Einrichtungen nicht mehr länger als acht Stunden geöffnet haben.
Zudem sind frühkindliche Bildungsangebote gerade für Kinder aus armen und migrantischen Familien häufig eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Schulbesuch. Dass hier trotzdem um jeden Cent gestritten werden muss, erklärt sich Witzsche damit, dass, auf eine Legislaturperiode gerechnet, Familien mit Kindern nur »eine große Randgruppe« seien, deren Bedürfnisse zum Beispiel mit Maßnahmen der Wirtschaftsförderung konkurrierten und oft genug hinter diesen zurückstehen müssten.
Mit seinen Aktivitäten habe es das Bündnis, so Witzsche, in den vergangenen Jahren geschafft, »ein engeres Zusammenwirken von Trägern, Verwaltungen, Jugendämtern, Beschäftigten und Eltern« zu erreichen – »weil wir seit Jahren immer wieder in dieselbe Kerbe hauen«. Für ihn ein klarer Erfolg. Von der Belastbarkeit dieser Kooperation dürfte in den kommenden Jahren einiges abhängen. »Wir werden weiter für die notwendigen Investitionen in Bildung kämpfen müssen«, ist sich Witzsche sicher.