22.05.2025
Antifaschismus nach Putin-Art

Der Antifaschismus bekommt ein Update

Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg wird überall zur Recht­fertigung der gegenwärtigen Politik genutzt. In Russland kommt zur Kriegsrechtfertigung dieses Jahr einiges Neues dazu, wobei historische Bewertungen flexibel an die politischen Erfordernisse angepasst werden.

»¡No pasarán!« hieß es kämpferisch im Abschlussmanifest des Zweiten Internationalen Antifaschistischen Forums, das auf Initiative der Kommunistischen Partei der Russländischen Föderation (KPRF) vom 22. bis zum 24. April in Moskau stattfand. 450 Delegierte, die 164 Organisationen aus 91 Ländern vertraten, sollen teilgenommen haben, aus Deutschland beispielsweise Vertreter der DKP.

Auch der Rest des Manifestes ist im selben Stil gehalten. »Die Bandera-Henker und ihre westlichen Gönner müssen gerecht verurteilt werden, und das faschistische Regime in Kiew muss vollständig beseitigt werden«, wird beispielsweise gefordert. Russland sei bedroht: »Die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Ressourcen des Weltkapitals, einschließlich Söldner­truppen, wurden im Angriff gegen Russland eingesetzt.«

Der russische Präsident Wladimir Putin schickte ein Grußwort zu der Veranstaltung, die der »Konsolidierung der linken Kräfte im Kampf gegen Neofaschismus und Kriegsgefahr« gewidmet war. In Putins Adresse hieß es, »alle parlamentarischen Parteien« in Russland würden »eine konsolidierte patriotische Position« einnehmen. Die Gäste tagten im Haus der Russländischen Armee, der berühmte Alexandrow-Soldatenchor sorgte für das Kulturprogramm.

Im April veröffentlichte der russische Auslandsgeheimdienst SWR den Artikel mit dem Titel »Wie vor 80 Jahren ist der Eurofaschismus ein gemeinsamer Feind Moskaus und Washingtons«.

Um den 80. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands herum versuchte Russland ebenso wie die westlichen Staaten, seine Politik mit Verweis auf die Lehren aus der Geschichte zu begründen und der anderen Seite den Anspruch auf das historische Erbe des Siegs über Nazi-Deutschland abzustreiten. Da Putins Russland sich ideologisch wendig gibt, richten sich unterschiedliche Botschaften an verschiedene politische Lager.

Veranstaltungen wie das Antifaschistische Forum führen Vertretern linker Gruppen aus ganzen Welt die Bewahrung sowjetischer Traditionen vor, während gleichzeitig für Rechtspopulisten in den USA und Europa Russland als letzte Bastion konservativer Werte und des christlichen Glaubens beworben wird. Genauso ist es für die russischen Medien möglich, Angst vor einer »Islamisierung« in Europa zu befeuern und gleichzeitig die Traditionsverbundenheit in islamischen Regionen Russlands zu loben.

Postmodernes und pseudowissenschaftliches Meisterwerk

Auch auf neue politische Entwicklungen können die Verlautbarungen zum Thema Faschismus und Antifaschismus abgestimmt werden. In diesem Jahr waren das die Sondierungstreffen mit der neuen US-Regierung. Am 16. April veröffentlichte die Pressestelle des russischen Auslandsgeheimdiensts SWR einen Artikel mit dem Titel »Wie vor 80 Jahren ist der Eurofaschismus ein gemeinsamer Feind Moskaus und Washingtons«. Bebildert war der Text mit einer Karikatur: ein US-amerikanisches und ein russisches Bajonett piksen die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, deren blutige Hände und Füße ein Hakenkreuz formen. Es ist eine Anspielung an ein bekanntes sowjetisches Propagandaplakat, auf dem ein US-amerikanisches und ein sowjetisches Bajonett einen swastikaförmigen Hitler aufspießen.

Der Text selbst ist ein postmodernes und pseudowissenschaftliches Meisterwerk: In fast jedem Absatz steht die Formulierung »Spezialisten haben festgestellt«. Die namenlosen Spezialisten haben zum Beispiel in Europa eine »Neigung zu verschiedenen Formen des Totalitarismus« als historische Konstante entdeckt. Die totalitäre Französische Revolution stünde, so die »Spezialisten«, im Gegensatz zur Amerikanischen Revolution, die die Freiheit verteidigte und sich damit in Gegnerschaft sowohl zur Tyrannei des britischen Monarchen als auch zum revolutionären Massenterror der Jakobiner befunden habe.

Idee einer historischen russisch-amerikanischen Freundschaft

Diese an historische Interpretationen der US-amerikanischen Rechten angelehnte Theorie wird dann in Einklang mit der Idee einer historischen russisch-amerikanischen Freundschaft gebracht, die angeblich parallel zur ewigen russisch-europäischen Feindschaft bestanden habe. Napoleon wird als Vorläufer von Hitler präsentiert, Ronald Reagans auf die Sowjetunion gemünzte Rede vom »Empire of Evil« wird auf Großbritannien übertragen, Frankreich die Kollaboration mit der deutschen Besatzung vorgeworfen. Doch die Positivbeispiele US-amerikanisch-russischer Verbundenheit sind rar: der Krimkrieg 1853–1856 und der Suez-Konflikt ein Jahrhundert später. In beiden Fällen hat es nicht für eine längerwährende Waffenbruderschaft gereicht. Aber das ist offenbar nebensächlich. Der Kalte Krieg gehe, so die Spezialisten, auf die Intrigen Winston Churchills zurück.

»Ich bin für Stalin, für Hitler, für Mussolini, für alle, die selber ›für die Sache‹ kämpfen«. Der französische Schriftsteller und Nazi-Kollaborateur Pierre Drieu la Rochelle

Nur im Zweiten Weltkrieg waren die USA und die Sowjetunion tatsächlich Alliierte. In dem Text wird dieser als ein Krieg der USA und der Sowjetunion gegen Europa dargestellt. Denn dort sei die Ideologie des »Eurofaschismus« entstanden, geprägt und verteidigt, den überraschend gut über neurechte Ideologen informierten »Spezialisten« zufolge, vom französischen Schriftsteller und Nazi-Kollaborateur Pierre Drieu la Rochelle (1893–1945).

In Wirklichkeit propagierte dieser, nachdem er zunächst sozialistische Positionen vertreten und surrealistischen und dadaistischen Kreise angehört hatte, in den dreißiger Jahren eine Querfrontstrategie. In seinem 1934 erschienen Essay »Socialisme fasciste« bekannte er sich: »Ich bin für Stalin, für Hitler, für Mussolini, für alle, die selber ›für die Sache‹ kämpfen«.

Kollaboration mit den Achsenmächten wirft die russische Propaganda allerdings nur politischen Gegnern vor. Wenn die Berichterstattung russischer Medien sich Ländern wie Ungarn, Slowakei und seit neustem, bedingt durch die Wahlerfolge der dortigen Rechtspopulisten, Rumänien widmet, spielt das Thema keine Rolle, obwohl auch in diesen Staaten die Rolle der eigenen Faschisten im Zweiten Weltkrieg immer wieder beschönigt wird.