Das Prinzip Hoffnung
Öffentliche Veranstaltungen zum Krieg zwischen Israel und der Hamas, gerade an Universitäten, bergen ein hohes Eskalationsrisiko. Meistens finden sie – wenn überhaupt – unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Nicht so am Dienstag vergangener Woche an der Universität Potsdam, wo das Junge Forum, die Jugendorganisation der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, und die Universität zu einer Veranstaltung mit Hamza Howidy und Shay Dashevsky unter dem Titel »Voices from Gaza and Israel« geladen hatten. Howidy gehörte zu den jungen Bewohnern des Gaza-Streifens, die 2019 und erneut im Sommer 2023 gegen die Hamas auf die Straße gingen. Beide Male wurde er von der Hamas verhaftet und misshandelt. Seine Familie musste ihn freikaufen. Schließlich verließ er über Ägypten den Gaza-Streifen und suchte Asyl in Europa.
Dashevsky bezeichnet sich als linker Israeli, der sich in Israel politisch betätigte, später nach Berlin ging und seit dem 7. Oktober 2023 versucht, durch Aufklärungsveranstaltungen insbesondere dem Antisemitismus an Universitäten entgegenzutreten. Zwar musste man sich für die Veranstaltung anmelden, aber an Ort und Stelle waren sorgten, soweit wahrnehmbar, nur zwei große junge Männer mit leicht hippieskem Äußeren für Sicherheit.
»Viele von denen, die da demonstrieren, hassen Israel stärker, als sie Palästina lieben.« Hamza Howidy
Die beiden Referenten wirkten müde, erschöpft. Zum Einstieg berichtete Howidy, wie er mit der »Erzählung von der Nakba« aufgewachsen sei. Der Begriff bedeutet »Katastrophe« und bezeichnet die Flucht und Vertreibung der palästinensischen Araber im Zuge des panarabischen Angriffskriegs, den die umliegenden Staaten gegen Israel innerhalb eines Tages nach dessen Staatsgründung begannen. Diese Erzählung, so Howidy, habe auch immer das Versprechen beinhaltet, dass eines Tages durch die Rückkehr in die Herkunftsorte der Eltern und Großeltern alles so werden könne wir früher.
Irgendwann habe er angefangen, sich kritisch damit zu beschäftigen, berichtete Howidy und skizzierte seine Vorstellung eines Ausgleichs zwischen Israelis und Palästinensern: Dieser müsse die Anerkennung des Leids der Palästinenser beinhalten, aber auch deren Verzicht auf die Rückkehr an die Herkunftsorte ihrer Vorfahren im heutigen Israel, denn das würde nur neues Leid bedeuten.
Auch Dashevsky beschrieb es als notwendig zu akzeptieren, dass »zwei Wahrheiten« nebeneinander stehen können, und berichtete von den Auseinandersetzungen in Israel über die Deutung »der Ereignisse des Unabhängigkeitskriegs im Jahr 1948«.
Damit zeichnete sich ab, was den Abend bestimmen würde. Die beiden Referenten waren sich in vielen Punkten einig, aber offensichtlich auch bemüht, demonstrativ aufeinander zuzugehen und Aufmerksamkeit und Verständnis für die Lage des jeweils anderen zu zeigen.
Auf die Frage, wo es zwischen ihnen beiden Differenzen gebe, vermutete Howidy: »Vielleicht in der Frage, ob Netanyahu ein Kriegsverbrecher ist.« Dashevsky versuchte daraufhin eher zu differenzieren, als dass er widersprach. Wenn eine unabhängige gerichtliche Untersuchung zu dem Schluss komme, dass Netanyahu ein Kriegsverbrecher sei, dann akzeptiere er das. Er wies aber darauf hin, dass man diesen Maßstab dann auch an »Putin, Bush, Obama, Assad, den neuen Typ in Syrien und die halbe Führung der chinesischen KP« anlegen müsse. Der Genozidvorwurf, so wie er jetzt erhoben werde, diene der Delegitimierung Israels.
Einig waren sich beide jedoch, dass es »genozidale Rhetorik« seitens der extremen Rechten in Israel gebe, etwa von Finanzminister Bezalel Smotrich. Der hatte kürzlich gesagt, ein israelischer Sieg würde bedeuten, dass der Gaza-Streifen »komplett zerstört« werde und ein Großteil der Bevölkerung in andere Länder auswandere. Howidy sprach sich dagegen aus, alle Bewohner:innen Gazas für die Hamas in Haftung zu nehmen, und Dashevsky plädierte dafür, Extremisten wie Smotrich nicht als Repräsentanten ganz Israels anzusehen.
Im Zentrum dieser Veranstaltung der leisen und überlegten Töne stand aber die Sicht der beiden Referenten auf die Entwicklungen in Europa. Howidy beschrieb sein Erschrecken über antisemitische Proteste in Europa. Am Anfang sei er auch zu Antikriegsdemonstrationen gegangen, habe aber schnell festgestellt, dass seine Position – »Der 7. Oktober ist nicht zu rechtfertigen und kann nicht benutzt werden, um zu rechtfertigen, was danach geschah« – dort nicht akzeptiert werde.
Schockiert sei er gewesen, weil auf Demonstrationen in Westeuropa der Hamas-Anführer Yahya Sinwar gepriesen wurde. Sinwar habe sich den Titel »Schlächter von Khan Yunis« verdient, weil er in Gaza Palästinenser, die der Hamas im Wege standen, ermordet habe. »Viele von denen, die da demonstrieren, hassen Israel stärker, als sie Palästina lieben«, konstatierte Howidy.
Dashevsky schilderte, wie er nach dem 7. Oktober Freunde in der Linken verlor, »nur weil ich Israeli bin«. Er plädierte für eine »Friedensbewegung auf beiden Seiten«. Sie müsste das Motto der Protestbewegung, an der Howidy damals in Gaza teilnahm – »Wir wollen leben« –, ernst nehmen und dasselbe für alle Menschen in der Region einfordern.
Howidy wies auf das internationale Bündnis Realign for Palestine (Neuausrichtung für Palästina) hin, an dem er mitwirke und in dem sich Palästinenser bemühten, ein gemeinsames Forum für »moderate Stimmen« aus Palästina zu bilden. Auch wenn es derzeit schwer vorstellbar sei, hofften beide darauf, dass eines Tages zwei Staaten friedlich miteinander koexistieren. »Und wenn wir diese Staaten haben und wir eines Tages einander vertrauen können, dann werden die Mauern fallen«, hoffte Dashevsky. Die Veranstaltung endete mit freundlichem Applaus.