Die Lieferer
Allerlei zu bestellen, um es an der Wohnungstür in Empfang zu nehmen, gehört längst zum Alltag, und auch die Bedeutung globaler Lieferketten ist hinlänglich bekannt. Doch wenn man in den Medien vernimmt, jemand müsse »jetzt liefern«, ist ein ganz besonderer Bringdienst gemeint: Dann nämlich geht es um Politik. Deshalb reden Journalisten auch nicht davon, dass Politiker Versprechen erfüllen und Ansprüchen gerecht werden sollten, sondern wollen derlei »eingelöst« sehen wie einen Coupon bei der Online-Bestellung.
Politik, würde Max Weber sagen, wenn er heute lebte und im hiesigen Pressebetrieb sein Auskommen fristen müsste, ist das geduldige Schnüren großer Pakete. Drin sind in diesen Paketen Gesetze oder Maßnahmen (der zu Brechts Zeiten noch manifeste totalitäre Beiklang dieses Worts scheint längst verhallt). Unkundige könnten annehmen, als Besteller müsse das Staatsvolk in Gestalt der Wählerschaft gelten – aber weit gefehlt! Wenn eine Regierung sich dazu hergibt, die Bedürfnisse bloßer Sterblicher zum Maßstab ihres Handelns zu machen, liefert sie gerade nicht, sondern verteilt Geschenke – und das auch noch mit der Gießkanne. Zu verschenken gibt es aber nichts, und nach dem Gießkannenprinzip soll, damit sich Leistung wieder lohnt, der erfolgreiche Mann seinen Samen verteilen, keineswegs aber der Staat soziale Wohltaten beziehungsweise Hängematten.
Denn die fetten Jahre sind vorbei, wie Experten für Political Fat Studies immer wieder aufs Neue feststellen. Das heißt (bitte alle im Chor): Wir müssen den Gürtel enger schnallen! Nur der schlanke Staat kann in der Standortkonkurrenz bestehen, da diese immer härter wird. Lange lag das an der Globalisierung, jetzt liegt es am Ende der Globalisierung. Auch wenn Wirtschaft manchmal verwirrend ist, kann niemand behaupten, es gäbe keine beständigen Gewissheiten mehr.
Ist ein Staat mit einer nicht liefernden Regierung gestraft, dann findet er sich alsbald vom Fulfillment Center auf die Schulbank versetzt: Er erhält schlechte Noten von Rating-Agenturen, vielleicht gar einen Blauen Brief von der EU-Kommission und in jedem Fall die Ermahnung, seine Hausaufgaben zu machen. Dies zu versäumen, geht freilich nicht an, das sagt einem der gesunde Menschenverstand, nach dem sich die Welt noch immer zu richten hat. Denn nicht für die Schule lernen wir, sondern für den Leitartikel.