29.05.2025
20 Jahre antifaschistischer Arbeit im Nordosten Berlins

Hoch lebe der antifaschistische Nordosten

Antifaschistische Gruppen sind häufig kurzlebig – die »Emanzipative & Antifaschistische Gruppe« aus Berlin hingegen feiert ihr 20. Jubiläum. Die »Jungle World« sprach mit einem langjährigen Mitglied über antifaschistische Arbeit im Nordosten Berlins und Szenekonflikte im Wandel der Zeit.

Seit den achtziger Jahren zählen Antifa-Gruppen zu den in der Öffentlichkeit präsentesten Teilen der radikalen Linken. Sie bilden ein politisch durchaus heterogenes Milieu, sind aber überwiegend jugendbewegt geprägt. So stellen sie für viele junge Menschen den Einstieg in eine Politisierung dar, die nicht nur in einen mehr oder weniger organisierten Linksradikalismus führt, sondern durchaus auch in die parlamentarische Linke, zu Gewerkschaften oder in den Medienbetrieb. Vor allem an diesem jugendbewegten Charakter liegt es auch, dass Antifa-Gruppen häufig relativ kurzlebig sind. Die meisten bestehen wohl nur für ein paar Jahre, bis die Angehörigen der Kerngruppe wegziehen oder ins Erwerbs- und Familienleben eintreten und keine Zeit mehr für alltägliche und -nächtliche Aktionen haben.

Da ist es bemerkenswert, dass die im Berliner Bezirk Pankow, im Nordosten der Stadt, aktive »Emanzipative & Antifaschistische Gruppe« (EAG) in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert. Im Gegensatz zu vielen in den neunziger Jahren entstandenen Gruppen taucht in ihrem Namen weder das Wort »autonom« noch die Selbstbezeichnung als revolutionär auf. Das deutet darauf hin, dass die Gruppe 2005 am Ende einer Umbruchphase in der antifaschistischen Linken entstand. Wenige Jahre zuvor, 2001, hatte sich die Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO), die bedeutendste Organisation des autonomen Antifaschismus der neunziger Jahre, deren Ästhetik in Teilen bis heute für die Szene prägend ist, auf einem Kongress in Göttingen aufgelöst.

»Antisemitismuskritik und Solidarität mit Israel stießen in linken Kreisen auf harte Abwehr, durchaus auch handfest.« Paul Reuther, EAG

Der Zerfallsprozess der Linken, der zur Auflösung führte, war von zwei Entwicklungen angetrieben. Zum einen hatte im sogenannten Antifa-Sommer 2000 die Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) die Bedeutung des Kampfs gegen den Rechtsextremismus für den Standort Deutschland erkannt und damit den rebellisch-revolutionären Gestus vieler Antifa-Gruppen blamiert. Zum anderen spaltete sich die Szene nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und dem Beginn des Irak-Kriegs 2003 in jene Gruppen, die sich antideutschen Politikansätzen zuwandten, und jene, die diese ablehnten.

Aber auch die antideutsche Linke begann, sich auszudifferenzieren. Unter anderem wegen Auseinandersetzungen um Sexismus in israelsolidarischen Zusammenhängen löste sich 2003 das im Berliner Nordosten aktive antifaschistische A3-Bündnis auf. Wenig später gründete sich die EAG mit dem Ziel, Antifaschismus, Feminismus und Kritik am Antisemitismus zusammenzubringen. »Diese Schwerpunkte zogen sich dann durch die vergangenen 20 Jahre«, so Paul Reuther von der EAG im Gespräch mit der Jungle World. Für die Gruppe war das nicht immer leicht: »Antisemitismuskritik und Solidarität mit Israel stießen in linken Kreisen auf harte Abwehr, durchaus auch handfest. Andererseits wurden wir von Antideutschen kritisch beäugt, die das Thema Feminismus für nicht so wichtig hielten.«

In ihrer Auseinandersetzung mit Antisemitismus stieß die Gruppe auch auf den al-Quds-Tag. Den hatte das iranische Regime im Jahr seiner Gründung 1979 ins Leben gerufen. Seither demonstrieren Sympathisanten des Regimes jedes Jahr auf der ganzen Welt für die Zerstörung Israels – seit 1996 auch in Berlin. Von der hiesigen Antifa-Szene wurde das lange ignoriert. »Die Auseinandersetzung mit dem al-Quds-Tag hat für uns eine große Rolle gespielt«, berichtet Reuther. Die EAG gründete das Bündnis gegen den al-Quds-Tag mit, das habe »eine nicht unbeträchtliche Rolle dabei gespielt, dass dieser nicht mehr unwidersprochen in Berlin begangen werden kann«. Als Resultat dieser Auseinandersetzung solidarisiert sich die Gruppe mit den derzeitigen Protesten gegen das islamische Regime im Iran und macht mit einer Plakatkampagne auf das Schicksal der dortigen politischen Gefangenen aufmerksam.

Gleichzeitig trat die Gruppe aber auch rassistischen Umtrieben entgegen, die unter dem Deckmantel der Islamkritik agitierten. Als ab 2006 in Pankow-Heinersdorf der erste Moscheebau in Ostberlin geplant wurde und Neonazis und rassistische Bürger dagegen demonstrierten, organisierte die EAG die Kampagne »Kommunismus statt Heinersdorf«.

Pankow war in dieser Zeit ein Aktionsraum klassischer Neonazis, es waren »vor allem NPD, Kameradschaften und Anti-Antifa im Bezirk aktiv, organisierten Aufmärsche und griffen linke Jugendliche an«. Dem standen die Antifas jedoch nicht allein gegenüber, wie Reuther konstatiert: »Es gibt im Bezirk einen Resonanzboden für unsere Themen, ein linkes Bürgertum, linke Treffpunkte, auch wenn Letzteren die Gentrifizierung zusetzt.«

Eine Herausforderung stellt in den vergangenen zehn Jahren der Aufstieg der AfD dar, die es geschafft hat, zweitstärkste Partei im Bundestag zu werden, und sich nicht einfach aus öffentlichen Diskursen ausgrenzen lässt. Für die EAG ist dieser Aufstieg jedoch nicht verwunderlich: »Kritik am deutschen Nationalismus zieht sich durch alle unsere Aktivitäten, deshalb sind wir nicht überrascht, dass der autoritäre, rassistische Teil der Bevölkerung eine andere wählbare Partei außer der CDU gefunden hat.« Daneben beobachtet die Gruppe allerdings die Herausbildung einer neuen militanten Naziszene. »Einige Jugendliche, die die NPD Anfang der zehner Jahre organisierte, tauchen jetzt wieder bei ›Der III. Weg‹ auf«, so Reuther.

Die Schwäche der radikalen Linken angesichts einer erstarkenden AfD und einer neuen gewaltbereiten Neonazi-Szene scheinen einige mit dem Wiederbeleben totgeglaubter K-Gruppen beantworten zu wollen. Nicht so die EAG: »Zu unserer Arbeit gehörte auch immer Kritik an autoritären, nationalistischen Formierungen in der Linken, dazu stehen wir in Opposition.« Den Aufstieg der sogenannten roten Gruppen erklärt sich Reuther so: »Es fehlt ein antiautoritäres Korrektiv in Form größerer Antifa-Gruppen, das hat Platz gelassen für Kaderorganisationen, die gezielt junge Leute rekrutieren.«

Die EAG als israelsolidarische und feministische Gruppe, die für die Auseinandersetzung mit den örtlichen Neonazis oder für feministische Kampagnen auf Bündnispartner angewiesen ist, stellen die neuen ML-Gruppen vor Probleme, insbesondere nach dem von ihnen oft bejubelten Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Dementsprechend war die EAG »glücklich über die Gründung von Feminism Unlimited«, einem Berliner Bündnis, das sich in Abgrenzung zu der Leugnung sexualisierter Gewalt beim Überfall der Hamas durch linke Gruppen zusammenfand – obwohl es auch hier »immer mal Diskussionen und Konflikte gibt, die in einem bestimmtem Rahmen zur Bündnisarbeit aber auch dazugehören«, so Reuther.

Trotz der Herausforderung, die die erstarkenden regressiven Tendenzen in Teilen der linken Szene darstellen, will die EAG nach Reuthers Aussage an ihrem hergebrachten Ansatz festhalten: »Wichtig ist uns, dass alle, die dazukommen, die drei Schwerpunkte unserer Gruppe – Antifa, Feminismus, Kritik am Antisemitismus – teilen, auch wenn sich dazwischen die Gewichtung durch personelle Fluktuation natürlich immer mal wieder verschiebt.« Dass die Gruppe sich nicht auf den Kampf gegen Neonazis beschränkt, ist seiner Ansicht nach auch ein Grund dafür, dass sie so lange existiert. Aufgelöst hätten sich in den vergangenen Jahren vor allem »monothematisch arbeitende Gruppen«. Solche, die, wie die EAG, noch andere Themen bearbeiteten, »überstehen Durststrecken oft besser«.

Zudem profitiere die Gruppe aber auch davon, dass noch immer einige Mitglieder aus der Gründungszeit dabei seien: »Es braucht Leute, die länger dabei sind und Erfahrungen und Wissen weitergeben.« Das ist im Nordosten Berlins einfacher als in Kleinstädten im ostdeutschen ländlichen Raum, in denen die meisten Aktiven irgendwann doch den Weg in die großen Städte antreten.