29.05.2025
Das sächsische Kultusministerium will Lehrermangel durch Mehrarbeit beheben

Lehrermangel leichtgemacht

Das sächsische Kultusministerium will dem Personalmangel an sächsischen Schulen begegnen. Die zuständige Gewerkschaft warnt allerdings vor einer Mehrbelastung der Lehrkräfte, die das Problem langfristig verstärken könnte. Auch im Bereich frühkindlicher Betreuung ist das Personal knapp und die Belastung zu hoch.

Personalmangel, schlechte Betreuungsschlüssel, prekäre Staatsfinanzen. Die Probleme in Sachsens Schulen sind komplex und umfassend: Mindestens 1.400 Lehrer:in­nen fehlen und knapp jede zehnte Stunde fällt aus. Der sächsische Kultusminister Conrad Clemens (CDU) hat nun Maßnahmen vorgestellt, um den Unterrichtsausfall im kommenden Schuljahr zu reduzieren. Ende Mai sollen diese im Kultusministerium beschlossen werden.

Die Beschlussvorlage kommt allerdings nicht gut an: Die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen kritisiert eine zusätzliche Belastung der Lehrkräfte. Die sogenannte Altersermäßigung etwa, die es Leh­rer:in­nen bislang erlaubte, ab dem 58. Lebensjahr ihre Stundenzahl zu reduzieren, soll zukünftig erst ab dem 63. Lebensjahr gewährt werden. Aufgaben, die nichts mit dem klassischen Unterricht zu tun haben, wie etwa die Koordination von Ganztagsange­boten, sollen auf Assistenz- und Verwaltungskräfte ausgelagert werden, damit die Lehrkräfte mehr Unterrichtsstunden übernehmen können. Das aber führe, sagt Mattes Blank, Pressesprecher der Gewerkschaft, der Jungle World, zu deutlich mehr unbezahlter Mehrarbeit, da die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts nicht berücksichtigt werde. »Die angekündigte Abschaffung der K6/K9 Regelung, die den Ausgleich des Mehraufwandes für Kurse der Oberstufen und Abiturprüfungen regelt, bedeutet faktisch eine Mehrbelastung durch unbezahlte Überstunden«, stellt Blank klar.

Die Zahl der Krankheits­tage bei Lehrkräften an sächsischen Schulen steigt bereits seit Jahren.

Dabei leidet Blank zufolge die Berufszufriedenheit bereits immens unter der hohen Belastung. Immer wieder würden Lehrkräfte der Gewerkschaft mitteilen, sie könnten ihrem pädagogischen Auftrag wegen der verschlechterten Arbeitsbedingungen nicht mehr gerecht werden. Die hohe Belastung führt auch zu anderen Problemen: Die Zahl der Krankheitstage an sächsischen Schulen steigt seit Jahren. Der Barmer Ersatzkasse zufolge lag der Krankenstand vor fünf Jahren noch bei 4,9 Prozent, 2023 waren es 6,6 Prozent. Fehlten die Lehrkräfte 2019 noch durchschnittlich 18 Tage pro Jahr, waren es 2023 bereits 24 Tage. Eine Zunahme ist vor allem bei psychischen Erkrankungen zu beobachten: von 3,9 Tagen (2019) zu 5,1 Tagen (2023). Und trotzdem ist es immer wieder Thema, den Personalmangel an Schulen mit Mehrarbeit auszugleichen.

Dabei wird gern unterschlagen, dass Pläne dieser Art den Lehrkräftemangel tendenziell verstärken. Sachsens Schulen sind bereits auf Querein­steiger:in-nen angewiesen. Der GEW zufolge gehen neun von zehn Lehrkräfte vorzeitig in den Ruhestand und nehmen Einbußen bei der Rente in Kauf. Dementsprechend warnt die Gewerkschaft davor, dass der Lehrberuf noch mehr an Attraktivität verlieren und ältere Lehrkräfte noch schneller in den Ruhestand gehen könnten.
Der Unmut unter sächsischen Lehr­er:innen ist entsprechend hoch: Anfang April kam es zu ersten Demons­trationen in Chemnitz, Leipzig und Dresden. Allein in Leipzig beteiligten sich laut der GEW 1 500 Menschen. Matthes Blank sieht einen Grund hierfür auch in der Kommunikation des Kultusministers Clemens (CDU). Der ist erst seit Dezember im Amt; sein Vorgänger und Parteifreund Christian Piwarz hatte immerhin angekündigt, vor solchen Beschlüssen eine Arbeitszeitstudie abwarten zu wollen, die noch bis Ende des Jahres läuft.

Auch im frühkindlichen Bereich ist die Situation angespannt. Nach Angaben des Ländermonitors frühkindlicher Bildungssysteme liegt der Betreuungsschlüssel, also die Anzahl der Kinder pro Fachkraft, in sächsischen Krippengruppen mit 5,4 deutlich über dem von der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Wert von drei. Das ist der drittschlechteste Wert im Ländervergleich. Auch in Kindergärten liegt der Schlüssel demnach mit 11,3 deutlich über der Empfehlung von 7,5.
Der GEW-Pressesprecher Blank meint, die Ausgangsbedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren eigentlich verbessert: Es gäbe mittlerweile genügend Personal, um den gesetzlich festgelegten Personalschlüssel zu senken – doch es fehlt die politische Bereitschaft. Das führt ihm zufolge zu der absurd anmutenden Situation, dass angehende Er­zieh­er:in­nen nach der Ausbildung Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden.

Der derzeitige Betreuungsschlüssel berücksichtigt zudem keine Fehlzeiten durch Urlaub, Krankheit und Weiterbildungen – und der Krankenstand in Kindertagesstätten ist überdurchschnittlich hoch. Pädagogische Fachkräfte beklagen zudem, dass spätestens seit der Covid-19-Pandemie die Anforderungen an sie ungemein gestiegen sind. Das liegt unter anderem an der Zunahme psychosozialer Belastung vieler Familien und der gestiegenen Zahl von Kindern mit besonderem Förderbedarf. Die Gewerkschaft beobachtet aus diesen Gründen eine Flucht aus dem Berufsfeld.

In Dresden demonstrierten am 15. Mai der GEW zufolge mehr als 4 000 Menschen gegen die Zustände im Bildungssektor, was GEW-Sprecher Blank als Erfolg wertet. Die Vielfalt der Missstände, gegen die sich die Demonstration wandte, zeigt, wie schlecht die Lage im Bundesland geworden ist. Es ging natürlich um die Situation an Schulen und Kitas, aber auch die sowieso schon unterfinanzierten Projekte zivilgesellschaftlicher Vereine, die Integrationsarbeit und Prävention gegen den gerade in Sachsen grassierenden Rechtsextremismus leisten, sind von den geplanten Kürzungen betroffen.