Spuren der Vergangenheit
Der Oeder Weg im Frankfurter Nordend ist eine der beliebtesten Einkaufsstraßen der Stadt. Die Gegend ist vollständig gentrifiziert. Ganztägig erklären die young urban professionals Gehwege zur Außengastronomie und genießen die familiär-nachbarschaftliche Atmosphäre. Für einen Gedenkort würden die Frankfurter:innen den Oeder Weg wahrscheinlich zuletzt halten.
Damit die Spuren der Erinnerung deutlicher hervortreten, hat der Verein Die Kunstbaustelle in Landsberg am Lech eine neue App veröffentlicht, den Nazi Crime Atlas, gefördert vom Bund und der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ). Am unteren Ende des Oeder Wegs, erfährt man über die App, wurde 1938 während der Reichspogromnacht das Café Falk verwüstet. An der Ecke Jahnstraße demolierte der Mob das Zigarrengeschäft Chambrai und verbrannte Tabakwaren auf der Straße. Zudem wurde eine Feinkostfiliale der Kette Wittwe Hassan zerstört.
Apps für digital public history sind nicht neu. In der Frankfurt History App des Stadtmuseums findet sich seit der Ausstellung »Frankfurt und der Nationalsozialismus« ebenfalls eine interaktive Karte, kuratiert vom Museum und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Dort ist das Café Falk nicht verzeichnet. Dafür erfährt man, dass ein Haus weiter ein bebautes Grundstück der Firma Baruch Strauss o.H.G. im Jahr 1937 an die Stadt Frankfurt für gerade mal 40.000 Reichsmark (etwa 200.000 Euro) zwangsverkauft wurde.
»Der Nazi Crime Atlas ist ein digitales ortsbezogenes Fundbuch.« Wolfgang Hauck, Initiator des Projekts
Der Unterschied zwischen der Frankfurt History App und dem Nazi Crime Atlas besteht darin, dass Letzterer die ganze Bundesrepublik umfasst und sich primär auf Gerichtsakten stützt. Zu jedem verzeichneten Verbrechen ist eine Aktennummer angegeben, um Interessierten einen Anhaltspunkt zur Eigenrecherche zu geben.
Die Geschichte des Café Falk ist in der App nicht besonders ausführlich dargestellt. Weitere Informationen findet man beispielsweise bei lokalen Initiativen wie dem Projekt »Jüdisches Leben in Frankfurt«. Nicht nur die Inneneinrichtung wurde zerstört, erfährt man dort, sondern die Nachbarn plünderten zudem die Vorräte des Cafés. Walter, der Sohn des Besitzers Benno Falk, wurde kurze Zeit später mit dem Kindertransport nach England gerettet.
»Die App ist ein digitales ortsbezogenes Fundbuch«, sagt der Initiator des Projekts, Wolfgang Hauck, der Jungle World. »Wir haben die Akte, die Beschreibung und den Hinweis, wo man die Akte in den Archiven finden und einsehen kann.« 25.000 Akten sollen für mehrere Karten ausgewertet werden. In der ersten und bislang einzigen Karte sind rund 3.000 Pins der Reichspogromnacht verzeichnet, 14 weitere Karten mit zusätzlichen Verbrechenskomplexen sollen hinzukommen. »Trotz der großen Anzahl gibt es eine große Dunkelziffer in dem Nazi Crime Atlas, dort, wo keine Verfahren stattfanden, weil Opfer und Täter verstorben waren und keine Anklagen erfolgten«, ergänzt Edith Raim, die den Datenbestand erarbeitet hat, im Gespräch mit der Jungle World. Vorerst beschränke sich die Auswahl auf Deutschland, eine internationale Erweiterung sei geplant.
Karten zu NS-Verbrechen sind unvermeidlich lückenhaft. Verbrechen geschahen praktisch überall. Allein in Frankfurt sind mehr als 1 800 Stolpersteine verlegt. Eine App kann also nicht den Anspruch haben, Geschehnisse vollumfänglich abzubilden. »Wir wollen die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung befördern«, sagt Hauck. Vorbild dafür sei die geschichtliche Aufarbeitung in Landsberg gewesen.
Nach dem gescheiterten Putschversuch von 1923 saß Hitler in der oberbayerischen Kreisstadt ein und schrieb dort im Gefängnis »Mein Kampf«. In der Stadt und um sie gab es später zahlreiche KZ-Außenlager. Eines davon, landläufig als »War Criminal Prison Number 1« bekannt, wurde nach dem Krieg von den Alliierten als Gefängnis für die Nazi-Verbrecher genutzt, zudem gab es in Landsberg eines der größten Camps für sogenannte displaced persons. Die zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, die sich gegen erhebliche Widerstände für die Erinnerung in Landsberg eingesetzt haben, seien eine Inspiration für den Nazi Crime Atlas gewesen, so Hauck.
Für die Zukunft ist geplant, dass sich Akteur:innen, die sich mit der NS-Geschichte beschäftigen, an der Entwicklung der App beteiligen können. Ihnen soll zum Beispiel ermöglicht werden, die Fälle ausführlicher darzustellen oder die Kartenmarkierungen genauer zu platzieren. Angesichts der überwältigenden Menge dokumentierter Verbrechen scheint eine Beteiligung etwa ortskundiger Initiativen unbedingt notwendig, um ein präzises Bild zu vermitteln. Auch der Pin für das Café Falk ist nicht genau platziert, sondern ungefähr zwei Häuserblocks versetzt. Gibt es die Möglichkeit, solche Ungenauigkeiten zu korrigieren und mit weiteren Recherchen zu ergänzen, könnte der Nazi Crime Atlas durchaus dazu beitragen, das Geschichtsbewusstsein vor Ort zu fördern.