Längst zu Fuß unterwegs
»Keine Atempause, Geschichte wird gemacht«, sangen einst die Fehlfarben, und eigentlich passt die Zeile ja viel besser in unsere Zeit als auf die im Rückblick so wunderbar beschaulichen Achtziger. Doch nicht nur für die Chronist:innen der Gegenwart, sondern auch in der Wissenschaft weht der einst von Helmut Kohl beschworene Mantel der Geschichte seit einiger Zeit heftig – jedenfalls wenn man den Pressemitteilungen von Forschungsinstituten Glauben schenkt, insbesondere aus dem anglophonen Sprachraum.
»1,5 Millionen alte Werkzeuge aus Knochen schreiben die Frühgeschichte der Menschheit neu«, heißt es da etwa; auch die Evolution der Dinosaurier wird durch Fossilfunde permanent »neu geschrieben«, und geht es nach der Schlagzeile, der gemäß zwei neue Formen von Salzwasser »die fundamentale Chemie neu schreiben«, müssen sogar ganze Lehrbücher eingestampft werden.
Universitäten im Konkurrenzkampf der Aufmerksamkeitsökonomie
Nun ist es natürlich nicht so, dass derzeit eine umwälzende Entdeckung die andere jagt – vielmehr müssen sich auch Universitäten im Konkurrenzkampf der Aufmerksamkeitsökonomie behaupten, und ein ehrliches »Erkenntnis XY ergänzt unser Wissen im Bereich YZ« hätte da keine Chance. Außerdem dürften auch in diesem Sektor mittlerweile Chat GPT und andere KI-basierte Textgeneratoren fleißig voneinander abschreiben und so die Inflation geschichtsträchtiger Forschungsergebnisse anheizen.
In diesem Wust können wirklich bahnbrechende Entdeckungen schnell mal untergehen. Etwa eine jüngst veröffentlichte Studie über fossile Spuren aus Australien, die, man ahnt es, »die Geschichte der Evolution neu schreiben« könnte. Was in diesem Fall jedoch ausnahmsweise nicht übertrieben ist.
Für die Paläontologie handelt es sich um eine historische Entdeckung, die eine sensationsheischende Schlagzeile rechtfertigt.
Dem schwedisch-australischen Forschungsteam zufolge stammen die Abdrücke krallenbewehrter Füße aus dem frühen Karbon vor etwa 359 bis 350 Millionen Jahren und wurden von einem urtümlichen Reptil oder engen Reptilienverwandten hinterlassen. Damit entstanden sie mindestens 35 Millionen Jahre früher als die bisher ältesten entdeckten Fährten früher Kriechtiere: also in einer Zeit, von der man bisher annahm, dass überwiegend fischartige Amphibien mit schwachen Beinen das Land bevölkerten, während die gemeinsamen Vorfahren von Reptilien und Säugetieren sich mit dem Legen vor Austrocknung geschützter Eier erst noch von der Fortpflanzung im Wasser emanzipieren mussten.
Die australischen Spurenfossilien legen jedoch nahe, dass diese als Amnioten bezeichnete Gruppe sich nicht nur weit früher entwickelte als gedacht, sondern sich zu dem Zeitpunkt, als das echsenartige Tier über den feuchten Boden lief, bereits in die Vorläufer seiner beiden heutigen Linien aufgespalten hatte.
Für die Paläontologie ist das tatsächlich eine historische Entdeckung, die eine sensationsheischende Schlagzeile rechtfertigt. Zumindest bei der Erforschung der frühesten Vierbeiner gilt also: Es geht voran.