Jungle+ Artikel 12.06.2025
Lucia Bruns, Erziehungswissenschaftlerin, im Gespräch über Soziale Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen

»Es müssen Grenzen gesetzt werden«

Weil junge und gewaltbereite Neonazi-Gruppen stärker in Erscheinung treten, fordern Politiker wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), die Sozialarbeit zu stärken. Die »Jungle World« sprach mit der Erziehungswissenschaftlerin Lucia Bruns über die Grenzen der Sozialen Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen und die Gründe für das Scheitern des Vorgehens in den neunziger Jahren.

Überrascht Sie das derzeitige Erstarken junger Neonazi-Gruppen?
Ich bin vor allem darüber überrascht, dass viele so überrascht sind. Also diese Frage: »Wo kommen die denn auf einmal her?« Mit Blick auf meine Forschung kann ich sagen, dass es sich durchaus lohnt, in die neunziger Jahre zurückzuschauen, wenn wir verstehen wollen, was da gerade passiert. Gerade wird jedoch suggeriert, es hätte seit den Neunzigern keine rechtsextreme Jugendkultur gegeben, jetzt aber sei eine krasse Zäsur erfolgt und die Nazis seien plötzlich wieder da. Das stimmt so natürlich nicht. Es hat immer rechtsextreme Jugendkulturen und rechte Gewalt gegeben.

Auch vom Erscheinungsbild her hat man das Gefühl, 30 Jahre zurückkatapultiert worden zu sein.
Die Ästhetik und Inszenierung dieser Gruppen spielt stark mit den neunziger Jahren, in einer Intensität, die bemerkenswert ist. Gleichzeitig laufen alle Teenies gerade herum wie in den Neunzigern. Da finde ich es nicht überraschend, dass auch Nazis den Hype um die Neunziger aufgreifen, nur eben im rechtsextremen Gewand. Das Thema Rechtsextremismus funktioniert medial in Empörungswellen. Mal wieder sind es die typischen Springerstiefel-Nazis, die abgebildet werden – dieses Stereotyp, bei dem man dachte, es würde einem in dieser Drastik nicht mehr begegnen.

Was ist Ihnen noch aufgefallen?
Im Kontext der Razzien bei mutmaßlichen Mitgliedern der Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« wurde oft gesagt, die sogenannten Baseballschlägerjahre seien zurück: Es handle sich quasi um die Söhne der Täter von damals. Gruppen wie diese sind natürlich männlich dominiert. Aber es gibt ja nicht nur heranwachsende Männer. Man denke zum Beispiel an die Gruppe »Deutsche Mädels voran«, die gezielt junge Frauen rekrutiert. Hinzu kommt, dass dieser alleinige Fokus auf Jugendliche problematisch ist.

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