19.06.2025
Filme der afrikanischen und karibischen Diaspora in Großbritannien

Black Power zum Frühstück

Im Berliner City Kino Wedding gibt es ein paar filmische Raritäten zu sehen. Die Reihe »Pioneers of Black British Cinema« präsentiert Filme, die sich mit den Lebensumständen der sogenannten Windrush-Generation auseinandersetzen.

In »Pressure« (1976) von Horace Ové provoziert schon das morgendliche Frühstück eine identitätspolitische Debatte. Der 16jährige Tony verschmäht das »gute schwarze Essen« seiner Mutter und gibt fettigen englischen Nationalspeisen wie bacon and eggs und fish and chips den Vorzug. Sein älterer Bruder Colin, der in der Black-Power-Bewegung aktiv ist, rügt ihn für seine Essgewohnheiten – sie seien ebenso miserabel wie sein Musikgeschmack.

Während er Tony eine Lektion erteilt, schält er eine Avocado. Das englische »o« am Wortende lässt er demonstrativ weg, wenn er über die Frucht spricht: ein Exportprodukt aus Trinidad. Als Kind holte er sie dort noch massenhaft von den Bäumen, für die Menschen in seiner alten Heimat ist sie heute schwer verfügbar.

Kaum gibt Colin Ruhe, beginnt die Mutter, Tony Stress zu machen. Er soll das Bewerbungsgespräch nicht schon wieder versauen, mahnt sie, als wäre er selbst schuld, dass er noch immer ohne Arbeit dasteht. Dabei hat Tony trotz seines guten Schulabschlusses schon verloren, sobald er nur einen Fuß über die Türschwelle eines weißen Bürochefs gesetzt hat. Am Ende bleibt ihm nur ein schlechtbezahlter Aushilfsjob in einem Krankenhaus.

Die Filme des Black British Cinema spiegelten erstmals den Alltag der afrokaribischen Community, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Commonwealth in das Vereinigte Königreich migriert war.

Der in Trinidad geborene Regisseur Horace Ové hatte seine Laufbahn mit Dokumentarfilmen über den Kampf für Bürgerrechte begonnen, bevor er mit »Pleasure« als erster schwarzer britischer Regisseur einen Langfilm drehte. Im sozialrealistischen Stil, wie er für das Free Cinema und seine Geschichten über (weiße) Menschen aus der Arbeiterklasse prägend war, folgt die Kamera dem in London ­geborenen Teenager Tony (Herbert Norville) bei seinem Versuch, sich gegen die Wünsche der religiösen Eltern, den Einfluss des radikalisierten Bruders und den Realitäten der rassistischen weißen Mehrheitsgesellschaft zu behaupten und seinen Platz zu finden. Am Ende verdankt sich seine Politisierung jedoch weniger dem durch ständige Bevormundung Druck ausübenden Bruder als dem Engagement einer so besonnenen wie redegewandten Aktivistin.

In Zusammenarbeit mit dem »Arsenal on Location« (so lautet der Inter­imsname des bis zum Umzug in die neuen Räumlichkeiten im Kulturquartier Silent Green in verschiedenen Spielstätten gastierenden Berliner Programmkinos) widmet sich die von Henning Koch kuratierte Reihe »Pioneers of Black British Cinema« der Filmgeschichte der afrikanischen und karibischen Diaspora in Großbritannien. Mit der Präsentation wegweisender Arbeiten, die in den siebziger bis neunziger Jahren entstanden, schließt die Reihe an die gleichnamige Retrospektive im Rahmen des British Shorts Film Festival 2018 an. Wie schon vor sieben Jahren ist der Spielort das City Kino Wedding.

Die Filme des Black British Cinema spiegelten erstmals den Alltag der ­afrokaribischen Community, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Commonwealth in das Vereinigte Königreich migriert war. Insbesondere die Ankunft angeworbener Migrant:in­nen, die 1948 mit dem Schiff HMT Empire Windrush nach England kamen, um sich nach dem Zweiten Weltkrieg am Wiederaufbau zu beteiligen, war für das postkoloniale Großbritannien prägend.

Der Wunsch nach heller Haut. »Coffee Coloured Children« von Ngozi Onwurah

Der Wunsch nach heller Haut. »Coffee Coloured Children« von Ngozi Onwurah

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Arsenal

Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang und eine Zunahme der Einwanderung aus Afrika, der Karibik und Südasien in den sechziger und siebziger Jahren verschärften die Feindseligkeit der weißen Bevölkerung gegen die Mi­granten. Die Politik von Margaret Thatcher, die 1979 Premierministerin wurde, trug einiges dazu bei, die Angst vor Zuwanderung weiter zu schüren. In einem berüchtigten Fernsehinterview, das auch Eingang in John Akomfrahs essayistischen Film »Handsworth Songs« (1986) fand, warnte sie, Großbritannien laufe Gefahr, von Einwanderern »überschwemmt« zu werden.

Paradoxerweise kam es ausgerechnet unter Thatcher zur einer Belebung der diasporischen (Film-)Kultur. Diese profitierte von neuen Möglichkeiten der Finanzierung und des Vertriebs für unabhängige Filmproduktionen, die mit der »ACTT Workshop Declaration« und der Gründung des Fernsehsenders Channel 4 auf den Weg gebracht wurden. In den achtziger Jahren entstanden gleich mehrere schwarze Filmkooperativen, darunter auch das von John Akomfrah mitbegründete Black Audio Film Collective, das Sankofa Film and Video Collective und der von Menelik Shabazz initiierte Ceddo Film and Video Workshop, benannt nach einem Film des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène aus dem Jahr 1977 (Ceddo bedeutet frei übersetzt »der Widerstand einer Kultur«.)

Filme wie »Pressure« von Ové, »Coffee Coloured Children« (1988) von Ngozi Onwurah oder Isaac Juliens queerer Thriller »Young Soul Rebels« (1991) erzählen von Identitätssuche, Rassismus und Polizeigewalt. Ihr Blick richtet sich dabei jedoch nicht nur auf die rassistische weiße Gesellschaft, sondern ebenso auf die eigene Community: auf intergenerationelle Konflikte, kollidierende Lebensentwürfe, aggressiven Paternalismus und männliche Gewalt. Von heute aus betrachtet stellen die Filme über ihre dringlichen Themen hinaus ein kulturelles Archiv dar, das Zeugnisse von Musikgeschichte, Mode, Stil und sprachlichen Idiomen bewahrt.

Krempelt ihre Garderobe um. Pat (Cassie McFarlane) in »Burning an Illusion«

Krempelt ihre Garderobe um. Pat (Cassie McFarlane) in »Burning an Illusion«

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Der Film »Burning an Illusion« (1981) von Menelik Shabazz bildet die Identitätsfindung der 22jährigen Büroangestellten Pat (Cassie McFarlane) unter anderem anhand ihrer umgekrempelten Garderobe sowie ihrer Inneneinrichtung ab. Während die Symbole eines geordneten ­Mittelschichtlebens allmählich verschwinden, finden sich nun überall Bekenntnisse zur afrikanischen Herkunft. Ähnlich wie Ovés »Pressure« ist auch »Burning an Illusion« an die Dramaturgie eines Entwicklungsromans angelehnt.

Andere Filme des Black British Cinema versuchten dagegen, sich auch stilistisch von den Konventionen des etablierten Kinos zu distanzieren. Die Filmemacherin Ngozi Onwurah etwa mischt in ihren zwischen 1988 und 1994 entstandenen Kurzfilmen Reenactments, Performance, Tanz und Autobiographie, um sich sym­bolisch mit ihrem traumatisierten kindlichen Ich zu versöhnen.

Rassismus, abweichende Körperbilder und Sexualität

In »Coffee Coloured Children«, ihrem Abschlussfilm am Londoner Saint Martins College of Art and Design, bearbeitet sie ihre erschütternden Kindheitserfahrungen als Tochter einer britischen Mutter und eines nigerianischen Vaters in einem größtenteils weißen englischen Stadtviertel in Form einer experimentellen Erinnerungserzählung. Kurze Szenen, die von Ich-Erzählungen aus dem Off begleitet werden, bezeugen den Rassismus, der Onwurah und ihrem Bruder mit aller Wucht entgegenschlug und bei den Geschwistern quälenden Selbsthass auslöste. Die Versuche zweier Kinder, ihre Haut mit Reinigungspuder weiß zu schrubben, nehmen dabei immer manischere Formen an.

»The Body Beautiful« (1990) kreist um interkulturelle Beziehungen, abweichende Körperbilder und Sexualität. Im Zentrum steht Onwurahs kompliziertes Verhältnis zu ihrer weißen Mutter (von ihr selbst dargestellt), die ihren von einer Mastektomie gezeichneten Körper offen zeigt. Wie in anderen Filmen Onwurahs wird auch hier der verletzte, (selbst)verworfene Körper »wiedergeboren« und als ein Instrument von Handlungsmacht neu bestimmt.

Arsenal on Location: Pioneers of Black British Cinema. Vom 27. bis 29. Juni 2025 im City Kino Wedding