Die Toten mahnen
Am Fraenkelufer des Landwehrkanals in Berlin-Kreuzberg befindet sich auch heute noch eine Synagoge. Hier wirkte in den späten dreißiger Jahren Regina Jonas (1902–1944) als Seelsorgerin und Religionslehrerin. Sie war 1935 die erste Frau weltweit, die – gegen viele Widerstände – zur Rabbinerin ordiniert wurde. Nach ihrer Ermordung in Auschwitz geriet sie jahrzehntelang in Vergessenheit, erst in den Neunzigern wurde zu ihr geforscht. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg beschloss 2021, eine Straße nach ihr zu benennen, was aber bis heute nicht erfolgt ist.
Die Synagoge ist die erste Station bei »Diaspora und Dasein – Wege jüdischer und kurdischer Frauen«, einer neuen Stadtführung durch Kreuzberg, die der Verein »Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance« in diesem Sommer anbietet. Im Fokus stehen dabei Frauen und Initiativen, die sich gegen Patriarchat, Islamismus, Antisemitismus und Rassismus einsetzten oder direkt darunter zu leiden hatten.
Besonders das Thema der Repräsentation regt zum Nachdenken an. Warum geht es mit den Umbenennungen von Straßen und Plätzen oft so schleppend voran? Warum wissen die meisten Menschen eigentlich so wenig über die Geschichte ihrer Nachbarschaften?
Das Kottbusser Tor ist die nächste Station der kleinen Gruppe aus 15 Frauen und zwei Männern. Hier stellen die beiden Führerinnen Mascha und Soma Menschen vor, die durch Gewalttaten der faschistischen Grauen Wölfe und Femizide ums Leben kamen. Eine Stele erinnert dort an den türkischen Kommunisten Celalettin Kesim, der dort 1980 bei einem Angriff von türkischen Islamisten und Faschisten erstochen wurde; der Täter wurde nie ermittelt. Für die zahlreichen Opfer von Femiziden gibt es bis heute keine dauerhafte Gedenkstätte, auch darauf möchte der Verein aufmerksam machen.
In der geschichtlichen Aufarbeitung weiblichen Widerstands gegen das NS-Regime bestehen ebenfalls blinde Flecken. »Die Geschichte des Widerstands war immer militär- und männerzentriert«, sagt Mascha, als sie beginnt, von Eva Mamlok (1918–1944) zu erzählen. Das jüdische Mädchen war nicht einmal 14 Jahre alt, als es 1932 ans Dach eines Kaufhauses »Nieder mit Hitler!« malte. Später führte sie eine antifaschistische jüdische Frauengruppe an, die vor allem Flugblätter druckte und verteilte. 1944 starb sie im KZ Stutthof. 2024 erinnerte eine Ausstellung im Bezirksmuseum an sie. Eine Umbenennung des Blücherplatzes in Eva-Mamlok-Platz ist in Planung.
Zweisprachige Kita
Eine weitere Station des Stadtrundgangs ist das interkulturelle Familienzentrum Rengîn des Vereins Yekmal. Dort finden kurdische und andere Kreuzberger einen Treffpunkt, Beratung und eine bei den Eltern sehr beliebte zweisprachige Kita. Diese sei besonders wichtig, da kurdische Sprachen in der Türkei lange unterdrückt wurden, sagt Soma.
An Familien richtet sich auch das letzte Projekt, das bei der Führung vorgestellt wird. Die Parents Circle Friends, eine israelisch-palästinensische Nichtregierungsorganisation, gibt es seit 2024 auch in Deutschland. Die Initiative unterstützt und vernetzt palästinensische und israelische Familien, die im Dauerkonflikt zwischen beiden Seiten Angehörige verloren haben und sich für ein friedliches Zusammenleben engagieren möchten.
»Blinde Flecken« mancher Friedensinitiative
Die in Berlin ansässige Israelin Vered Berman hat das Projekt nach Deutschland geholt. Ihre Mutter wurde 2003 in der Zweiten Intifada bei einem Selbstmordattentat der Hamas getötet – trotzdem engagiert sie sich für Friedensarbeit und Dialog. Berman kritisiert allerdings auch die »blinden Flecken« manch anderer Friedensinitiativen, die Terrorverherrlichung, oder die Aussage mancher, dass jede Art von Widerstand legitim sei.
Nach gut drei Stunden endet der Stadtrundgang. Besonders das Thema der Repräsentation regt zum Nachdenken an. Warum geht es mit den Umbenennungen von Straßen und Plätzen oft so schleppend voran? Warum wissen die meisten Menschen eigentlich so wenig über die Geschichte ihrer Nachbarschaften? Das Ziel von Pek Koach, mit dem Rundgang zum »Zuhören, Nachdenken und Austausch« anzuregen, wurde also erreicht.