Das Geschlecht des Kapitalismus
Dass der Kapitalismus ein Geschlecht hat, ist fraglos. Sein grammatikalisches (männlich) und soziales (patriarchal) stimmen – bisher – überein. Aber benötigt er per definitionem ein Geschlecht beziehungsweise ein hierarchisches Geschlechterverhältnis? Ist die kapitalistische Gesellschaft auf Geschlechtszuschreibungen angewiesen, braucht sie diese Dichotomien zwischen männlich und weiblich für den reibungslosen Ablauf? Obwohl die feministische Theorie voll von Auseinandersetzungen mit dem Kapitalismus ist, wird die Frage, ob das Patriarchat ihm immanent ist, auffallend selten gestellt. Im feministischen Kontext bezweifelt niemand die Existenz einer Hierarchie im Geschlechterverhältnis. Jede Statistik, jedes noch so kleine Untersuchungsfeld offenbart eine geschlechtliche Asymmetrie – in der Regel zu Ungunsten von Frauen.
Wir wollen die Frage diskutieren, ob der Kapitalismus ein Geschlecht zwingend braucht, in dem Wissen, dass es eine theoretische ist, bei der es nicht um eine Zustandsbeschreibung der gewaltvollen, patriarchalen Gesellschaft geht. Will heißen: Wir wissen selbstverständlich um den untragbaren Status quo, was das Geschlechterverhältnis angeht. Gleichzeitig wissen wir um die erkämpften Verbesserungen durch die Frauenbewegung mindestens seit Anfang der zwanziger Jahre. Wir halten an den Begriffen »Frauen« und »Männer« fest und benutzen sie ohne Zusätze von Sternchen oder Unterstrichen, weil diese Begriffe der harten Realität der Kategorisierung entsprechen, die nicht zu beschönigen ist. Das bloße Nennen von zwei Geschlechtern schreibt diese nicht fest, im Gegenteil: Wer sich der Begriffe selbst beraubt, kann die Zustände nicht einmal mehr beschreiben.
In den über 25 Jahren feministischer, linksradikaler Politik des AFBL ist das Verhältnis von Kapitalismus und Geschlecht eines der Grundthemen. Der Satz »Der Kapitalismus kann ohne Frauenunterdrückung nicht existieren« begegnet uns so oder ähnlich in den meisten Texten vom Ende der Siebziger bis heute, vom Flugblatt bis zur Dissertation. Die Frage, ob das so eigentlich stimmt, bildet die Grundlage dieses Textes. Über etwa drei Jahre haben wir ältere und neuere Texte feministischer Kapitalismuskritik diskutiert. Unsere Analyse nimmt Deutschland in den Blick, wir geben keine globale Antwort zum Zustand des Geschlechterverhältnisses und beziehen uns auf Diskussionen, die für den linken Feminismus unserer Gruppe relevant sind.
Eine neue Definition von Arbeit?
Viele feministische Texte, vor allem die der feministischen Ökonomiekritik, beschäftigen sich im Kern mit dem Thema Arbeit. Zum einen ist Arbeit aus marxistischer Sicht eine der zentralen Kategorien, um den Kapitalismus zu verstehen. Zum anderen spielt sie auf der Alltagsebene eine entscheidende Rolle. Es ist also naheliegend, dass linke Feminist:innen auch das Geschlechterverhältnis in Bezug zur Arbeit diskutieren. Insbesondere unbezahlte, vornehmlich von Frauen erbrachte Tätigkeiten – mal Reproduktionsarbeit, mal Care-Arbeit oder Fürsorgearbeit genannt – werden in einen Arbeitsbegriff aufgenommen, der sich an Marx orientiert. Weil Marx die Grundlage der Kapitalismuskritik geliefert hat, scheint auch die Geschlechterdiskussion mit marxistischer Terminologie geführt werden zu müssen, um dafür zu sorgen, dass diese Formen der Arbeit auf theoretischer Ebene ernst genommen werden.
Der Arbeitsbegriff, der einem in der Lektüre verschiedener feministischer Auseinandersetzungen mit Reproduktion und (Haus-)Arbeit begegnet, unterscheidet sich in vielen Fällen allerdings grundlegend von Marx’ Arbeitsbegriff. Für Marx gilt unter dem Gesichtspunkt kapitaler Herrschaft über die Produktion nur Lohnarbeit als produktiv, weil sie Mehrwert für das Kapital produziert. Dieser entsteht – kurz gesagt – wenn pure Arbeitskraft gekauft wird, wobei der Wert der Arbeitskraft, sprich ihre Reproduktionskosten, niedriger liegt als der Wert, der durch ihre Ausbeutung produziert wird. Unter abstrakter Arbeit versteht Marx Arbeit, bei der Tauschwert entsteht. Der Wert der Ware Arbeitskraft, der sich als ihr Preis zeigt, hängt davon ab, was zu ihrer Reproduktion notwendig ist. Zum einen Teil müssen für diesen Preis, sprich den Lohn, Waren erworben werden, zum anderen Teil muss er dafür sorgen, dass auch die familiale Reproduktion gesichert wird; je weniger Anteil dafür benötigt wird, umso besser. Die Hausarbeit ist folglich nicht produktiv, wird aber als Reproduktionsarbeit mitbezahlt, jedoch so erbärmlich und obendrein indirekt, dass es scheint, als wäre sie unbezahlt. Sie steht vollkommen im Schatten der Mehrwerterzeugung. Dies gilt auch für emotionale und sonstige Fürsorgearbeit.
Obwohl die feministische Theorie voll von Auseinandersetzungen mit dem Kapitalismus ist, wird die Frage, ob das Patriarchat ihm immanent ist, auffallend selten gestellt.
Dieser Sichtweise verweigern sich viele feministische Autor:innen. In dem 2023 erschienenen Sammelband »Materializing Feminism« wird sogar so weit gegangen, soziale Beziehungen mit Arbeitsverhältnissen gleichzusetzen, denn auch Freundschaften und Partnerschaften seien transaktional und schüfen Mehrwert, so die Herausgeber:innen Friederike Beier, Lea Haneberg und Lisa Yashodhara Haller in der Einleitung. Auch Renate Lorenz und Brigitta Kuster, die Herausgeber:innen von »Sexuell Arbeiten«, hatten schon 2007 einen eher entgrenzten Arbeitsbegriff: Hier gibt es quasi kein Handeln mehr, das nicht als Arbeit beschrieben würde, selbst das Backen eines Geburtstagskuchens wird zur marktwirtschaftlichen Tat.
Unbezahltes Putzen und Kochen, die Pflege von Familienangehörigen und Kinderbetreuung können anstrengend und nervend sein. Nennt man all das aber einfach Arbeit, werden nahezu alle menschlichen Regungen und Tätigkeiten, vor allem die unangenehmen oder anstrengenden, unter den Begriff von Arbeit subsumiert, der für den direkten Austausch zwischen Kapital und Arbeitskraft gilt. Wer jede soziale Handlung als Arbeit in diesem Sinn deklariert, unterscheidet am Ende nicht mehr zwischen Leben und Arbeit. Der Analysekategorie Arbeit tut man damit keinen Gefallen – und auch nicht der feministischen Forderungen, Hausarbeit ernst zu nehmen und auf ihre Rolle in der kapitalistischen Produktionsweise aufmerksam zu machen. Was daran bei allem Verständnis für das Anliegen kritikabel ist, versuchen wir folgend anhand verschiedener Autorinnen und Texte nachzuzeichnen.
Die italienische Feministin Mariarosa Dalla Costa bezeichnet in »Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft« (1974 auf Italienisch veröffentlicht: »Potere femminile e sovversione sociale«) Frauen im Rahmen der Familie als »Proletarier ohne Lohn«, denen eine tragende Rolle im Produktionsprozess zukomme, nämlich die der Reproduktion der Ware Arbeitskraft. Hausarbeit geht nach Dalla Costa weit über die Produktion von Gebrauchswerten hinaus, erfüllt eine wesentliche Funktion in der Produktion von Mehrwert und ist als solche selbst produktiv. Sie nennt das den »gesellschaftlich produktiven Charakter der Tätigkeit der Frau im Haus«. Dabei setzt sie, wie erstaunlicherweise auch viele andere Autor:innen in der aktuellen Debatte um Care-Arbeit, ganz selbstverständlich eine klassische Rollenverteilung voraus, in der die Frau den Haushalt schmeißt und die Kinder erzieht, während sich der Mann von der Lohnarbeit erholt. Übersehen werden bei diesem simplen Gesellschaftsbild die Arbeiterinnen und dass auch Ehefrauen von Kapitalisten Mahlzeiten zubereiten – macht sie das auch zu lohnlosen Proletariern?
Warum Feminist:innen in dieser Debatte die klassischen Geschlechterrollen antizipieren und diese als dem Kapitalismus inhärent ansehen, haben wir uns in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Geschlecht und Kapital oft gefragt. Es ist frustrierend, dass diese gesellschaftliche Zuschreibung im linken Feminismus verfestigt ist. Dass Frauen nicht lohnarbeiten würden, geht an der Realität, insbesondere des sogenannten Proletariats, vorbei.
Wer jede soziale Handlung als Arbeit deklariert, unterscheidet am Ende nicht mehr zwischen Leben und Arbeit. Der Analysekategorie Arbeit tut man damit keinen Gefallen – und auch nicht der feministischen Forderungen, Hausarbeit ernst zu nehmen.
Ohne Zweifel, für die Existenz des Kapitalismus ist unbezahlte oder zu niedrigen Löhnen verrichtete Arbeit und Hausarbeit wesentlich. Warum diese aber mehrheitlich von Frauen verrichtet wird, bleibt unbeantwortet, wenn der Schwerpunkt nur darauf liegt, den Arbeitsbegriff auszudehnen, der die Marktbeziehung zwischen einem souveränen Anbieter und einem souveränen Käufer voraussetzt. Es ist für eine Analyse des Kapitalismus nicht nötig, Haus- und Fürsorgearbeit darunter zu subsumieren. Mehr noch, es schadet der Kritik des Kapitalismus und der Kritik des Patriarchats, Begriffe zu verwässern, nur um beides zusammen diskutieren zu können. Wir können uns ohne Probleme auch nichtkapitalistische Gesellschaften vorstellen, in denen die Hausarbeit immer noch an den Frauen hängenbleibt.
Auch die sogenannten Bielefelderinnen um Maria Mies und Claudia von Werlhof rücken mit ihrem Ende der siebziger Jahre geprägten Begriff der »Hausfrauisierung« nicht von der Vorstellung ab, dass Hausarbeit am Ende von Frauen zu leisten ist. Mit dem Begriff sollte zwar aufgebrochen werden, dass sich der gängige Marx’sche Ausbeutungsbegriff primär auf Lohnarbeit von Männern bezieht. Dass Lohnarbeit von vornherein als eine von Männern ausgeführte Tätigkeit gedacht wird, nehmen aber auch sie widerspruchslos hin.
Die Bielefelderinnen benennen mit Hausfrauisierung einen Prozess der Entwertung und Unsichtbarmachung von Arbeit, mit dem das Kapital Frauenarbeit separiert und ausbeutet. Sie beziehen sich also nicht nur auf die Hausarbeit selbst, sondern auch auf die »strukturelle Bedingung für die Entwertung aller weiblichen Erwerbsarbeit im Kapitalismus«. Zur Analyse des Kapitalismus sei es essentiell, Hausarbeit nicht nur anzuerkennen, sondern auch als Form der Arbeit zu untersuchen. Global gesehen sei die vorherrschende Arbeitsform die Subsistenzarbeit, ohne permanente Beschäftigung und gesellschaftliche Anerkennung, wozu auch Hausarbeit gehöre. Um Kapitalismus zu verstehen, müsse Hausarbeit als zentral begriffen werden, denn, wie von Werlhof es 1983 ausdrückte: »Im Grunde ist die Hausarbeit, nicht Lohnarbeit, das ›Modell‹ von Arbeit im Kapitalismus.«
Käthe Knittler geht in »Feministische Kritik an der Marxschen Wertlehre« (2005) auf die Verdienste der Bielefelderinnen ein und sagt ebenfalls, dass Kapitalismuskritik ohne die Debatte zur Hausarbeit nicht möglich sei. Es kommt jedoch weder in den Texten der Bielefelderinnen noch bei Knittler zu einer Analyse der Entstehung des Kapitalismus oder des Patriarchats. So spricht Knittler zwar nicht der Hausarbeit den Primat im Kapitalismus zu, doch sei unbezahlte Arbeit Existenzbedingung des Kapitalismus. Dieser Zustand scheint überhistorisch zu sein, es wird nicht aufgezeigt, wie genau er entstand. Dass Kapitalismus eine Geschlechterhierarchie braucht und Reproduktion den Frauen zugeteilt ist, wird hier schlicht zum Fakt erklärt.
Marx geht in seiner Analyse der Produktionsverhältnisse so gut wie nicht darauf ein, dass Menschen im Kapitalismus nicht nur durch das Klassenverhältnis ausgebeutet werden, sondern etwa auch durch das Geschlechterverhältnis. Dass sich dieses jedoch schon vor der Entstehung des Kapitalismus ausgeprägt hat und in ihm nur eine spezifische Form annimmt, verdient eine angemessene Analyse. Eine solche hat die österreichisch-US-amerikanische Historikerin Gerda Lerner in ihren beiden Werken »Die Entstehung des Patriarchats« (1986 auf Englisch unter dem Titel »The Creation of Patriarchy« erschienen) und »Die Entstehung des feministischen Bewusstseins: Vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung« (1993) vorgelegt. Lerners Position ist, dass Kapitalismus und Patriarchat sich wechselseitig beeinflussen, jedoch nicht zwingend der gleichen Logik unterliegen oder sich ausschließlich zusammen denken lassen. Jede Form von Gesellschaft zum Zweck der Kooperation und des Miteinanderlebens ist arbeitsteilig organisiert, was wiederum nicht heißt, dass dies ausschließlich ökonomisch begründet ist. Hausarbeit wird in jeder Form von Gesellschaft notwendig bleiben. Dass sie im Kapitalismus oft ein geschlechtsspezifisches Verhältnis zum Nachteil der Frauen darstellt, von dem der Kapitalismus wesentlich profitiert, ändert sich nicht allein dadurch, Hausarbeit als Arbeit anzuerkennen. Das geht an einer emanzipatorischen Kritik der Verhältnisse geradezu vorbei, da es nicht auf die Abschaffung patriarchaler Strukturen zielt.
Wie sehr auch in linksradikalen Debatten tradierte Vorstellungen von Geschlechterrollen vorherrschen, offenbart ein weiterer Blick in »Materializing Feminism«. Lisa Yashodhara Haller unterstellt dort Frauen, die sich dem Diktum des Haushalts und Kinderkriegens entziehen, einem männlichen Phantasma von Autonomie nachzueifern, und sieht darin eine Unterwerfung unter die kapitalistische Logik. Gleichstellung gehe immer auch mit einer Abwertung von Fürsorgetätigkeiten einher. Haller plädiert daher für eine Anerkennung der »besonderen weiblichen Lebensweise«.
Fürsorge als weiblich zu bezeichnen, ist essentialistisch und zynisch – es verfestigt die Geschlechterhierarchie, indem Tätigkeiten Geschlechtern zugewiesen werden. Selbst wenn es zu einer gesellschaftlichen Aufwertung von als weiblich konnotierten Handlungen kommen sollte, würde das ja nicht automatisch zu einer Auflösung von Geschlechtshierarchien führen. Die binär gedachte Vergeschlechtlichung von Tätigkeiten und die historisch gewachsenen patriarchalen Zuschreibungen blieben bestehen. Außerdem verkennt die Vorstellung von der vermeintlich weiblichen Fürsorgearbeit jenseits ökonomischer Zwänge, die für manche Autor:innen gar ein revolutionäres Moment birgt, die Systematik und Totalität der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Frauen, die keiner Lohnarbeit nachgehen, sind ihrer Wirkweise ausgesetzt.
Zwar gibt der Kapitalismus der Ausbeutung von Frauen einen spezifischen Charakter, aber er ist eben nicht ausschließlich für das herrschende Geschlechterverhältnis verantwortlich. Das Argument, im Kapitalismus brauche es die unbezahlte Hausarbeit für den Erhalt der Ware Arbeitskraft, erklärt nicht das Ausmaß des gesellschaftlichen Sexismus, Gewalt gegen Frauen und Femizide. Für das hierarchische Geschlechterverhältnis spielen auch soziale, kulturelle, politische, individuelle und nicht zuletzt historische Faktoren eine Rolle.
Henne und Ei
Die Frage, was zuerst da war, der Kapitalismus oder das Patriarchat, lässt sich historisch eigentlich einfach beantworten. Lange vor der Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse gab es bereits Frauenunterdrückung und Männerherrschaft, ein Blick auf die Geschichte des Christentums – und jede andere monotheistische Religion – genügt hier schon.
Das Patriarchat, als Herrschaft des Mannes über Frau und Kinder, existierte lange vor der bürgerlichen Kleinfamilie. In »Die Entstehung des Patriarchats« sieht Gerda Lerner die Wurzeln des Patriarchats im Aufstieg der Landwirtschaft und damit der Sesshaftwerdung, was die Entwicklung des Privateigentums und die Kontrolle der Fortpflanzung – also der Körper von Frauen – zur Sicherung von Erbschaften zur Folge hatte. »Die Periode der ›Durchsetzung des Patriarchats‹ war nicht ein Ereignis, sondern ein Prozess, der sich (…) ungefähr von 3100 bis 600 v. Chr. vollzogen hat.« In Lerners Darstellung erlangten Männer die Kontrolle über Arbeit und Sexualität der Frauen, als die Gesellschaften komplexer und hierarchischer wurden. Die historische Abfolge ist also ganz klar: Erst kam die Unterdrückung von Frauen, die sich zum Patriarchat entwickelte, später die Klassengesellschaft. Seit es beide gibt, bedingen und formen sie sich gegenseitig, auch im Kapitalismus.
Manchen reicht das historische Argument nicht (auch wenn dann schnell Jahrtausende von Frauenunterdrückung vor der Industrialisierung ignoriert werden). Ein prominentes Beispiel ist die Wertkritikerin Roswitha Scholz. Sie geht von einem »warenproduzierenden Patriarchat«, einer Gleichursprünglichkeit von Kapitalismus und Patriarchat aus. Sie hat vielfach über die Schnittmenge von Geschlecht, Klasse und Kapitalismus geschrieben und die traditionelle marxistische Theorie dafür kritisiert, dass sie die spezifischen Formen der Ausbeutung von Frauen übersehen hat. Insbesondere hat sie das sogenannte Wertabspaltungstheorem in Bezug auf die geschlechtliche Arbeitsteilung entworfen und betont, dass Frauen historisch und aktuell in großem Umfang unbezahlte Sorgearbeit leisten, die nicht als Teil der kapitalistischen Wertschöpfung erfasst werde, aber notwendig für das System sei. Bekannt wurde sie unter linken Feminist:innen mit dem Text »Der Wert ist der Mann« (1992). Für Scholz spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass es Frauenunterdrückung schon vor dem Kapitalismus gegeben hat. Durch die Entstehung von Klassenverhältnissen und Privateigentum sei es zu einer Verschärfung von Geschlechterhierarchien gekommen, die das ganze Geschlechterverhältnis spezifisch veränderten. So wird dann begründet, warum die Zeit davor zu vernachlässigen sei. In ihrer Sichtweise ist ein Kapitalismus ohne Unterdrückung von Frauen nicht denkbar.
Das Argument, im Kapitalismus brauche es die unbezahlte Hausarbeit für den Erhalt der Ware Arbeitskraft, erklärt nicht das Ausmaß des gesellschaftlichen Sexismus, Gewalt gegen Frauen und Femizide.
Diese Annahme begegnet einem in ganz unterschiedlichen theoretischen Zusammenhängen immer wieder. Zum Beispiel verortet auch die bereits erwähnte Mariarosa Dalla Costa im Kontext des italienischen Operaismus der siebziger Jahre trotz aller Unterschiede das ihr gegenwärtige Geschlechterverhältnis zuvörderst im Kapitalismus, wenn sie schreibt: »Die Unterdrückung der Frau beginnt keineswegs mit dem Kapitalismus. Was mit dem Kapitalismus begann, war die noch intensivere Ausbeutung der Frauen als Frauen – und die Möglichkeit ihrer Befreiung.« Für Dalla Costa war die Befreiung der Frau nur durch die Abschaffung des Kapitalismus zu erreichen. Sie wollte die Frau sogar als Hausfrau festschreiben, damit sie ihr revolutionäres Potential nicht einbüßte.
Auch die Bielefelderinnen gingen davon aus, dass das Geschlechterverhältnis kein Relikt aus vorkapitalistischer Zeit sei, sondern sich im Kapitalismus spezifisch entwickelt habe. Dass der Kapitalismus an allem schuld sei und, wenn er abgeschafft werde, sich das Geschlechterverhältnis verbessere, das schreiben so oder so ähnlich auch Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser in ihrem Manifest »Feminismus für die 99 Prozent«, mehrere Autor:innen des Sammelbands »Materializing Feminism« und viele andere. Zwar äußern sie sich nicht unmittelbar zu dem historischen Bedingungsgefüge, wohl aber zur Befreiungsperspektive. Dass während der zweiten Frauenbewegung die Genossen eher durch die Verwendung marxistischen Vokabulars als durch die Kritik alltäglicher Verhaltensweisen zu überzeugen waren, ist vielleicht noch nachvollziehbar. Heute muss dieser Umweg nicht mehr genommen werden, um zu erklären, warum die Geschlechterhierarchie überwunden gehört.
Einen historischen Blick auf diese Hierarchie zu werfen, heißt allerdings nicht automatisch, dass der Beginn des patriarchalen Geschlechterverhältnisses vor dem Kapitalismus angesetzt wird. So kehrt Silvia Federici in »Caliban und die Hexe« (2004) das Bedingungsgefüge mehr oder weniger um. Sie ist der Auffassung, dass die Entstehung des Patriarchats eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus vom 15. bis 17. Jahrhundert verbunden gewesen sei. Die Jahrtausende davor, in denen es bereits hierarchische Geschlechterverhältnisse gab, werden auch von ihr weitgehend ignoriert. Federicis Interpretation besagt, dass Frauen vor dem Aufstieg des Kapitalismus eine viel zentralere Rolle im sozialen und wirtschaftlichen Leben spielten, als gemeinhin angenommen wird. Sie seien in der Landwirtschaft, im Handwerk und in anderen Formen der Subsistenzarbeit aktiv gewesen und hätten oft soziale und politische Macht gehabt. Der Kapitalismus habe eine neue Arbeitsteilung auf der Grundlage des Geschlechts geschaffen, in der Frauen in die Sphäre unbezahlter reproduktiver Arbeit verbannt worden seien, die wiederum für das Funktionieren des Kapitalismus wesentlich sei.
Im Gegensatz zu Lerner nimmt Federici also an, dass die Entstehung des Patriarchats eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus verbunden gewesen sei, der die sozialen Beziehungen verändert und neue Formen der Ausbeutung und Unterdrückung geschaffen habe. Federici behauptet sogar, dass Frauen ihr Leben vor dem Kapitalismus freier gestalten konnten und es ihnen in Bezug auf das Geschlechterverhältnis besser gegangen sei. So begreift sie die Hexenverfolgung als »Krieg gegen die Frauen, der sich über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahrhunderten hinzog« und »ein Wendepunkt der europäischen Frauengeschichte war. Er war gewissermaßen der ›Sündenfall‹ im Prozess gesellschaftlicher Abwertung, den die Frauen beim Aufstieg des Kapitalismus durchliefen.«
Alles in allem bezweifeln wenige innerhalb der feministischen Theorie, die sich zu der Zeit vor dem Kapitalismus äußern, dass schon vorher ein hierarchisches Geschlechterverhältnis existierte. Es gibt allerdings eine große Bandbreite an Positionen, in denen der Kapitalismus »mit« an den »Anfang« des Geschlechterverhältnisses, wie es heute wirksam ist, gesetzt wird. Aber es ist schlicht nicht notwendig, patriarchale Strukturen jenseits des Kapitalismus kleinzureden, um auf dem Kapitalismus als unterdrückendes System zu insistieren.
Das dürfte auch Frigga Haug so sehen. Sie nimmt an, dass der Kapitalismus, den sie als »Zivilisationsmodell« versteht, zwar mit dem Geschlechterverhältnis verbunden ist, aber eine eigene Logik hat, dass das eine also letztlich auch ohne das andere denkbar ist. Haug kommt aus der Arbeiterbewegung (damals noch im generischen Maskulinum), hatte sich mit der Frauenfrage lange nur als Nebenwiderspruch beschäftigt und den Feminismus kritisiert, weil er vom Klassenwiderspruch ablenke. Zunehmend sah sie allerdings die Notwendigkeit, Marxismus und Feminismus zusammenzudenken. Haug geht davon aus, dass »Frauenunterdrückung (…) älter als der Kapitalismus« sei, und betont die unterschiedliche Logik beider: »Der Zusammenhang zwischen Frauenunterdrückung und Kapitalreproduktion, den es zu begreifen gilt, kann nicht aus den Gesetzen des Kapitalismus begriffen werden.« Während Scholz das »warenproduzierende Patriarchat« annimmt, beruft sich Haug auf einen »männlichen Kapitalismus«. So ähnlich die Ein- und Zuordnungen im Bereich des Geschlechterverhältnisses auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, so unterschiedlich ist damit doch das Resultat.
Das Richtige im Falschen
Geschlechterverhältnisse sind veränderbar, das zeigt die Geschichte. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die institutionellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für Frauen in Deutschland erheblich verbessert. Frauen können ihr eigenes Geld verwalten, müssen nicht heiraten und können ohne Angst kinderlos bleiben. Auch ohne Zustimmung ihres Ehepartners lohnarbeiten zu gehen, ist ihnen erlaubt, die Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar (erschreckenderweise allerdings erst seit 1997) und auf dem Arbeitsmarkt findet ein Antidiskriminierungsgesetz Anwendung.
Es hat sich also einiges getan, aber von einer de facto-Gleichstellung ist man dann doch noch weit entfernt. Dass es überhaupt solche Gesetze geben muss, zeigt ja schon, dass nicht alles gut ist: Solange Antidiskriminierungsregulationen notwendig sind, solange es Vergewaltigungen in der Ehe oder sonstwo gibt, solange es Femizide und Gewalt gegen Frauen gibt, weil sie Frauen sind, kann davon keine Rede sein. Und auch im Alltäglichen werden Frauen trotz gesellschaftlicher und gesetzlicher Transformationen weiterhin benachteiligt.
In unserem Text »Das strukturelle Patriarchat«, der 2012 erschienen ist, machen wir auf diese Geschlechterhierarchie aufmerksam, die mehr ist als ein personales Verhältnis. Da sie keine rechtlich untermauerte, direkte Herrschaft von Männern über Frauen mehr bedeutet, verwenden wir den Begriff des strukturellen Patriarchats. Er bezieht sich auf eine Ungleichheit, die Männliches höher bewertet als das, was Frauen zugeschrieben wird, und diesen wiederum weniger Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht. Es bleibt richtig, den patriarchalen Status quo zu bekämpfen, und der ist recht eindeutig mit den kapitalistischen Bedingungen verflochten. So zeigt sich die Geschlechterhierarchie nach wie vor insbesondere in der Reproduktionsarbeit. Die Verbesserungen der jüngeren Vergangenheit zeigen aber, dass die Verflechtung ganz und gar nicht fix ist, sondern einem Wandel unterliegt. Manchmal führen feministische Interventionen zu ganz konkreten und sogar beständigen Veränderungen (auch wenn das schon mal 100 Jahre dauert).
Was wäre, wenn die Abschaffung der Geschlechterhierarchie auch innerhalb des Bestehenden umsetzbar wäre? Werden Forderungen falsch, nur weil sie nicht zur Revolution führen?
Auffällig ist, dass sich viele Feminist:innen in ihren kapitalismuskritischen Analysen weiterhin an der bürgerlichen Kleinfamilie orientieren und veränderte Rollenbilder fast schon als eine Abweichung von einer letztlich fortbestehenden Norm interpretieren. Wenn es um Lohn für Hausarbeit geht, wird schnell ein innerer, notwendiger Zusammenhang von Hausarbeit und Frauen angenommen, was sich dadurch bemerkbar macht, dass vermeintlich weibliche Fähigkeiten oder Sphären adressiert werden, die es aufzuwerten gelte.
Mitunter gehen Feminist:innen so weit, legitimen feministischen Forderungen vorzuwerfen, sie dienten dem Bestehenden. Beispielsweise wird in dem Manifest »Feminismus für die 99 Prozent« angenommen, dass das Recht auf Abtreibung wenig für unterdrückte und marginalisierte Frauen leiste, und stattdessen gefordert, dass der Feminismus für die 99 Prozent die »Arbeiterklasse-Frauen in den Mittelpunkt« rücken müsse. Dabei zeichnen die Autor:innen das Feindbild eines neoliberalen, sogenannten »weißen Feminismus« und sehen dabei nicht, dass insbesondere das Recht auf Abtreibung letztendlich allen Frauen zugute kommen kann.
Es wird an veralteten Bildern einer tradierten Haushaltsstruktur festgehalten und andere, erfolgreiche Lebensentwürfe von Frauen werden ausgeklammert, um eine Gesellschaft zeichnen zu können, in der Frauen generell in der Opferrolle sind. Weitere kapitalismuskritische, feministische Texte diffamieren ebenfalls jeden Feminismus, der nicht andere Unterdrückungsverhältnisse wie race und class gleichermaßen behandelt wie gender, als liberalen oder neoliberalen Feminismus. Es wird von feministischer Theorie erwartet, dass sie zur Revolutionstheorie für alles und jeden wird. Gleichzeitig kursiert die Vorstellung, die Unzufriedenheit der Frauen sei das wichtigste Veränderungspotential – sie seien quasi das »neue« revolutionäre Subjekt, nachdem es mit der Arbeiterklasse nicht so ganz geklappt hatte, wobei diese feministische Geschichte auch schon in den siebziger Jahren erzählt wurde.
Was aber wäre, wenn sich die Geschlechterhierarchie auch innerhalb des Bestehenden abschaffen ließe? Werden Forderungen falsch, nur weil sie nicht zur Revolution führen? Wir sehen jedenfalls die Erfüllung feministischer Forderungen auch dann als einen Fortschritt, wenn der Kapitalismus sie integrieren kann. Dabei vergessen wir nicht, dass Ideologien der Ungleichheit auch innerhalb des Feminismus virulent sind, dass sich Rassismus und Antisemitismus mit dem Ende des Patriarchats nicht einfach auflösen. Genauso wenig, wie mit dem Ende des Kapitalismus automatisch ein egalitäres Geschlechterverhältnis entsteht. Gesellschaftliche Widersprüche heben einander nicht einfach auf. Was eben auch bedeutet, dass sie zwar miteinander verknüpft sind, aber auch einzeln für sich angegangen werden müssen. Wir finden es legitim, wenn sich Feminismus im Kern um die Abschaffung der Geschlechterhierarchie kümmert. Das klingt schon beinahe banal, aber worum sollte es sonst gehen?
Auffällig ist, dass einige der oben genannten Texte mit ganz unterschiedlichem theoretischen Rüstzeug daherkommen, das häufig, so scheint es, nur Anwendung findet, um im eigenen Feld bestimmte Trends zu bedienen und Anerkennung zu erfahren. Das Geschlechterverhältnis wird etwa in der Sprache der Kapitalkritik gefasst oder der Kapitalismus in jene der Geschlechtsidentitäten, je nach politischer Verortung. So fragen etwa Kathrin Ganz und Do. Gerbig 2010 (in Rückgriff auf J. K. Gibson-Graham) rhetorisch: »Ökonomie kommt uns immer so unangenehm kapitalistisch vor, aber ist sie das in jedem Fall? Oder ist sie genauso divers, wie Geschlecht und Sexualität es sein können?« In der ökonomischen Einbettung der Debatte über sogenannte Care-Arbeit kommt es wiederum zu den ausufernden Bestimmungen, was alles als Arbeit zu verstehen sei.
Manchmal stellt sich dabei fast der Eindruck ein, dass es nicht nur, aber auch um die gesellschaftliche Anerkennung der ganz eigenen, privaten Bedürfnisse geht, etwa sich um Kinder sorgen zu wollen. Wer sich um Kinder kümmern möchte, sollte das tun können. Aber es sollte zumindest im Bereich des Vorstellbaren liegen, dass Frauen trotz patriarchaler und kapitalistischer Realität unterschiedliche Bedürfnisse ausbilden, ganz verschiedene Vorstellungen von einem guten Leben haben.
Obwohl nicht alle dieselben Wahlmöglichkeiten haben, sich für oder gegen einen Lebensentwurf entscheiden zu können, kommt es im Hier und Jetzt feministischer Praxis gerade auch darauf an, für sich und die eigenen Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen. Die Wahl zu haben, zu heiraten oder nicht, Kinder zu bekommen oder nicht, ist konkreter Ausdruck von Fortschritt im Bereich der Geschlechterhierarchie, auch wenn der Kapitalismus dadurch nicht zusammenbricht.
Ob die moderne Frau lohnarbeiten geht und ihr Ehemann seinen reproduktiven Pflichten nachkommt, ist dem Kapitalismus egal. Wichtig ist ihm nur, dass es Arbeitskraft zum Ausbeuten gibt. Und das sollte in feministische Analysen einbezogen werden.
Zwar halten sich patriarchale Strukturen trotz aller Veränderungen zäh, aber – und das ist hier der springende Punkt – sie sind für den Kapitalismus nicht notwendig. Ob der moderne Mann von seinem Lohn eine Partnerin finanziert, die zu Hause kocht, oder sich durch Restaurantbesuche am Leben hält, ist dem Kapitalismus egal. Ob die moderne Frau lohnarbeiten geht und ihr Ehemann seinen reproduktiven Pflichten nachkommt, ist dem Kapitalismus ebenso egal. Wichtig ist ihm nur, dass es Arbeitskraft zum Ausbeuten gibt. Und das sollte in feministische Analysen einbezogen werden.
Uns ist kein Text bekannt, der darauf eingeht, warum denn im Kapitalismus genau diese eine spezifische geschlechtliche Verwertung notwendig sei, warum es für den Kapitalismus nicht genauso zuträglich wäre, wenn die Rollen umgekehrt wären. Es bedarf innerhalb der Linken scheinbar keiner weiteren Erklärung, wenn einfach behauptet wird, so sei es eben im Kapitalismus. Und wer dann doch darauf hinweist, dass dem Kapitalismus das Geschlecht der Ausgebeuteten reichlich einerlei sei, kann damit rechnen, missverstanden zu werden.
Dies zeigen Reaktion auf einen Text, auf den wir gegen Ende unserer Auseinandersetzung gestoßen sind: »Abseits des Spülbeckens« von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft, 2016 in Kosmoprolet erschienen. Darin wird die These vertreten, es sei »bisher nicht plausibel argumentiert« worden, dass es »einen notwendigen Zusammenhang zwischen Kapital- und Geschlechterverhältnis gibt«. Um dies zu belegen, werden Texte von Dalla Costa über Federici bis hin zu Scholz kritisch diskutiert, die auch wir hier zum Ausgangspunkt genommen haben. Die Freundinnen und Freunde gehen davon aus, dass Geschlecht zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt sukzessive an Bedeutung verliere.
Auf diese Nivellierungsthese folgte scharfe Kritik (auf Veranstaltungen und in Textform geäußert und in Kosmoprolet dokumentiert), in der ausgeführt wurde, dass die Zustände immer noch schlimm seien. Wer zugesteht, dass es mit der Geschlechterhierarchie im Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden ist, sagt damit aber nicht, dass alles gut sei. Wer hingegen so tut, als seien die Veränderungen der letzten Dekaden nicht relevant, verkennt die Bedeutung von erweiterten Handlungsspielräumen. Sie sind ein nicht zu unterschätzender Freiheitsgewinn, der die Lebensrealität der Einzelnen geradezu umkrempeln kann.
Uns ging es in den vorhergehenden Ausführungen zwar vor allem um Theorien, die trotz gewisser argumentativer Umwege allzu oft letztlich auf einseitige Bestimmungen hinauslaufen. Aber Theorie und Praxis gehören bekanntlich zusammen, und vielleicht ergibt es Sinn, das Geschlechterverhältnis einfach mal systemimmanent zu kritisieren.
Gerade weil wir heute in einer relativen Freiheit leben, gerade im Vergleich mit der zu Marx’ Zeiten üblichen Unterdrückung von Frauen, wissen wir doch, dass sich feministischer Kampf lohnt. Wenn Feminist:innen immer wieder betonen, die Frauenfrage sei nur durch die Klassenfrage zu beantworten, dann vergeben sie die Chance, etwas im Hier und Jetzt der sexistischen Realität zu verändern. Die Einsicht, dass der Kapitalismus, obwohl er ein grammatikalisches Geschlecht (männlich) hat, kein soziales (patriarchal) braucht, ist Ergebnis einer theoretischen Diskussion; sie kann jedoch ganz praktische Auswirkungen haben. Gerade weil unsere Position das Geschlechterverhältnis nicht kausal im Kapitalismus verortet und wir sein soziales Geschlecht für veränderbar halten, macht sie ein Ende des strukturellen Patriarchats unabhängig vom Ende des Kapitalismus denkbar und damit erkämpfbar.