Symptomatische Angriffe
Berichte über Übergriffe auf Frauen während der Fête de la Musique Mitte Juni in Frankreich sorgten rasch international für Schlagzeilen. In den sozialen Medien hätten Männer, so hieß es, zum sogenannten needle spiking aufgerufen. Seit einigen Jahren mehren sich die Berichte über Fälle, in denen K.-o.-Tropfen oder andere Drogen nicht in Getränke gemischt, sondern heimlich per Spritze injiziert werden.
Am Tag nach dem Festival, am 21. Juni, gab das französische Innenministerium bekannt, dass in der Nacht zuvor landesweit 145 Verdachtsfälle gemeldet wurden. Überwiegend junge Frauen im Teenageralter oder in ihren Zwanzigern suchten Polizeistationen oder Krankenhäuser auf, mit dem Verdacht, Symptome wie Übelkeit, Atemnot, Hautausschlag, taube Glieder oder Schwindel könnten durch Spritzenattacken hervorgerufen worden sein. Insgesamt wurden gut ein Dutzend Verdächtige vorübergehend festgenommen, unter anderem in Paris, Metz und Béthune. In Montpellier soll nach Angaben der Informationsplattform Actu.fr ein Mann mit einer leeren Spritze festgenommen worden sein.
Recherchen verschiedener Zeitungen zufolge gingen die Warnungen vor angeblich geplanten Spritzenattacken ursprünglich von dem Instagram-Account Actureact.info aus, der von einem französischen Gymnasiasten betrieben wird.
Die Meldungen schockierten und verwirrten. Gerade mal vor einem halben Jahr hatte der Vergewaltigungsprozess von Mazan weit über Frankreich hinaus für Diskussionen gesorgt. Dominique Pelicot hatte seine Ehefrau Gisèle Pelicot über ein Jahrzehnt lang immer wieder betäubt und sie in bewusstlosem Zustand von insgesamt Dutzenden von Männern, die er über Annoncen in Internetforen angeworben hatte, vergewaltigen lassen. Und nun, so schien es zunächst, hatte sich ein Mob aus der manosphere zusammengerottet, um Frauen beim Feiern mit Spritzen anzugreifen.
Doch dieser Verdacht konnte bislang nicht bestätigt werden. Wie Le Monde und kurz darauf Die Zeit berichteten, handelte es sich wohl eher um eine Massenpanik, ausgelöst durch Warnungen vor solchen Attacken, die vor dem Festival in den sozialen Medien verbreitet wurden. Den Recherchen zufolge gingen die Hinweise auf angeblich geplante Spritzenattacken ursprünglich von dem unter anderem auf Instagram aktiven Account Actureact.info aus, der von einem französischen Gymnasiasten betrieben wird. Dieser vermeldete, dass in verschiedenen Snapchat-Gruppen zu solchen Attacken aufgerufen werde, und stellte Handlungsempfehlungen für den Fall einer Stichverletzung online.
Weiterverbreitet wurden die Posts von dem in Frankreich beliebten feministischen Account Abrègesœur, der auf Plattformen wie X, Tiktok und Instagram aktiv ist. Doch auf Nachfrage von Le Monde konnte nur ein einziger Beweis für einen solchen Aufruf erbracht werden: Ein Snapchat-Account aus Perpignan titelte: »Ich habe alles, um am Samstag zu stechen«, und postete dazu ein Bild mit einer Einkaufstasche aus einer Apotheke. Aus Perpignan wurden keine Vorfälle gemeldet.
»Needle spiking« sorgt seit einigen Jahren für Aufsehen
Die meisten Verdächtigen wurden inzwischen wieder freigelassen, einige Ermittlungen laufen allerdings noch. Die Sprecherin der Nationalpolizei, Agathe Foucault, erklärte, dass das Ausmaß der Vorfälle relativiert werden müsse, man das Ganze jedoch nicht vollständig als grundlose Panik abtun dürfe: »Diese Aufrufe gab es zwar, aber sie waren nicht verbreitet.«
Das Phänomen des needle spiking sorgt seit einigen Jahren immer wieder für Aufsehen. Den Anfang machte 2021 eine Welle von Berichten junger Frauen in Großbritannien, die angaben, bei Clubbesuchen gestochen worden zu sein. Insgesamt wurden damals über 1.000 Fälle gemeldet. In den Folgejahren kamen immer weitere Meldungen aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Australien, Spanien und der Schweiz hinzu.
Doch in fast keinem Fall gab es belastbare Beweise. Toxikologische Tests, die allerdings aufgrund schwer nachweisbarer Substanzen nicht immer valide sind, fielen mit nur einer Ausnahme negativ aus. Beweismaterialien wie Spritzen oder Nadeln wurde nie gefunden und meist gab es keine Verdächtigen.
Experten halten es für unwahrscheinlich, dass jemand eine ausreichend wirksame Dosis injizieren kann, ohne dass dies vom Opfer direkt bemerkt würde. Weitaus plausibler ist es, dass psychoaktive Substanzen in Getränke oder Lebensmittel gemischt werden.
Zwar lässt sich nicht ausschließen, dass solche Spritzenattacken vereinzelt vorkommen, fraglich erscheint jedoch, dass es sich um ein verbreitetes Phänomen handelt. Experten halten es zudem für unwahrscheinlich, dass jemand eine ausreichend wirksame Dosis injizieren kann, ohne dass dies vom Opfer direkt bemerkt würde. Weitaus plausibler ist es, dass psychoaktive Substanzen in Getränke oder Lebensmittel gemischt werden.
Needle spiking ist vor diesem Hintergrund wohl eher als ein sozialpsychologisches Angstphänomen zu bewerten. Dem neuseeländischen Soziologen Robert Bartholomew zufolge, der zu Phantomattacken forscht, gab es solche Paniken vor Spritzenattacken bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Demnach kursierten in den USA in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Berichte über weiße Frauen, die mit Spritzen ohnmächtig gemacht und in die Sklaverei verschleppt worden seien; eine gesellschaftliche Panik, für die es nie Belege oder Beweise gegeben habe, so Bartholomew. Weitere solcher Gerüchte soll es in Großbritannien und in Indien in den dreißiger Jahren gegeben haben.
Massenpanik in Ägypten
Ein besonders kurioser Fall von Massenpanik ereignete sich in den Neunzigern in Ägypten, als ausgehend von einem Einzelfall im nördlichen Nildelta in fast allen Provinzen Mädchen im Teenageralter plötzlich von Ohnmachtsattacken heimgesucht wurden. Die »Erklärungen« reichten von israelischen Gasbomben bis hin zu von Islamisten verunreinigtem Trinkwasser. Die ungleich wahrscheinlichere Ursache allerdings dürfte in der patriarchalen Unterdrückung ägyptischer Frauen zu suchen sein: in Ohnmacht fallen als Ausweg in einer ausweglosen Situation, wie der ägyptische Journalist Hani Shukrallah sinngemäß meinte.
Bei der Fête de la Musique ist davon auszugehen, dass für viele Frauen eine Atmosphäre der Angst geherrscht hat; sie befürchteten, Opfer einer Spritzenattacke zu werden. Entsprechend naheliegend sind in einer solchen Situation kognitive Fehlschlüsse und psychosomatische Symptome.
Die leicht zu mobilisierenden Ängste verweisen einerseits auf die Tatsache, dass sexuelle Übergriffe weitverbreitet sind. Andererseits führt der Fall vor Augen, wie zuweilen die Grenze zwischen notwendiger Aufklärung über Gefahren und uneingestandener Lust am Katastrophischen verschwimmt.