Immer noch am Entlarven
Der zweite Roman »Der Kaiser der Freude« des Lyrikers und – darauf sollte bei jeder Gelegenheit hingewiesen werden: Israel-Boykotteurs – Ocean Vuong führt seine Leserinnen in eine Welt, die den meisten von ihnen unbekannt sein dürfte, nämlich in das ländliche Connecticut, das für die Mehrzahl seiner Einwohner geprägt ist vom Elend der Armut und der Opioidkrise. An diesem Schauplatz spielt seine Geschichte, die alle schon tausendmal gelesen oder im Kino gesehen haben. Es verhält sich hier ungefähr so wie bei den Biopics, die Jahr für Jahr ins Kino gespült werden: Ob gerade Amy Winehouses oder Freddy Mercurys Leben erzählt wird, ist völlig egal, erzählt wird nach dem immer gleichen Mustern, hinter dem verschwindet, was am Stoff interessant sein könnte.
Vuongs Roman spielt in dem fiktiven Ort East Gladness – daher der englische Titel, »The Emperor of Gladness«. Im Zentrum der Handlung steht eine der vermeintlich unwahrscheinlichen Paarkonstellationen, die für den Konsumenten von Hollywood-Filmen und Netflix-Serien natürlich alles andere als unwahrscheinlich sind: Der 19jährige schwule tablettensüchtige Hai kommt eben aus der Entgiftung kommt und weiß nicht, wie es weitergehen soll; da hält ihn die demenzkranke Seniorin Grazina vom Selbstmord ab und nimmt ihn in ihrem Haus auf. Es ergibt sich eine rührende Beziehung gegenseitiger Sorge – bis Grazinas Sohn auf den Plan tritt.
»Der Kaiser der Freude« scheint gar nicht mehr den Anspruch zu erheben, etwas anderes als Unterhaltungsliteratur für Liberale und Linke zu sein, die ihre Sicht auf die Welt bestätigt sehen wollen.
Ein zweiter Handlungsstrang spielt in einem Fast-Food-Restaurant, in dem Hai und sein autistischer Cousin Sony arbeiten. Hier erlebt Hai die Solidarität von Menschen, die gemeinsam darum kämpfen, ökonomisch den Kopf über Wasser zu behalten. Eingestreut sind Erinnerungen an die Kindheit von Sony und Hai, die aus einer Familie vietnamesischer Einwanderinnen stammen.
Einige Elemente dieser Erzählung teilt der Roman mit Vuongs Erstling »Auf Erden sind wir kurz grandios« von 2019. Auch dieser Roman spielt im ländlichen Connecticut, auch hier geht es um eine Familie vietnamesischer Einwanderinnen, auch hier geht es um die Opioidkrise. Doch dem Erstling merkte man deutlich den Anspruch an, über formale Strategien – von der Anlage als Brief an die Mutter über lyrische Einschübe bis zu regelrechten Splatter-Elementen – Literatur als Kunstform einzusetzen, die mehr leisten kann, als eine Sicht auf die Welt zu wiederholen, die jedem Leser eh schon bekannt ist.
Ob der Erstling damit erfolgreich war, ist zu bezweifeln. Immerhin scheint er auf den queeren Kassenschlager in den deutschsprachigen Ländern, Kim de l’Horizons »Blutbuch«, prägend gewirkt zu haben. »Der Kaiser der Freude« – dem US-Verlag zufolge schon jetzt eine »Tiktok-Sensation« – scheint nun gar nicht mehr den Anspruch zu erheben, etwas anderes als Unterhaltungsliteratur für Liberale und Linke zu sein, die ihre Sicht auf die Welt bestätigt sehen wollen.
Als hätte man einen Jugendroman vor sich
Die fulminante Eingangspassage scheint zunächst etwas anderes zu versprechen. Hier lädt ein namenloses Wir die Leserinnen nach Art eines Fremdenführers nach East Gladness ein. Auf wenigen Seiten verdichtet sich ein poetisches Bild des Orts. Doch dann schwenkt der Roman auf die überaus ausgetretenen Pfade zeitgenössischen Erzählens ein, erzählt nämlich in der dritten Person aus der Perspektive des Protagonisten Hai.
Das liest sich alles reibungslos, man liest es gerne, ist gut unterhalten (wobei die manchmal etwas unbeholfene Übersetzung von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl zuweilen stört). Mitunter fühlt man sich, als hätte man einen Jugendroman vor sich (für einen solchen werden allerdings ein wenig zu viele Opioide konsumiert) – hat aber auch schon bessere Jugendromane gelesen.
Und nach Art schlechter Jugendromane wird einem schließlich die Welt erklärt, wobei eine nicht gerade komplexe Weltsicht gezeichnet wird. Es gibt im Großen und Ganzen zwei Sorten von Menschen in East Gladness: Einerseits miteinander solidarische und herzensgute Arme – wie ausnehmend rührend ist es doch, wenn Grazina nicht weiß, wie man »LGBT« ausspricht, und ihre Akzeptanz von Hais Schwulsein deshalb mit dem Satz »Du bist ein Liggabit« zum Ausdruck bringt: Auch Menschen, die nicht auf dem Stand der liberalen Diskussionen sind, haben zuweilen das Herz am rechten Fleck!
Versprechen der Warenwelt als Betrug entlarvt
Andererseits gibt es fiese Wohlhabende wie die republikanische Politikerin, die für das drastisch geschilderte Schweineschlachten in der Produktionsanlage für Biofleisch den Auftrag gegeben hat, oder die Familie von Grazinas Sohn, der die demente Oma peinlich ist. Immer wieder führt der Roman Situationen vor, in denen Versprechen der Warenwelt als Betrug entlarvt werden sollen. Im Schnellrestaurant werden bei jedem Gericht Schildchen aufgestellt, auf denen »Heute persönlich zubereitet von: ______« steht – doch es handelt sich um aufgewärmtes Industriefutter aus »einem Labor außerhalb von Des Moines«.
Die Schweine werden in »Pferchen anstatt in Käfigen« gehalten, damit man das Label »Von freilaufenden Schweinen« verwenden kann – »Dabei standen die Tiere so beengt, dass man das Aneinanderschaben ihrer Borsten hören konnte«. Der Kapitalismus, das soll einem hier gesagt werden, belügt uns nach Strich und Faden.
Ronald M. Schernikau war da schon einmal weiter, als er feststellte, den Menschen sei bewusst, dass die Versprechen der Werbung nicht erfüllt werden, dass die Menschen im Kapitalismus ein »literarisches« Verhältnis zur Welt hätten, und vielmehr die Frage stellte, warum das Ganze dennoch so weitergehe. Bei Vuong wird dagegen noch auf dramatisch Weise entlarvt.
Abgestanden und schal
So heißt es, als Grazina ins Altersheim abgeschoben wird: »Aber wohin kam sie jetzt? Sie kam an einen Ort, der zwar Freiheit verhieß, sie aber einzig durch einen von Mauern und Schlössern umfriedeten egalitären Raum ermöglichte; wo portionierte Nahrung täglich über lange Flure gerollt und ausgeteilt wurden von Mitarbeitern, die, aus einem nie endenden Anderswo hervorgebracht, darauf verzichteten, die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen, um stattdessen Fremden beim Altwerden zuzusehen, und all das nur, um diese Fremden am Leben zu erhalten – warm, mit Tabletten ruhiggestellt, satt und gefühllos: Körper, die überreif für die Ernte waren –, so lange, bis ihr Konto leer war. Am Ende kam Grazina schließlich doch noch nach Amerika, seiner wahrhaftigsten Version: Hier bezahlte jeder für sein Leben.«
Für die Ausbeuter zählt der arme Mensch nichts. Das ist selbst – auch angesichts des Bilds der Ernte von Körpern – nicht allzu weit entfernt von der Verschwörungstheorie mit den Echsenmenschen, der eine der Kolleginnen Hais anhängt. Garniert wird das Ganze noch mit einigen pseudo-tiefschürfenden Lebensweisheiten wie »Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun«.
Wird diese Anlage irgendwie reflektiert? Es gibt Ansätze. An einer Stelle denkt Hai darüber nach, »ob Wrestling und Romane lediglich das waren, was herauskam, wenn Menschen ein weiteres Universum abzuformen versuchten, in dem sie die heldenhaftere, geduldigere und fähigere Version ihrer selbst waren«. An einer anderen Stelle merkt er, dass er, »immer wenn er etwas Wichtiges sagte«, so spreche, »als würden ihm die Worte eingegeben, aus dem Pfuhl sämtlicher je gesehener schlechter Filme am Grund seines Schädels«. Damit wird die Art des Erzählens als so abgestanden und schal kenntlich gemacht, wie sie ist – aber es werden keine Konsequenzen daraus gezogen. Das erzählte Elend, es spiegelt sich lediglich im Elend des Erzählens.
Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Anne-Kristin Mittag. Hanser-Verlag, München 2025, 528 Seiten, 19,99 Euro
