Definition, Begriff und Konstellation: Herausforderungen einer Kritischen Theorie des Antisemitismus heute
Wenn die Kritische Theorie – gleichgültig welcher »Generation« – sich mit einem bestimmten Gegenstand beschäftigt, so kann sie das – anders als die »traditionelle« Theorie – nicht in normativ neutraler Weise tun (und auch die »traditionelle« Theorie ist natürlich nicht normativ neutral). Das trifft erst recht auf ein Phänomen wie den Antisemitismus zu. Es kann für die Kritische Theorie keine neutrale oder rein deskriptive Beschäftigung mit dem Antisemitismus geben, ebenso wenig mit Rassismus oder Sexismus.
Das mag auf den ersten Blick auch unmittelbar einleuchten, denn wie sollte man sich mit einer Form der Ideologie, die auf die Diskriminierung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden abzielt, nur deskriptiv beschäftigen können, das heißt ohne normativ dazu Stellung zu beziehen? Gleichwohl geht es der Kritischen Theorie nicht allein um eine richtige normative Stellungnahme, sondern vielmehr darum, den betreffenden Gegenstand in seiner historischen Gewordenheit und gesellschaftlichen Bestimmtheit, das heißt in seiner Spezifik zu begreifen. Unabhängig von einer um größte Präzision bemühten Darstellung ihrer Gegenstände kann die Kritische Theorie auch nicht normativ über sie urteilen. Deswegen kann sich die Kritische Theorie gerade dann, wenn es um Antisemitismus geht, nicht mit moralischer und politischer Verurteilung von antisemitischer Rede und über diese hinausgehender Praxis zufriedengeben.
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