And the Winner Is … Hamas
Hello, here is the United Kingdom.
Bonjour, ici le Royaume-Uni. Hamas:
twelve points, Hamas: douze points,
Israel: zero points, Israël zéro points …
So sehen Sieger aus. Selbst wenn es gelang, sie zu vernichten, so halten doch ihre Finger noch in Todesstarre den Knopf gedrückt, mit dem sie eine ideologische Mobilisierung in Gang setzten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Hamas gelang es, sich mit der Reislamisierung Palästinas gegen »die geistige Invasion« des Westens (Artikel 15 der Hamas-Charta von 1988) in den Augen westlicher Linksintellektueller als legitimer Repräsentant der palästinensischen Sache und ihre Pressedienste als verlässliche Primärquellen internationaler Medien geltend zu machen.
Doch auch das reichte ihr nicht. Erfolgsverwöhnt, wie die Hamas war, bedurfte es eines Massakers an israelischen Juden, um auch die Queer- und die Klimabewegung (»No climate justice on occupied land«) von der Notwendigkeit zu überzeugen, Israel abzuschaffen. Denn »Free Palestine« bedeutet alles andere als eine vernünftige Zweistaatenlösung, an der weder die palästinensische Seite noch – seit der Ära Benjamin Netanyahus – die israelische interessiert ist.
So es international unterstützungswürdige Prioritäten gibt, dann die Ausschaltung des Hamas-Terrorismus auf der einen und den Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung vor der Hamas sowie den völlig planlosen Zerstörungsexzessen der israelischen Führung auf der anderen Seite. Hungerkatastrophen und Massenmorde im Sudan und anderswo müssen zwar wieder einmal schmollend zur Seite treten, doch sind sie das, sobald Israel etwas ausfrisst, gewohnt.
Wieso aber plötzlich »Free Palestine« wieder auf die Transparente geschrieben wurde, erschloss sich nur denen, die mit Schrecken erkannten, dass die Palästinensersolidarität den Todeskult der Hamas übernommen hatte. Wie viel PR-Genie muss eine klerikalfaschistische Mördersekte aufbringen, die die Linke, deren gemeinsamer Nenner einst Religionskritik und Internationalismus waren, dazu bringen kann, ihre Bemühungen vom Kampf gegen Kapitalismus und Umweltzerstörung auf den gegen einen Ministaat umzulenken, der als Knotenpunkt aller Weltübel halluziniert wird. Zugunsten einer Theokratie, muss hinzugefügt werden, damit das Lachen auch sicher im Hals stecken bleibt.
Der Coup der Hamas bestand in einem Dreischritt aus Judenpogrom, Selbstmord und Massentötung palästinensischer Zivilisten. Der erste Schritt machte ihr Freude, der zweite nichts aus und der dritte war der eigentliche Sinn der Übung.
Ein interessanter Wesenszug des Nationalismus ist dieser eigentümliche Zwiespalt zwischen männlicher Wehrhaftigkeit und geradezu aggressivem Herumgeopfere. Ein bisschen ist er wie Mel Gibson in seinem Opus«Die Passion Christi«. Er kann in seiner Erzählung nie genug gefoltert werden. Das dient der Rechtfertigung von Homogenisierung und Expansion. Auch der rechtsextreme Siedlerzionismus setzt auf diese Karte. Nationalismus gewinnt durch die Härte der Unterdrückung, die nicht nur die Opferbereitschaft stimuliert, sondern überhaupt die Vorstellung, Volk zu sein. Keine Erfolgsbilanz einer Nationwerdung lässt sich mit der Demütigungsgemeinschaft vergleichen. So konturierte erst die Niederlage im Krieg von 1948 die ethnischen Grenzen eines palästinensischen Volkes. Der Islamismus hingegen ist kosmopolitisch, doch gewinnt er nicht durch die Härte der Unterdrückung seiner Schäfchen, sondern wortwörtlich durch deren Opfertod.
Es bedarf schon eines unerschütterlichen Kulturrelativismus, um die Diskrepanz zwischen dem maskulinistischen Getue des Gotteskriegers und seinem feigen Verstecken in Tunneln, unter Krankenhäusern, in Schulen, hinter Kindern und den Rücken ihrer Mütter wegzurationalisieren.
Opferbereitschaft kann man der Hamas gewiss nicht absprechen. Nimmt der Nationalist seinen Mund recht voll, wenn er behauptet, bis zum Letzten seines Volkes kämpfen zu wollen, so lässt der Jihadist aus Gaza Worten auch Taten folgen und versteckt sich im Maulwurfbau, während er sein Volk bis zum Letzten dem Tod überlässt. Um Nachwuchs muss er sich dennoch nicht sorgen, denn obwohl die israelische Armee rücksichtsloser vorging als je zuvor, konnte sie noch immer nicht von der international mitnichten honorierten Angewohnheit lassen, Bewohner von Vierteln vor deren Bombardements zu warnen.
Hamas ist größer, als sie scheint
Der Aggressor von innen spekuliert darauf, dass die Überlebenden ihre Vergeltungswünsche auf den Aggressor von außen richten werden. Sollten die Chronisten und Analytikerinnen die bevorstehende Katastrophe des 21. Jahrhunderts überleben, dann werden sie die diabolische Brillanz eines kleinen Provinzablegers der ägyptischen Muslimbruderschaft anerkennen müssen, mit der er seinen Feind zum Massenmord aufstachelte und den internationalen Antisemitismus für sich arbeiten ließ.
Ist die Macht des Bluffers Putin viel kleiner, als sein Posieren glauben macht, so ist die Hamas größer, als sie scheint. Mit ihrem Coup vom 7. Oktober 2023 hat sie sich, ihr Erfolg gibt ihr recht, als wahrer global player inthronisiert. Auch wenn ihr der Global Player Award posthum überreicht werden könnte. Denn ihr Coup bestand in einem orchestrierten Dreischritt aus Judenpogrom, Selbstmord und Massentötung palästinensischer Zivilisten. Der erste Schritt machte ihr Freude, der zweite nichts aus und der dritte war der eigentliche Sinn der Übung.
Wenn man davon ausgeht, dass die Hamas-Führung in ihren Luxussuiten in Katar nicht Aufnahmen der Predigten Sheikh Yassins, sondern lieber westliche Blockbuster guckte, so dürfte sie am meisten David Finchers Thriller »Seven« beeindruckt haben. Zur Erinnerung: Der von Kevin Spacey dargestellte religiöse Psychopath John Doe stellt in einer phantasievollen Mordserie die sieben Todsünden nach. Als Vorletztes lässt er seinem Widersacher, dem von Brad Pitt gespielten Polizisten Mills, ein Paket mit dem abgetrennten Kopf von dessen Frau zustellen. Interessanterweise ist die dieser Tat zugrundeliegende Sünde der Neid, denn Doe beneidete den Cop um dessen Ehe- und Familienglück. Die letzte Todsünde ist der Zorn, und wie erwartet erschießt Mills den Mörder seiner Frau.
Die Führer der Hamas waren und sind wahnsinnig und nicht minder intelligent, denn die Irrationalität ihres finalen Todeskults verfolgen sie mit höchster Rationalität. Bemerkenswert ist, dass sie sich nie – wie Yassir Arafat und die al-Fatah – mit Sympathiekampagnen für ihre westlichen Fans verstellen, weder mit dem Ölzweig des Friedens noch der Kalaschnikow des antiimperialistischen Klassenkampfs wacheln mussten. Sie haben ihre Ziele immer klar formuliert.
Linke Herzen flogen der Hamas zu
Wer nicht glauben will, dass palästinensischer Tod der wichtigste Aktivposten im Geschäftsmodell Hamas ist, hat deren PR-Managern nicht genau zugehört. Bereits 2008 verkündete ihr hochrangiger Funktionär Fathi Ahmad Hamad im Sender al-Aqsa TV: »Die Feinde Allahs wissen nicht, dass das palästinensische Volk eigene Methoden der Todessuche entwickelt hat. Für das palästinensische Volk ist der Tod zu einer Industrie geworden, worin sich auch die Frauen und alle Bewohner dieses Landes auszeichnen. (…) Deshalb hat es menschliche Schutzschilde aus Frauen, Kindern, älteren Menschen und Mujahedin formiert, um die zionistische Bombenmaschine herauszufordern. Es ist, als ob sie dem zionistischen Feind zurufen würden:›Wir wünschen uns den Tod, so wie ihr euch das Leben wünscht.‹« Im selben Jahr gewährte Hamad Einblicke in eine der erfolgreichsten Werbestrategien der Geschichte: Die Hamas provoziere israelische Bombardements, verriet er dem Sender Infolive.tv, denn mit jedem Angriff lukriere sie mehr internationale Berichterstattung und Sympathien.
Vor allem linke Herzen flogen der Hamas zu. Das kann unmöglich der glutäugige transgressive Sex-Appeal der wilden jungen Männer und Frauen einstiger internationaler Résistance wie Che, Malcolm X, Andreas Baader oder Leila Khaled sein, wie ein Blick auf die adipösen Körper und mafiösen Fratzen jener alten Männer, die die eigenen Finanzen und den Tod der anderen verwalten, verrät. Offensichtlich erregen diese Visagen als ins Gesicht gemeißelte Mementos, was Israel aus unseren schönen Freiheitskämpfern von einst gemacht hat, Mitleid im antizionistischen Unbewussten.
Besser beweisbar indes ist, dass in den Köpfen der zeitgenössischen Linken die dürftige, aber mitunter doch brauchbare Unterscheidung zwischen progressiv und reaktionär abgeschafft ist. Zur Erinnerung: Als reaktionär galt im alten Verständnis die Ideologie und Praxis der herrschenden Klasse, die Interessenunterschiede innerhalb einer Gesellschaft, vor allem die zwischen Macht und Ohnmacht, mit fixen Feindbildern und der Konstruktion gemeinsamer Identitäten zu harmonisieren. Als progressiv hingegen galten idealiter Denken und Praxis, welche die soziale Schere so gut wie möglich zu schließen (sei es durch Revolution oder Reform) und die Freiheit von Einzelnen und Gruppen gegen Diskriminierung zu verteidigen trachteten und dabei auch nie die mannigfaltigen Zusammenhänge zwischen sozialer Schere und Diskriminierung aus den Augen verloren.
Dass vor allem aktivistische Linke aufgrund ihrer nur selten unterprivilegierten Herkunft eher das mit der Identität als das mit dem Sozialen verstehen, erklärt ihre Empathie mit islamistischen Befindlichkeiten. Was früher mal als Dependenztheorie oder geopolitische Machtstrategie zur Sicherung von Märkten analysiert wurde, verwandelt sich in ihren interaktiven, mehr von Tolkien als von Marx beeinflussten Fantasy-Theorien in Endkämpfe zwischen weißen Rassisten und etwas bunteren Opfern, zwischen postkolonialer Besserwisserei und gekränktem Islam. Als Mordor fungiert, wer eignet sich besser dafür, der zionistische Moloch.
Islamische Entität im Stil der Taliban
2005 übertrug dieser die Verwaltung im Gaza-Streifen der Palästinensischen Autonomiebehörde und delogierte dort über 8.000 israelische Staatsbürger. Schließlich erlangte die Hamas die Macht, schaltete gewaltsam die Opposition aus, transformierte den Landstrich, wie der Journalist Khaled Abu Toameh bereits 2009 festhielt, »in eine islamische Entität im Stil der Taliban«, worunter Frauen, Areligiöse und queere Menschen am meisten zu leiden hatten, und baute ihn zu einer Operationsbasis terroristischer Angriffe aus. Israel und Ägypten machten daraufhin die Grenzen dicht, 17.000 Araber passierten mit speziellen Arbeitsbewilligungen weiterhin die Checkpoints zwischen Gaza und Israel.
Im progressiven Weltbewusstsein verfestigte sich flugs das Bild vom größten Konzentrationslager der Welt, das sich Israel hielt, und auch wenn der dazugehörige Holocaust ausblieb, stand der Staat der Holocaust-Überlebenden weiter unter permanentem Genozidverdacht. Judith Butler adelte die Hamas gemeinsam mit der Hizbollah zu Befreiungskämpfern und Ehrenmitgliedern des internationalen linken Widerstands. Der Doyen des Dekolonialismus, Ramón Grosfoguel, und die Autor:in Masha Gessen popularisierten den Vergleich mit dem Warschauer Ghetto. Die radikalste zeitgenössische Organisation des organisierten Judenmords durfte sich also im linken Wahn als Erbin der tapferen jüdischen Männer und Frauen sehen, die den Kampf gegen SS und Wehrmacht suchten, um durch den nahezu sicheren Tod wenigstens der industriellen Vergasung zu entgehen. Wird Yahya Sinwar, der Planer des 7. Oktober, als eine Art Sophie Scholl der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts in die Geschichte eingehen? Wer das geschmacklos findet, der hat noch nicht die Elogen von Greta Thunbergs Erstem Maat der »Madleen«, des Aktivisten Thiago de Ávila e Silva Oliveira, auf den verblichenen Terrorboss der Hizbollah, Hassan Nasrallah, gehört.
Man weiß nicht, wie viele Effekte des 7. Oktober von der Hamas beabsichtigt waren oder ob eine so nicht vorhergesehene Kettenreaktion für sie günstige Fügungen auslöste. Unmittelbar nach dem 7. Oktober regte sich in weiten Teilen der internationalen Linken bekanntlich Entsetzen. Entsetzen über Israel. Die verstörende Täter-Opfer-Umkehr, die permanent mit dem historischen Kontext gerechtfertigt wurde, erklärt sich zum Teil wohl aus der Angst, dass der Hauptfeind nun Solidarität und Mitgefühl in Anspruch nehmen könnte. Sofort rationalisiert wurde dieser Gefühlszwiespalt durch Zweifel an der Realität der Gewalttaten sowie die Sorge um das Ausmaß der Vergeltungsschläge.
Wenn man will, kann man das Bild der Israel Defense Forces als »humanster Armee der Welt« als Propagandalüge abtun. Es gibt nur eine Art von humaner Armee: jene, die nicht aktiv werden muss. Dass die israelische Armee in der Tat in den verschiedenen Phasen ihres Bestehens maßvoller und humaner agierte als nur irgendeine Streitkraft in der Region (von den Armeen der USA und Russlands gar nicht zu sprechen), wird entweder als Lüge abgetan, gegen die sich genug Gewalttaten gegen Palästinenser anführen lassen, oder aber als rassistische Imagepolitik, um sich als zivilisatorischer Gegenpart zu barbarischen arabischen Fanatikern zu brüsten.
Vollständige Liquidation der Hamas nicht möglich
Keine noch so linke, keine noch so liberale Regierung, weder in Israel noch einem anderen Land, hätte sich den 7. Oktober ohne militärische Antwort gefallen lassen. Keine Regierung hätte Zweifel daran gelassen, dass die Hamas vernichtet werden müsse. Bloß in der Abwägung, wie viele zivile Opfer in Kauf zu nehmen wären, hätte sich die Härte der Reaktion unterschieden. Doch auch ein Bruchteil der zivilen Opfer des gegenwärtigen Gaza-Kriegs hätte am Vorwurf des Völkermords, der Israel seit seiner Gründung gemacht wird, nichts geändert.
Vertreter der israelischen Opposition, darunter auch gefeuerte Militärs, haben immer wieder betont, dass sich die Armee spätestens nach der Eroberung von Khan Yunis aus Gaza hätte zurückziehen sollen, da eine vollständige Liquidation der Hamas nicht möglich sei. Doch die Hamas wusste, dass ihr – als Vollzugsorgan ihres Plans – mit der gegenwärtigen Koalition die bislang rücksichtsloseste israelische Regierung zur Verfügung stand und ihr Faschisten angehörten, die auf die menschlichen Schutzschilde keinerlei Rücksicht nehmen würden. Man konnte Israel endlich als den Massenmörder bloßstellen, als den man ihn immer sehen wollte, und die Welt der pathischen Projektion war wieder in Ordnung.
Das Ausmaß des Leids und Sterbens in Gaza muss jedem noch nicht verrohten Menschen unerträglich sein. Doch die Kanäle, Protest dagegen kundzutun, sind von Mehrheiten besetzt, die keinerlei Mitgefühl mit den Opfern des 7. Oktober zeigten und sich indirekt und immer häufiger direkt mit dem islamistischen Plan identifizieren, Israel ungeschehen zu machen. An Möglichkeiten zu einem »freien Palästina« hatte es nämlich nie gemangelt. Wer sich von der bestehenden Hegemonie nicht instrumentalisieren lassen will, dem wird – ganz im Stile des vorherrschenden Manichäismus – Komplizenschaft mit der Vernichtung arabischer Zivilisten unterstellt.
Das ist eine der teuflischsten Leistungen einer Organisation, die durch geschicktes Switchen zwischen einem Agieren als Terrororganisation, einem Auftreten als politischer Partei und einer Selbstinszenierung als Freiheitsbewegung sich stets davor schützen konnte, in die politische Verantwortung genommen zu werden. Denn erstaunlicherweise scheint niemand je ernsthaft versucht zu haben, sie – um den Krieg sofort zu beenden – zum Niederlegen der Waffen und die Freilassung der Geiseln zu bewegen. Wen wundert es, war doch auch niemand je auf die Idee gekommen, der Hamas den Tipp zu geben, die Bevölkerung in ihrem 500 Kilometer langen, teils mit internationalen Hilfsgeldern finanzierten Tunnelsystem vor israelischen Bomben zu schützen. Außer einem Journalisten von RT (früher Russia Today), dem Mousa Abu Marzook, Mitglied des Politbüros der Hamas, am 27. Oktober 2023 ohne Umschweife verriet, dass die Tunnel einzig dem Schutz der Hamas dienten, denn für die Zivilbevölkerung seien die UN zuständig.
Unmittelbar nach dem 7. Oktober regte sich in weiten Teilen der internationalen Linken bekanntlich Entsetzen. Entsetzen über Israel.
Die Hamas hat wirklich Unglaubliches vollbracht. Sie hat die mächtige Opposition gegen Benjamin Netanyahu in einen nationalen Schulterschluss getrieben, der Israel als jene homogene Tätergesellschaft erscheinen lässt, als welche sie immer wieder inkriminiert wurde; sie hat die israelische Armee in ihre Domäne gelockt, nicht um sie aus Hinterhalten zu vernichten, sondern um sie so viele Zivilisten wie möglich vernichten zu lassen; sie hat jeglichen Ausgleich, jegliche konstruktive Lösung für Generationen, und wie zu befürchten steht, für immer zerstört – auf beiden Seiten ist die Zweistaatenlösung in weite Ferne gerückt, israelische Einstaatenphantasien vom arabisch-jüdischen honeymoon sind es ohnehin, auf palästinensischer Seite heißt die einzig akzeptable Einstaatenlösung: from the river to the sea – und Hunderttausende Linke skandieren sie weltweit, ob sie nun wissen, was sie bedeutet, oder nicht.
Israel steht geächteter da als je zuvor. Israelbezogener Antisemitismus ist irische Staatsdoktrin und selbstverständlicher Haupttopos der gesamten britischen Kulturszene, progressive Erstsemestrige an US-amerikanischen und europäischen Unis feiern ihre politische Initiation nicht mit Kapitalismuskritik, sondern mit der Notwendigkeit, Israel zu zerstören, und in Ländern der südlichen Hemisphäre ist die Vorstellung, Israel sei an ihrer Unterentwicklung schuld, sinnliche Gewissheit. Aber der größte Erfolg der Hamas: Sie konnte Tilda Swinton als informelle Botschafterin gewinnen.
Die taktische Durchtriebenheit der Hamas reicht aber nicht so weit, ihre hohen Sympathiewerte ins Unermessliche zu steigern und für die Phase der Konsolidierung eine Taube als neuen Führer aufsteigen zu lassen, der die judenfreundlichen Passagen des Koran auswendig kennt, den Zionisten den 7. Oktober verzeiht und eine Zweistaatenlösung anbietet, welche Israel nicht akzeptieren kann, aber den Zweck verfolgt, alle historischen Verweigerungen eines solchen Plans durch die palästinensische Seite hinter dieser einen israelischen Verweigerung verschwinden zu lassen. Nun, hier stößt auch jihadistische Taktik an ihre Grenzen, andernfalls sie, während Netanyahu und Yoav Gallant in Den Haager Gefängniszellen schmoren, in Stockholm unter Tränen den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen könnte.