Ganz die alte Schule
Als meine Chefin im vergangenen Jahr mit 65 in Rente ging, hatte sie noch knapp 80 Stunden auf ihrem Überstundenkonto. Wenn sie mal in lockerer Stimmung war, und das war sie eigentlich ziemlich oft, prahlte sie damit, am Wochenende gar keine Arbeitsstunden mehr aufzuschreiben. »Das gibt nur Ärger mit der Personalabteilung.«
Als Vorgesetzte war sie lustig, fair und hat vor allem Frauen unterstützt und gefördert. Sie arbeitete mit Erkältung oder verstauchtem Knöchel aus dem Homeoffice und manchmal sogar während ihres Urlaubs. Gutgetan hat es ihr nicht. Work-Life-Balance hielt sie für eine woke Erfindung des Westens.
An dieser Einstellung gibt es aber noch ein anderes Problem: Die Chefin hat nämlich einen ähnlichen Einsatz auch von anderen erwartet. Insbesondere beim Thema mentale Gesundheit fehlte ihr das Verständnis und teilweise auch die Empathie. Das scheint auch eine Generationenfrage zu sein. In der Gruppe der unter 50jährigen ist die Scham, über mentale Gesundheit zu sprechen, geringer, während die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, größer ist.
Wenn die ehemalige Chefin die Leute mit Burn-out »Langzeiterkrankte« nannte, formte sie dabei mit ihren Fingern symbolisch Anführungszeichen in der Luft. Ihr war unverständlich, wie jemand so verweichlicht sein kann.
Für den diesjährigen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK hat das IGES-Institut Daten der DAK von 2024 analysiert. Einbezogen wurde auch eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Forsa vom vergangenen Herbst unter 7.068 Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Die sogenannte Generation Z, also die etwa 15- bis 30jährigen, leidet demnach häufig unter depressiven Symptomen.
Das tun die Älteren vielleicht auch, dann behalten sie es aber für sich. Ein Unterschied zwischen der Gen Z und der älteren Generation zeigt sich bei Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Während die einen womöglich jahrelang mit Ängsten und Depressionen weiterarbeiten, begeben sich die Jüngeren in Behandlung und melden sich dafür krank.
Bei der ehemaligen Chefin kam das aber nicht gut an. Wenn sie die Leute mit Burn-out »Langzeiterkrankte« nannte, formte sie dabei mit ihren Fingern symbolisch Anführungszeichen in der Luft. Ihr war unverständlich, wie jemand so verweichlicht sein kann. Kein Wunder also, dass mehr als ein Viertel, nämlich 28 Prozent der Gen Z, von Spannungen zwischen verschiedenen Altersgruppen in Betrieben berichtet. Jede und jeder Vierte derer, die Generationenkonflikte wahrnehmen, fühlt sich dadurch der DAK-Studie zufolge stark oder sehr stark belastet. Das scheint dafür zu sprechen, dass die Alten den Jungen also das Leben zur Hölle machen und nicht umgekehrt.
Diskriminierung aufgrund geringeren Alters ist kein Novum. Eine McKinsey-Studie in den USA ergab, dass gerade Frauen unter 30 davon betroffen sind. Auch bei der deutschen Studie wäre außer dem Alter das Geschlecht der Befragten interessant gewesen. Aber wen kümmert’s? Die DAK jedenfalls nicht.