Mit der AK auf dem Fitnessrad
Bereits die Entstehungsgeschichte von »Hollywoodgate« wirft Fragen auf. Nur wenige Tage nach dem Abzug der letzten US-Soldaten aus Afghanistan und der darauffolgenden Machtübernahme der Taliban 2021 erhielt der aus Ägypten stammende Dokumentarfilmer Ibrahim Nash’at Zugang ins Land. Nach Eigenaussage verdankt er dies Kontakten aus seiner zehnjährigen Tätigkeit als Journalist. Doch was versprachen sich die Taliban davon? Hielten sie Nash’at für ein williges Propagandawerkzeug? Oder waren sie schlicht so stolz auf ihren Sieg, dass sie diesen unbedingt mit der Welt teilen wollten?
Nash’at bekam jedenfalls seine Drehgenehmigung – unter der Bedingung, ausschließlich Taliban zu filmen, nicht das zivile Leben. Der Film ist ein Kompromiss zwischen dem, was der Regisseur zeigen will, und dem, was er zeigen durfte. Wie gefährlich diese Zerreißprobe für ihn hätte werden können, macht der Kommandant der Luftwaffe, der Taliban Amanuddin Mansoor, der im Zentrum des Films steht, unmissverständlich klar. Sollte sich Nash’ats Absicht als feindlich herausstellen, »wird er bald sterben«, lässt Mansoor vor seinen Leuten verlauten.
Der Titel »Hollywoodgate« verweist auf die US-Militärbasis, die die abziehenden Soldaten zurückgelassen haben – mitsamt Ausrüstung im Wert von mehr als sieben Milliarden US-Dollar.
Der Titel »Hollywoodgate« verweist auf die US-Militärbasis, die die abziehenden Soldaten zurückgelassen haben – mitsamt Ausrüstung im Wert von mehr als sieben Milliarden US-Dollar. Die ersten Szenen zeigen Taliban, die mit sichtlicher Faszination durch Medikamentenlager, Büroräume und Vorratskammern streifen. In ihrer Neugier wirken die bärtigen Männer beinahe wie Entdecker einer fremden Welt – dabei sind sie selbst die Fremdkörper, durch den Kontrast zwischen ihrer traditionellen Kleidung und dem Hightech der US-amerikanischen Anlagen wirkt die Szenerie wie aus einem postapokalyptischen Science-Fiction-Film.
Besonders bizarr ist eine Szene, in der die Männer den Trainingsraum der US-Soldaten entdecken und die auch einen Taliban mit Kalaschnikow zeigt, der auf einem Fitnessrad trainiert. Verstärkt wird das Gefühl des Außerweltlichen auch dadurch, dass Nash’at keine Zivilisten filmen darf. Die Städte wirken leer, beinahe gespenstisch. Die Taliban bewegen sich wie die einzigen Überlebenden durch eine Welt, die sie selbst zerstört haben.
Nash’at ist kein Apologet des Islamismus. Doch unter seinen früheren Auftraggebern findet sich mit al-Jazeera ein Sender, der in der Vergangenheit nicht gerade durch Distanz zu islamistischer Ideologie aufgefallen ist. Für den Filmemacher anfänglich eine gewisse Skepsis zu empfinden, liegt nahe – in Interviews betonte er allerdings, bereits als junger Mann gegen »Radikale« rebelliert zu haben, denen er in Ägypten ausgesetzt gewesen sei.
Im Film bleibt Nash’at im Hintergrund, was auch mit den Vorgaben der Taliban zu tun hat. Er muss seine Bilder für sich sprechen lassen – womit eben das Risiko einer Vereinnahmung steigt. Auch, weil das Leid der Bevölkerung – insbesondere von Frauen – nicht wirklich gezeigt werden kann.
Afghanistan das für Frauen repressivste Land
Aufgrund dieser Auslassungen wirkt vieles bizarr. So zum Beispiel, wenn Mansoor seinen Männern erst einmal erklären muss, was ein Dokumentarfilm ist, oder er in verwahrlosten Büroräumen Dokumente unterschreibt und sie abstempeln lässt, was so wirkt, als wolle man ein wenig Staat spielen. Doch was sich als Staat aufspielen will, ist in Wirklichkeit ein Terrorregime. Die Uno nannte Afghanistan 2023 das für Frauen repressivste Land, nach der sechsten Klasse sind sie von der Bildung ausgeschlossen, vor die Tür dürfen sie im Grunde auch nicht treten und nicht einmal in ihrem eigenen Haus singen.
Der Film zeigt davon nichts direkt – und Nash’at scheint um die Gefährlichkeit dieser Leerstelle zu wissen. So beginnt sein Film mit grausamen Medienbildern vollverschleierter Frauen, die mit Stöcken geschlagen oder mit einer Kalaschnikow am Kopf in die Knie gezwungen werden. Ebenso berichtet er in einem Kommentar aus dem Off, er habe das tägliche Elend der Afghanen gespürt, auch wenn er es nicht zeigen durfte.
An manchen Stellen des Films bricht sich die Ideologie des Terrors ganz offen Bahnen. Luftwaffenkommandant Mansoor gerät ins Schwärmen, wenn er vom Töten eines US-Soldaten phantasiert. Sein kleiner Sohn sagt lachend, er würde alle erschießen, wenn er eine Waffe hätte. Für die Taliban bedeutet Tod nicht Verlust – »Märtyrer« werden gefeiert, um zur Nachahmung zu inspirieren.
Militärparade zum einjährigen Jubiläum der Machtübernahme
Lebensfreude hat da keinen Platz – genauso wenig wie Frauen. Wenn sie im Film doch einmal auftauchen, dann vollverschleiert, schweigend, als Schatten ihrer selbst. Die Taliban geben ihnen Geld, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Unverpackte Schokolade werde schmutzig, wenn sie auf den Boden fällt, sagt einer sinngemäß als Begründung für die Vollverschleierung. Es ist ein besonders verstörender Moment im Film.
Das Finale ist eine Militärparade zum einjährigen Jubiläum der Machtübernahme. Hochrangige Vertreter Russlands, Pakistans und des Iran sind geladen. Vorher kommt es zu einem brutalen Zwischenfall – Taliban, die sich von der Parade ausgeschlossen fühlen, werden niedergeschlagen. Gewalt ist die einzige Sprache dieses Regimes.
Die Taliban haben die Macht der Inszenierung verstanden. Uniformierte marschieren auf, Fahrzeuge werden in Formation gebracht, die alten US-Kampfgeräte pompös vorgeführt.
Während des Marschs gibt Mansoor pausenlos Funkbefehle. Alles wirkt ein wenig zurechtgeschustert. Als Panzer und Flugzeuge mit Taliban-Flagge vorbeiziehen, spürt man dennoch das drohende Unheil. Erinnerungen an die Aussage Mansoors werden wach, dass, hätten sie schon früher solche Ausrüstung wie die des US-Militärs gehabt, sie schon längst die Welt erobert hätten.
Eines macht die Parade besonders deutlich: Die Taliban haben die Macht der Inszenierung verstanden. Uniformierte marschieren auf, Fahrzeuge werden in Formation gebracht, die alten US-Kampfgeräte pompös vorgeführt. Auch wenn nicht alles rund wirkt, ist klar: Hier sollen militärische Disziplin und Entschlossenheit demonstriert werden – eine Gegenerzählung zur jahrzehntelangen Darstellung Afghanistans als rückständige Krisenregion. »Hollywoodgate« zeigt, wie gut die Taliban begriffen haben, dass Macht nicht nur in den Waffen liegt, sondern auch in der Kontrolle über die Bilder.
Hollywoodgate (DE/USA 2023). Buch: Ibrahim Nash’at, Talal Derki, Shane Boris. Regie: Ibrahim Nash’at. Kinostart: 14. August.